"70.000 tons of metal" : Glühende Metalheads unter karibischer Sonne

Am vollsten aufgedreht: Auf dem Pool-Deck ging es auch bei der Band 'Pretty Maids' bei Sommer, Sonne und Poolatmosphäre hoch her. Foto: Hinz
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Am vollsten aufgedreht: Auf dem Pool-Deck ging es auch bei der Band "Pretty Maids" bei Sommer, Sonne und Poolatmosphäre hoch her. Foto: Hinz

Metalfestival auf hoher See: Auf der Kreuzfahrt "70.000 tons of metal" kommen sich Fans und Bands ganz nah. Wir haben eine Schleswig-Holsteinerin begleitet.

shz.de von
30. Januar 2012, 06:15 Uhr

Miami | Eigentlich tritt Doris Grabowski (39) aus Neu-Sophienhof bei Kiel stets seriös auf: Im Kostüm tritt sie als Standesbeamtin heiratswilligen Paaren gegenüber, um ihnen auf dem Weg in die institutionelle Zweisamkeit noch ein wenig Stabilität zu geben.
Jetzt hat sie das Kostüm für eine Woche in den Schrank gehängt - und es gegen ein schwarzes Metal-Outfit getauscht: von der Behördendame zum Metalhead in sieben Tagen. Denn sie fuhr bei der zweiten Metal Cruise "70.000 tons of metal" mit, die bis Samstag fünf Tage lang harte Klänge auf die hohe See entließ.
Übersichtliches Metalfest gesucht

