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Zu hohe Preise : Gerd Müller und der Boykott der WM-Trikots

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CSU-Minister Müller wettert bei einer Rede gegen Adidas und das überteuerte WM-Trikot. Der Hersteller reagiert prompt. Aber gibt es noch faire Ware in Deutschland?

Berlin | Bald zwei Monate ist es her, da gewann die deutsche Nationalmannschaft den vierten WM-Titel. Die Euphorie in der Bundesrepublik war groß. Viele Fans feierten und wollten natürlich das begehrte Trikot mit dem vierten Stern – auch in Schleswig-Holstein. Nun muss man für das aktuelle Adidas-Trikot der Deutschen Nationalmannschaft stolze 84,95 Euro auf den Tisch legen. Eine Näherin in Fernost sieht von dem hohen Preis aber lediglich einen Anteil von gerade einmal 15 Cent.

Bei einer Rede vor der Industrie- und Handelskammer in Berlin äußerte sich CSU-Bundesentwicklungsminister Gerd Müller und prangerte die Preispolitik an. „Diese Trikots, diese Anzüge, diese Hemden, wollen Sie die tragen?“, fragte er in den Raum. Die Näherinnen leisteten an sechs Tagen in der Woche Schwerstarbeit mit 16-Stunden-Tagen und verdienten fünf Cent die Stunde, sagte Müller. „Es gibt keinen Arbeitsschutz, Schwangere werden sofort gekündigt. Kinder bearbeiten barfuß Leder in einer Chemiebrühe und werden zehn Jahre später daran sterben.“ Für einige klang das nach einem Boykott-Aufruf.

Die Preise sind von Adidas vorgegeben. Beim deutschen „Sommermärchen“ 2006 kostete die deutschen Anhänger das Trikot der Nationalelf noch 64,95 Euro. Bei der WM in Südafrika 2010 waren es bereits 69,95 Euro.

Doch wie setzt sich der Preis zusammen? Laut Adidas sind Kosten für Forschung und Entwicklung, Produktions- und Lohnkosten, Steuern, Marketing, Vermarktung und die Händlermarge anzusetzen. Auf vielen Webseiten bekommt man eine Übersicht, wer wie viel bekommt. Die Herstellerfirma etwa 15,30 Euro. Rund 12,77 Euro entfallen auf die deutsche Mehrwertsteuer von 19 Prozent. Die eigentliche Herstellung des Trikots, sprich Stoff, Nähen und Transport, schlägt lediglich mit 7,75 Euro zu Buche. Der Deutsche Fußballbund erhält Lizenzgebühren in Höhe von etwa 4,80 Euro. Der Rest, knappe 2,25 Euro, werden für das Marketing ausgegeben. Die verbleibenden 1,90 Euro für den Vertrieb des Trikots. Den größten Anteil streichen jedoch die endgültigen Verkäufer ein. Sportgeschäfte oder Onlineshops bekommen einen Anteil, der bei etwa 35,23 Euro pro Stück liegt.

Adidas reagierte scharf auf den Artikel. Die Firma fordere den Minister auf, „Abstand von diesen faktisch falschen Vorwürfen zu nehmen“, sagte eine Sprecherin gegenüber dem Tagesspiegel. Adidas beziehe die Nationaltrikots aus China und nicht aus Bangladesh. Das Trikot der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft werde bei Bowker in China hergestellt, erklärt Sprecherin Katja Schreiber auf Anfrage der Lübecker Nachrichten. „Bowker gehört zu einem der vorbildlichsten Hersteller in unserer Industrie.“ Leider habe der Minister „sich nicht detailliert genug über unsere Beschaffungsaktivitäten informiert und auch keinen unserer Zulieferbetriebe selbst besucht“.

Dennoch bleibt bei der Herstellung der Trikots ein übler Nachgeschmack. Auch heute lassen viele Hersteller ihre Trikots in Fernost produzieren. In der Vergangenheit gab es aber auch in der Bundesliga Hersteller, die nur in Deutschland produzieren. Von 1979-1997 war die in Burladingen ansässige Firma Trigema Trikotsponsor verschiedener Fußballmannschaften der 1. Bundesliga. Darunter Werder Bremen, Schalke 04, FC Kaiserslautern, der VfL Bochum, Hertha BSC, Borussia Mönchengladbach oder aber der 1.FC Nürnberg. Heute kostet ein in Deutschland produziertes Funktionsshirt für den Fußballspieler 52 Euro.

Auch die Firma Derbystar, ein deutsches Unternehmen, ist bereits lizenzierter Fairtrade-Partner. Zwar wurde die Produktion inzwischen nach Pakistan ausgelagert, dennoch würden Fußbälle und Trikots bei fairen Löhnen gefertigt. Es gebe eine Arbeitervertretung, die das Mitspracherecht der Arbeiter sichern soll. Außerdem wurde die in Pakistan sehr verbreitete Heimarbeit verboten, damit sichergestellt werden kann, dass keine Kinder an den Bällen arbeiten. Trikots kosten zwischen 15 und 25 Euro. Der Sportartikelhersteller ist Sponsor im Handball und im Fußball. 

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erstellt am 12.Sep.2014 | 10:59 Uhr

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