Sender „NOS“ in den Niederlanden : Geiselnahme im TV-Studio: Mann mit falscher Waffe fordert Sendezeit

Der verwirrte junge Mann forderte Sendezeit – sonst würden Cyberangriffe folgen und Bomben explodieren.
Der verwirrte junge Mann forderte Sendezeit – sonst würden Cyberangriffe folgen und Bomben explodieren.

Ein 19-Jähriger stürmt ein TV-Studio in Holland und nimmt einen Mann als Geisel – eine Kamera nahm das Szenario auf.

shz.de von
30. Januar 2015, 13:36 Uhr

Hilversum | Kurz vor 20 Uhr: Die Niederländer wollen Nachrichten sehen. Stattdessen erscheint ein Störungszeichen. Dann sehen sie Szenen einer bizarren Geiselnahme im TV-Studio. Nun fragt sich das Land: Wie konnte das geschehen?

Ein offensichtlich geistig verwirrter Student hat im Nachrichtenstudio eines niederländischen TV-Senders mit vorgehaltener Waffe Sendezeit gefordert. Der Mann, der eine täuschend echte Attrappe in der Hand hielt, wurde nach kurzer Zeit überwältigt. Der Täter soll ein 19-Jähriger aus der Nähe von Den Haag sein, teilte die Polizei am Freitag in Hilversum, wo das NOS-Studio steht, mit.

Der Vorfall kurz vor den Abendnachrichten vom Donnerstag wurde von Kameras aufgezeichnet und später ausgestrahlt. Während alle rund 50 Mitarbeiter das Gebäude schnell verließen, wartete der Mann aufs rote Licht, das Zeichen, dass er auf Sendung sei. Er habe eine wichtige Botschaft für die Welt. „Ich will keinem etwas tun.“ Er erschien ruhig, die falsche Pistole hielt er meist nach unten gerichtet.

Das Video zeigt den 19-Jährigen im dem TV-Studio.

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Der Mann war nur wenige Minuten vor der Hauptnachrichtensendung um 20 Uhr in das Gebäude eingedrungen, hatte mit der falschen Pistole einen Sicherheitsbeamten bedroht und ihn als Geisel genommen. „Er forderte zehn Minuten Sendezeit“, erklärte die Polizei. „Andernfalls werde es Cyberangriffe geben und würden an acht Stellen in den Niederlanden radioaktive Bomben explodieren.“ Geistesgegenwärtig hatte der Sicherheitsbeamte den 19-Jährigen in ein leeres Studio geführt. Ein Techniker stellte blitzschnell die TV-Kamera an und alarmierte die Polizei.

Der Mann ist der Polizei zufolge nicht vorbestraft, auch ein terroristisches Motiv werde ausgeschlossen. Die Behörden gehen davon aus, dass der Täter geistig verwirrt ist. Er war nach Polizeiangaben mit einer unechten Pistole bewaffnet. „Wir gehen davon aus, dass es ein Einzeltäter ist“, sagte Justizminister Ivo Opstelten in Den Haag. Noch in der Nacht zum Freitag wurde die Wohnung des jungen Mannes durchsucht. Die Ermittlungen dauern noch an.

Die Geiselnahme, die von Fernsehkameras aufgezeichnet und später gesendet worden war, löste eine heftige Debatte über den Schutz der Medien in den Niederlanden aus. Die Sicherheitsmaßnahmen bei den Studios in Hilversum nahe Amsterdam wurden am Freitag verschärft.

Millionen Niederländer konnten anschließend selbst die bizarren Szenen im Studio und auch die Festnahme im Fernsehen sehen. Der Mann trug dunklen Anzug, weißes Hemd und einen schwarzen Schlips. Nach etwa zehn Minuten wurde der Mann widerstandslos festgenommen.

„Politie“, schrien die Beamten. „Waffe runter“. Sofort legte der Mann die Pistole auf den Boden und ergab sich. Um etwa 20.10 Uhr war der Spuk vorbei. „Situation unter Kontrolle“, meldete ein Polizist. Auf einem Brief, den die Medien am Freitag veröffentlichten, hatte er angegeben, dass Sprengstoff im Gebäude versteckt war. Eine mehr als zwei Stunden lange Suche ergab aber nichts. Stundenlang konnte der Sender nur ein Notprogramm ausstrahlen.

Als der Mann in Handschellen abgeführt wurde, war er noch von einem Redakteur befragt worden. Er sei Mitglied eines „Hacker-Kollektivs“, habe er gesagt. „Er wollte im Fernsehen Dinge von weltweiter Bedeutung veröffentlichen.“ Auch wenn die Geiselnahme unblutig und schnell beendet worden war, löste sie eine Sicherheitsdebatte aus. Politiker forderten verschärfte Maßnahmen. Journalisten müssten in Freiheit ihre Arbeit tun können, sagte der Bürgermeister von Hilversum, Pieter Broertjes. „Aber Hilversum darf auch kein Bunker werden.“ Der Chefredakteur der NOS, Marcel Gelauff äußerte sich schockiert. „Das Gebäude ist bereits streng gesichert. Aber man kann nur schwer jemanden abwehren, der eine Waffe hat.“

Fast alle niederländischen Radio- und TV-Sender befinden sich auf dem „Mediapark“ in Hilversum unweit von Amsterdam. Nach dem Mord an dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn 2002 auf diesem Gelände war der Zugang extra eingeschränkt worden.

Niederländische Medien berichten, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen Studenten der Technischen Universität Delft handelt. Kommilitonen hatten ihn auf den TV-Bildern zweifelsfrei erkannt.

Wie konnte der Mann in das Studio gelangen? Auf Twitter ist man schockiert. Die mangelnde Sicherheit wird diskutiert.

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p><a href="https://twitter.com/hashtag/Niederlande?src=hash">#Niederlande</a> müssen sich Frage stellen: Wie konnte bewaffneter Mann trotz Sicherheitsmaßnahmen bis ins <a href="https://twitter.com/hashtag/NOS?src=hash">#NOS</a> Studio kommen.</p>&mdash; Ina D&#39;hondt (@InaDhondt) <a href="https://twitter.com/InaDhondt/status/561050326716125184">30. Januar 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Unglaubliche Szenen beim niederländischen TV-Sender <a href="https://twitter.com/NOS">@NOS</a>. Es scheint zum Glück glimpflich ausgegangen zu sein. <a href="https://twitter.com/hashtag/NOS?src=hash">#NOS</a></p>&mdash; Luca Strebel (@StrebelLuca) <a href="https://twitter.com/StrebelLuca/status/560899955532255233">29. Januar 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p><a href="https://twitter.com/hashtag/NOS?src=hash">#NOS</a> Held des Tages ist der Portier, der trotz Geiselnahme durch Bewaffneten ruhig blieb und den Mann in ein leeres Studio führte</p>&mdash; Ellen (אלן) Tedaldi (@EllenCHSG) <a href="https://twitter.com/EllenCHSG/status/560898191743524865">29. Januar 2015</a></blockquote>

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