42 Heavy Metal-Bands und 2000 Metalheads aus der ganzen Welt kamen auf dem Luxusliner "Majesty of the Seas" zusammen, um hart und heftig zu feiern. Von Miami aus stach das Schiff in See, Kurs: Kayman Islands - und zurück. Dazu gekommen ist Doris Grabowski, weil sie die Sehnsucht nach Metalfestivals trieb. Seit 20 Jahren Metalfan, besuchte sie auch das Wacken Open Air seit 1996 in jedem Jahr. "2008 ist mir das aber zu groß geworden und ich bin nicht mehr hingefahren", erzählt sie. "Ich wollte etwas Übersichtlicheres."
Als sie dann im Fernsehen die Übertragung des diesjährigen Wacken Open Airs gesehen hat, da hat sie die Sehnsucht gepackt und ihr ist eingefallen: "Da war doch dieses Metal-Schiff...". Mit dem "Cola-Whiskey in der Hand habe ich die Fahrt zu Hause am Computer gebucht."
Keine Bedenken nach Schiffsunglück vor Italien
Sie hat keine Bedenken bekommen und ist auch nicht ins Zweifeln geraten, als das Schiffsunglück in Italien mit mehreren Toten geschah, wie sie sagt. "Weil da eindeutig der Kapitän Schuld war und es menschliches Versagen war, vertraue ich auf den hiesigen Kapitän", sagt sie. "Ich hatte eher Bedenken beim Flug und den Formalitäten, weil ich zum ersten Mal auf diese Art gereist bin."
Die hat sie aber überwunden und ist alleine nach Miami geflogen. Dort versammelte sich die Metal-Meute bereits einen Abend vor dem Ereignis am Strand von Miami Beach, um in die bevorstehende Schiffstour mit viel Bier hinein zu feiern.
Party in Downtown Miami
Während Doris Grabowski daran nicht teilnehmen konnte, war eine Gruppe von sechs Finnen unter den etwa 300 schwarz Gekleideten. "Wir sind sonst immer bei skandinavischen Festivals", erzählte Riikka Vasko. "Aber nun fanden wir die Idee zu einem Metal-Festival auf See so cool, dass wir da mitmachen mussten."
So zogen sie abends noch vom Strand nach Downtown Miami, wo mittlerweile noch einmal 350 Fans eine Willkommensparty mit Live-Bands feierten, bevor sie am nächsten Morgen aus ihrem Motel gemeinsam zum Hafen fuhren. Da war mittlerweile auch Doris Grabowski angekommen, die als eine der ersten boarden durfte. "Schon hier bin ich Bandmitgliedern von Edguy und Stratovarius begegnet", erzählt sie.
Alle feiern gemeinsam
Denn auf dem Schiff wurden Fans und Bands gnadenlos aufeinander los gelassen, gab es keine Backstage-Bereiche wie sonst üblich. "Auf dem begrenzten Raum sollen sie zusammen finden und zusammen feiern", begründet der Erfinder der Metal Cruise, Andy Piller, das Konzept. "Viele Bands hat man da schon am Gitarrenkoffer erkannt", fiel Doris Grabowski auf.
Aber auch die Fans lernten sich näher kennen, schlief sie doch in einer Vierer-Kabine gemeinsam mit zwei Amerikanerinnen und einer Deutschen aus Chemnitz.
Akribische Sicherheitsübung
Wegen des Schiffsunglücks in Italien erlebte Doris Grabowski hier die Auswirkungen dieser Geschehnisse hautnah mit. In einer Sicherheitsübung mussten sich alle Passagiere an Deck unter dem jeweiligen Rettungsboot versammeln, und es wurde ihnen vom Personal die Funktion der Rettungswesten erklärt. "Das muss auch sein, damit man im Notfall weiß, wo man hin soll und wo das Rettungsboot steht", findet sie. Allerdings machte sie sich über einen derartigen Fall keine allzu großen Gedanken, wie sie zugibt. "Jetzt kenne ich die Wege auf so einem großen Schiff. Bislang hatte ich die größere Sorge, meine Lieblingsband zu verpassen, als zu fürchten, dass das Schiff untergehen könnte."
Im Anschluss konnte sie dann endlich mitfeiern, als Bands wie "Nightwish", "Hammerfall" und "Grave Digger", "Stratovarius", "In Extremo" oder "Children of Bodom" unter strahlender Sonne heftig in die Saiten griffen. Die Band "Alestorm" sah sie in der "Spectrum Lounge", einer kleinen Bühne mit Clubatmosphäre, während "Grave Digger" im "Chorus Line Theater", einem Theater mit Sitzplätzen über drei Stockwerke, spielten. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich die Bands lange daran gewöhnen mussten", fiel ihr auf. "Die haben gleich voll aufgedreht und hatten richtig Spaß."
"Das Wichtigste ist die Metalfamilie"
Am vollsten aufgedreht haben sie aber auf dem Pool-Deck bei Sonne und Poolatmosphäre. Die Lieblingsband in gelöster Stimmung genießen - wann erlebt der gemeine Metalhead das sonst schon mal? "An Deck habe ich mich auf eine Liege gelegt und meinen ersten Cocktail geschlürft", erzählt sie. "Das Gefühl war unbeschreiblich."
Auch das im Preis inbegriffene, 24 Stunden an Bord erhältliche Essen hat es ihr angetan. "Trotz allem Headbangen und Moshen vor der Bühne befürchte ich, ich nehme ein paar Kilo zu." Und was ist hier mit "Duschen ist nicht Heavy Metal" bei eigenem Bett, Dusche und Warmwasser? "Das ist immer noch Metal-Feeling - nur ein anderes", meint sie. "Das Wichtigste ist da: die Metalfamilie. Die Bands und die Fans sind sich näher, benutzen den gleichen Fahrstuhl, stehen in derselben Schlange."
Den Alltag vergessen
So haben neben den Fans auch viele Bands Ausflüge beim Landgang gebucht, der sie einen Tag lang nach Georgetown auf die Kayman Islands führte. Während sich viele der Metalheads den Besuch des vielsagenden Ortes "Hell" nicht entgehen lassen wollten, haben sich die anderen bei weiteren Aktivitäten vergnügt: Schnorcheln, Tauchen, mit Stachelrochen oder Delphinen schwimmen.
Und eine weitere Belohnung wartete auf die Fans auch schon bei der Rückfahrt: Jede Band, die bereits einmal aufgetreten war, spielte noch einmal auf einer anderen Bühne. "Wer eine verpasst hat, kann das dann eben nachholen", freut sich der schleswig-holsteinische Metalfan.
"Die Metalheads, ohnehin für ihre Friedfertigkeit bekannt, haben auch hier entgegen anderer Befürchtungen das Schiff nicht auseinander genommen. "Die Fahrt hat sich alleine schon deswegen gelohnt", sagt Doris Grabowski - und hat das Kostüm für ihre Arbeit, das sie in der kommenden Woche wieder tragen muss, zumindest für ein paar Tage ganz vergessen.

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