Gastbeitrag : Griechenland-Wahl: Die Zukunft kann nicht schlechter werden

Dimosthenis Kekes ist einer von elf Millionen Griechen und lebt in Athen.
Dimosthenis Kekes ist einer von elf Millionen Griechen und lebt in Athen.

Wut, Angst und Enttäuschung bestimmen die Wahl in Griechenland – und Alexis Tsipras hat den Griechen allen versprochen. Wie ist die Stimmung vor Ort? Ein Gastbeitrag.

shz.de von
26. Januar 2015, 07:10 Uhr

Griechenland hat gewählt: Das Linksbündnis Syriza von Alexis Tsipras, der den Griechen so ziemlich alles versprochen hat, wird die nächste Regierung bilden. Also: Ab sofort keine Troika mehr. All jene, die ihren Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst durch die strengen Auflagen verloren haben, werden wieder eingestellt. Geringverdiener brauchen ihre Bankkredite nicht zurückzahlen. Und, und, und ...

Was ist los mit den Griechen? Sind sie alle Kinder, die an Märchen glauben? Oder wollen sie in ihrem Stolz kollektiven Selbstmord begehen?

Die Wahrheit ist, wir Griechen sind verzweifelt – und so ist der Wahlausgang die Folge einer reinen Verzweiflungstat. Die Arbeitslosenquote liegt bei 27 Prozent, 1,3 Millionen Menschen mit Familie und Kindern haben keinen einzigen Euro Einkommen. Nur 120  000 Arbeitslose erhalten derzeit für ein Jahr ein Arbeitslosengeld in Höhe von 360 Euro. Wer einen Arbeitsplatz findet, erhält meist das Mindesteinkommen von 390 Euro brutto im Monat. Den alten Menschen hat die Regierung die Rente gekürzt. Die Steuern sind drastisch erhöht worden. Neue Steuern wurden eingeführt, so müssen Mieter sogar eine Wohnungssteuer bezahlen. Dabei ist das Preisniveau in etwa so hoch wie in Deutschland, Grundnahrungsmittel wie Milch sind sogar deutlich teurer.

Unter meinen Arbeitskollegen ist die Stimmung so wie bei den meisten Griechen. Sie sagen: Uns ist es egal, wer die politische Macht hat – wir wollen nur eines: Die jetzige Regierung unter dem konservativen Ministerpräsidenten Antonis Samaras loswerden. Mag ja sein, dass wir den Euro verlieren. Aber wer nichts besitzt, wer kein Einkommen hat oder so wenig verdient, dass er nicht davon leben kann, dem ist es egal, ob die Landeswährung der Euro oder die Drachme ist – er hat immer noch nichts.

In dem Haus, in dem ich in Athen lebe, haben die Bewohner seit zwei Jahren keine Heizung. Niemand hat das Geld, um die Heizung zu bezahlen. Bitte, liebe Deutsche, urteilt über uns Griechen nicht aus der Sicht eines Touristen, der im Sommer seine Ferien in den Urlaubsregionen Griechenlands verbringt. 80 Prozent des Geldes, das Touristen hier ausgeben, fließt in die Taschen der Hotel- und Restaurant-Besitzer – aber kaum etwas an den Staat. Das ist der Grund, warum Urlauber in lächelnde Gesichter der Gastgeber blicken – die Anderen aber lächeln nicht.

Was mich angeht: Ich habe Glück gehabt. Nach drei Jahren Arbeitslosigkeit, ohne Hoffnung und ohne Zukunft, habe ich für 700 Euro brutto im Monat eine auf ein Jahr befristete Arbeit in einem Athener Krankenhaus gefunden. Mein Sohn arbeitet sechs Monate im Jahr täglich 9 bis 12 Stunden – ohne eine Festanstellung und damit ohne jede Sicherheit.

Die Troika hat schwere Fehler gemacht, der Internationale Währungsfonds noch mehr. Und sie haben ihre Fehler sogar eingesehen. Nur: Diese Fehler werden mit menschlichen Schicksalen bezahlt, ja, sie kosten Menschenleben. Wundert sich niemand darüber, wie viele Selbstmorde es seit Ausbruch der Krise in Griechenland gegeben hat? Wie viele Menschen sind ruiniert worden? Bankkredite, die sie aufgenommen haben, werden sie nie mehr zurückzahlen können. Wie viele Menschen haben ihr Zuhause verloren und wie viele werden es noch sein? Viele Griechen haben keine Krankenversicherung, weil sie es sich nicht leisten können. Und die einzige warme Mahlzeit am Tag erhalten sie in öffentlichen Suppenküchen. In den Grundschulen wird jetzt morgens an die Kinder kostenlos Milch verteilt. Warum? Weil viele Kinder während des Unterrichts in Ohnmacht fielen, ihre Eltern haben einfach kein Geld für ein Frühstück.

Das ist der Grund, warum die Wut, die Enttäuschung und die Angst in Griechenland gewählt haben. Die Zukunft Griechenlands kann nicht schlechter werden – und das Leben der Griechen kann es auch nicht.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen