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Fragen und Antworten : Grippewelle in Deutschland: Schon 40.000 Fälle

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Grippe hat Deutschland in diesem Jahr besonders schwer erwischt. In SH scheint sich die Lage zu stabilisieren.

shz.de von
erstellt am 07.Mär.2015 | 15:00 Uhr

Kiel/Berlin | In diesem Jahr hat die Grippewelle Deutschland schwer erwischt. Fast 40.000 Menschen sind bisher nachweislich an Influenza erkrankt, im ganzen Land wird gefiebert, geschnupft und gehustet. Mehr als doppelt so viele Patienten wie sonst im Winter gehen wegen Atemwegserkrankungen zum Arzt. „Darunter sind besonders viele Erwachsene zwischen 30 und 50 Jahren“, berichtet Thomas Maurer, Chef des schleswig-holsteinischen Hausärzteverbandes. Da kaum ältere geimpfte Patienten betroffen sind, geht er davon aus, „dass der Impfstoff doch nicht so schlecht wirkt, wie anfangs befürchtet“. Wie berichtet hat ein wandlungsfreudiges Grippevirus eine Komponente der Impfung außer Kraft gesetzt.

„Die aktuelle Influenza-Saison gehört sicher zu einer der schwereren Wellen der vergangenen Jahre“, meint Silke Buda vom Berliner Robert-Koch-Institut (RKI). Die Behörde rechnet mit einem weiteren Anstieg der Neuerkrankungen. Bei ähnlichen Wellen gab es bisher geschätzt bis zu 20.000 Grippe-Tote. In „normalen Jahren“ gehen Experten von 8000 bis 11000 Grippetoten aus. Allein das sind mehr als doppelt so viele Menschen wie jedes Jahr in Deutschland bei Verkehrsunfällen sterben.

Nach einer Blitzumfrage bei seinen Kollegen hofft Maurer, dass das schlimmste überstanden ist. „ Es ist noch nicht vorbei, aber die Welle erschlägt uns nicht mehr, wie noch vor einer Woche“. Momentan sitzen in den Wartezimmern rund 15 bis 20 Prozent mehr Patienten als sonst. „Vor zehn Tagen waren es noch 30 bis 40 und es herrschte Chaos“, berichtet Maurer.

Längst nicht alle leiden unter der „echten“ Grippe. In gut 60 Prozent wird – sofern überhaupt getestet wird – eine Influenza diagnostiziert. In den anderen Fällen nur eine schwere Erkältung, berichtet das RKI. Dort wurden allein in der vergangenen Woche 12.000 bestätigte neue Fälle gemeldet. Aus Schleswig-Holstein waren es 304 Fälle. In der laufenden Woche sind es allerdings erst 48. Das könnte ein erster Hinweis darauf sein, dass sich die Lage normalisiert und sich zum Beispiel auch die Kitas wieder füllen. Dort fehlt derzeit laut Kieler Uni-Institut für Infektiologie jedes fünfte Kind. In drei der 50 befragten Kitas sogar jedes zweite.

Wie lange dauert eine Grippewelle?

In den letzten Jahren begann die Grippewelle jeweils im Januar und hat meist drei bis vier Monate angehalten. In den kalten Wintermonaten ist das Virus außerhalb eines menschlichen Trägers stabiler und wird somit leichter übertragen. Die trockene Luft tut ihr Übriges: Die Schleimhäute sind dann anfälliger für Infektionen.

Der Höhepunkt der aktuellen Grippewelle ist wahrscheinlich noch nicht erreicht. Experten glauben, dass die Infektionswelle noch bis in die Osterzeit anhalten könnte.

Welcher Erreger grassiert momentan?

H3N2 heißt der Subtyp von Influenza-A-Viren, der uns in diesem Jahr hauptsächlich zu schaffen macht. Dieser Typ war auch in den vergangenen Jahren unterwegs, in der laufenden Saison tritt er jedoch verstärkt und aggressiver auf.

Wie wird die Grippe übertragen?

Die Grippe ist eine hochansteckende Krankheit. Eine Ansteckung erfolgt wie auch bei einer einfachen Erkältung nach dem Prinzip der Tröpfcheninfektion. Besonders beim Husten oder Niesen gelangen Tröpfchen mit dem Erreger in die Luft und in die Atemwege empfänglicher Personen. Doch nicht nur in der Luft lauert die Ansteckungsgefahr. Auch über Oberflächen wie Türgriffe kann der Erreger aufgenommen werden.

Wie kann ich mich schützen?

Der beste Schutz gegen eine Ansteckung ist die Grippeimpfung. Für diese Saison ist eine Impfung jedoch eigentlich schon zu spät. Denn bis der Impfstoff wirkt, dauert es 10 bis 14 Tage, erklärt Prof. Thomas Löscher vom Berufsverband Deutscher Internisten (BDI). Nur Risikogruppen wie chronisch Kranken, Älteren, Schwangeren oder medizinischem Personal empfiehlt er, die Impfung nachzuholen.

Da das Influenzavirus Jahr für Jahr ein anderes ist, sollte eine Grippeimpfung jährlich aufgefrischt werden – am besten bereits im Herbst.

Wer die Impfung verpasst hat, sollte besonders darauf achten, häufig die Hände zu waschen und sich wenig ins Gesicht zu fassen. Auch Händeschütteln sollte in der kritischen Zeit gemieden werden.

Wir wirkungsvoll ist eine Grippeimpfung?

Der Grippeimpfstoff dieser Saison wirkt offenbar nicht optimal. Beim derzeit zirkulierenden A(H3N2)-Virus müsse laut Robert-Koch-Institut mit einer schwächeren Wirksamkeit gerechnet werden. Die Einschätzung der Experten beruht auf Daten aus den USA und mehreren europäischen Ländern - darunter auch Deutschland.

Grippeviren unterliegen einer ständigen genetischen Veränderung, daher werde auch die Zusammensetzung des Impfstoffes jedes Jahr neu geprüft. Die Untersuchung der bislang zirkulierenden Viren zeigte aber, dass der Impfstoff nicht optimal zu den Viren des Typs A(H3N2) passe. Genauer gesagt, muss gewöhnlich das im Impfstoff enthaltene Eiweiß mit dem Oberflächeneiweiß des Erregers übereinstimmen.

Auch die Weltgesundheitsorganisation in Genf bestätigte, dass sich Unterschiede zwischen Impfstoff und Erreger des Subtyps andeuteten.

Grippe und Erkältung: Was sind die Unterschiede?

Grippebeschwerden lassen nach einer Ansteckung nicht lange auf sich warten. Sie melden sich plötzlich mit raschem Temperaturanstieg, großer Abgeschlagenheit und heftigen Kopf- und Gliederschmerzen. In der Regel macht uns eine Grippe fünf bis sieben Tage lang zu schaffen.

Erkältungen, auch grippale Infekte genannt, weisen häufig ähnliche Symptome auf. Der Krankheitsverlauf steigt aber in der Regel weniger sprunghaft an und ist meist weniger schwer.

Da es rund 200 verschiedene Erkältungsviren gibt, kann man mehrmals hintereinander erkältet sein. Eine Grippe hingegen wird immer durch das Influenzavirus hervorgerufen. Impfen kann man sich übrigens nur gegen die Grippe.

Was tun, wenn es mich erwischt hat?

Auch wenn es schwer fällt – der Kontakt zu den Mitmenschen sollte während einer Grippeerkrankung minimal sein, um Ansteckungen zu vermeiden. Deshalb sollte der Partner falls möglich in einem anderen Raum übernachten. Während der akuten Phase einer Grippe sollte der Erkrankte zu Hause bleiben und das Bett hüten.

Dabei sollte auf Hygiene geachtet werden: Taschentücher sollten stets sofort entsorgt werden, die Hände eines Grippepatienten gehören häufig gewaschen, beim Niesen sollte der Patient den Ärmel vor den Mund halten, um eine Verbreitung über die Hände zu vermeiden. Regelmäßiges Lüften hilft, die Zahl der Tröpfchen in der Luft zu verringern und wirkt sich unterstützend auf das Immunsystem aus.  

Der Weg in die Notaufnahme ist bei einer Grippeinfektion nicht nötig. In den meisten Fällen reicht ein Besuch beim Hausarzt. Behandelt werden dort in der Regel die Grippesymptome – also Fieber, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen.

Wie gefährlich ist die Grippe?

Besonders für Menschen ab 60, chronisch Erkrankte und schwangere Patienten stellt die Grippe ein Risiko dar. Bei den Risikogruppen kann die Grippe einen schweren und unter Umständen sogar tödlichen Verlauf nehmen. Mögliche Komplikationen sind schwere Infektionen wir Lungen- Herzmuskel- oder Hirnhautentzündungen.

Trotz Vorbeugeimpfung kommt es auch in Deutschland jedes Jahr zu vereinzelten Todesfällen.

Wie schwer ist SH von der Grippewelle betroffen?

Obwohl in Schleswig-Holstein in den letzten Wochen deutlich mehr Grippefälle gemeldet wurden, als im Vorjahreszeitraum, liegt das Epizentrum der Krankheit im Süden Deutschlands.

Die meisten Influenza-Erkrankungen gab es bisher in Kiel und im Kreis Steinburg. Im UKSH  gebe es an den Standorten Kiel und Lübeck zurzeit weder beim Personal hohe Ausfälle noch einen Patientenansturm wegen Influenza, beschrieb ein Sprecher die aktuell insgesamt nicht sehr angespannte Lage.

Dagegen bezeichnete der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein, Bernd Kraemer, die Situation in einigen Regionen als zugespitzt. In Lübeck zum Beispiel seien einige Notaufnahmen mit Influenza-Patienten überfüllt und wegen an Grippe erkranktem Krankenhauspersonal hätten auch Operationen verschoben werden müssen.

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