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Flüchtlingskrise in Syrien : Gespräch mit einem Schleuser: „Niemand will mehr nach Europa“

vom
Aus der Onlineredaktion

Omar hat keinen Chef, er ist Menschenschmuggler. Im Interview erklärt er, wie es in seinem Gewerbe vor sich geht.

Dreimal lehnt Omar es ab, über seinen Beruf zu sprechen. Über seine Arbeit, die er oft bei Nacht und möglichst geheim erledigt. Doch dann sagt der Menschenschmuggler doch zu, der Deutschen Presse-Agentur ein Interview zu geben. Aber nur, wenn sein Name und sein Wohnort nicht verraten werden. Der 31-Jährige, der hier Omar heißt, lebt in einem kleinen Ort nahe der syrisch-türkischen Grenze. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Omar stammt aus der syrischen Hafenstadt Latakia, wo er zwei Häuser besitzt. Er hat seine Heimat vor einiger Zeit verlassen, weil er Angst hatte, zum Militär einberufen zu werden. Er wollte es vermeiden, wie er sagt, in den Bürgerkrieg hineingezogen zu werden. Ein Gespräch.

Omar: Ich war früher Bauarbeiter, doch als die Proteste losgingen, wurde ich arbeitslos. Ich zog aufs Land zu Verwandten und hoffte, dort einen Job zu finden. Ich bekam mit, dass meine Cousins die türkisch-syrische Grenze erwähnten. Und ich hörte über Deals, die mit Schmuggel zu tun hatten. Weißt du, jemand wie ich, der Geld braucht, um seine Familie durchzubringen, ist bereit, was auch immer dafür zu tun! Ich schloss mich einer Gruppe von Verwandten an, die als Schmuggler arbeiten. Das Ganze hat System: Jeder von uns hat eine bestimmte Aufgabe in der Gruppe. Als ich mich ihnen anschloss, musste ich nur einen einzigen Weg im Auge behalten und die Grenzposten dort beobachten. Dann gibt es andere, die die Kunden über die Grenze bringen. Und welche, die mit ihnen die Geldgeschäfte abwickeln.

Haben Sie einen Chef?
Nein, wir haben keinen Chef. Wie arbeiten als Team, wir diskutieren und beraten uns, dann entscheiden wir. Die Größe unserer Gruppe hängt davon ab, wie viele Wege wir nutzen können. Normalerweise sind wir sieben Leute.

Gibt andere Gruppen, die nahe der Grenzen arbeiten?
Ja. Jede Gruppe hat ihre eigene Strecke, über die sie Menschen in die Türkei bringt. Wir können nicht ihre Wege nutzen - und sie nicht unsere. Das ist wie eine Übereinkunft, aber Probleme kann es überall geben (lacht).

Wie gehen Sie genau vor?
Als erstes können unsere Mitglieder, die für das Beobachten der Wege verantwortlich sind, entscheiden, ob die Strecken offen sind oder nicht. Wenn sie, wie jetzt gerade, zu sind, verschieben wir unsere Arbeit auf die folgende Nacht. Zweitens gibt es Regeln, die der Kunde beachten muss: Wir brauchen völlige Stille während der gesamten Operation, um in die Türkei zu gelangen. Dann darf es kein Licht geben. Wir sind auf Anrufe angewiesen, um unsere Teamarbeit abzusprechen. Wir benutzen keine Apps, weil sie Licht verbreiten und uns für die türkischen Grenzbeamten sichtbar machen. Zudem stellen wir unsere Handys auf stumm, um nicht gehört zu werden. Die Kunden dürfen sich nicht unterhalten. Falls sie geschnappt werden, dürfen sie den Grenzbeamten nichts über die Gruppenführer verraten. Die Kunden sollen vorgeben, dass die Schmuggler weggelaufen sind.

Wie lange dauert so ein Grenztrip?
Manchmal muss ein Kunde drei Stunden in der Dunkelheit laufen, um über die Grenze zu kommen - wenn es nicht schief geht und wir von türkischen Grenzern geschnappt werden. Was die jetzige Lage betrifft, so wird es immer schwieriger. Die Türkei macht uns die Arbeit immer schwerer. Heutzutage haben wir kaum Erfolg, die Kunden zu bedienen. Letzten Monat verdiente jeder von uns nur 25 Dollar.

Haben Sie bei Ihrer Arbeit jemals beobachtet, dass jemand verletzt oder getötet wurde?
Was meine Arbeit betrifft, nein. Wir hatten bisher keine Opfer, weder unter unseren Kunden noch auf unserer Seite. Aber vier Menschen aus anderen Gruppen wurden von türkischen Grenzbeamten erschossen und ein Kunde verletzt. Rebellengruppen wie Ahrar und Al-Nusra beobachten uns, wir dürfen keine Fehler machen. Sie haben keine Abmachungen mit uns, und funken uns auch nicht dazwischen.

Wie sieht es mit der Bezahlung aus?
Also verglichen mit anderen Gruppen sind wir gute Menschen.Wir nehmen nicht viel Bargeld, manchmal nehmen wir überhaupt kein Geld. Wir wissen, warum Menschen Syrien verlassen: Die meisten haben ihre Arbeit verloren, einige ihre Häuser. (...) Ich kann nicht zu jemandem sagen: Okay, du musst mir 200 Dollar zahlen oder zurück zu deinem zerstörten Haus gehen. Wir nehmen auch kein Geld dafür, Kinder über die Grenze zu bringen. (...) Der Kunde gibt uns das Geld, bevor er oder sie die Grenze überquert. Wenn jemand geschnappt wird, gebe ich das Geld zurück, so ist der Vertrag. Heutzutage nehme ich nur 150 Dollar für jeden Kunden, einige Gruppen nehmen 500 oder 800 Dollar, aber meine Gruppe nicht. Wir sind keine Erpresser.

Wie viel verdienen Sie als Schmuggler?
Man kann sagen, dass ich gerade genug Geld bekomme, um zu kaufen, was ich brauche, und um meiner Familie zu helfen.

Haben Sie Partner in der Türkei? Und was tun die Behörden?
Keine Partner, aber wir garantieren unseren Kunden, dass es auf türkischer Seite Leute gibt, die sie ins Landesinnere bringen. Dafür müssen sie ebenfalls einen gewissen Betrag zahlen. Die türkischen Behörden sind bereit, uns zu töten. Wenn sie jemanden von uns erwischen, können wir von Glück sprechen, wenn sie uns nur die Knochen brechen. Sie könnten uns auch einsperren.

Was ist das Ziel Ihrer Kunden?
Im Sommer 2016 wollten alle meine Kunden nach Europa, aber jetzt will dort niemand mehr hin, aus zwei Gründen: Erstens ist es schwieriger geworden wegen der neuen, strikten Regeln an den europäischen Grenzen. Und zweitens wegen der aggressiven Stimmung gegen Flüchtlinge und Muslime.

Glauben Sie nicht, dass Ihre Arbeit illegal ist und Schmuggler zu sein, etwas Falsches ist?
Also, theoretisch ist es falsch, so einen Beruf zu haben und illegal. Aber praktisch gesehen tue ich Gutes. Ich helfe den Menschen, die seit sechs Jahren leiden, aus Syrien zu kommen und friedlich zu leben, bis dieser Krieg vorbei ist. Außerdem versorge ich meine Familie mit allem, was sie braucht.

Dieses Interview ist Teil des weltweiten Recherche-Projekts MINDS Global Spotlight zum Thema Schlepperkriminalität. Darin haben zehn Nachrichtenagenturen Reportagen, Interviews und Zahlen zusammengetragen. Die redaktionelle Führung lag bei der australischen Agentur AAP und der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

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erstellt am 13.Jun.2017 | 17:03 Uhr

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