Heute Abend im ARD-Programm : Film-Kritik: „Gladbeck ist harter, aber guter Stoff“

<p>Eine Szene des ARD-Zweiteilers „Gladbeck“: Das Verbrecher-Duo Rösner (Sascha Alexander Gersak) und Degowski (Alexander Scheer, l) bringt einen Bus und die Fahrgäste in seine Gewalt.</p>

Eine Szene des ARD-Zweiteilers „Gladbeck“: Das Verbrecher-Duo Rösner (Sascha Alexander Gersak) und Degowski (Alexander Scheer, l) bringt einen Bus und die Fahrgäste in seine Gewalt.

Der Zweiteiler über das Geiseldrama von Gladbeck ist harter, aber guter Stoff: Fesselnd, realistisch, erstklassig.

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07. März 2018, 16:04 Uhr

Nächste Woche Mittwoch werden die Gewinner der Grimmepreise bekanntgegeben. Schon am heutigen Mittwochabend ist im Ersten ein heißer Kandidat für einen Preis im nächsten Jahr zu sehen: Der Zweiteiler „Gladbeck“ ist harter, aber guter Stoff: fesselnd, realistisch, erstklassig.

Es ist zwar nicht mal 30 Jahre her, aber es war eine völlig andere Zeit. Eine Zeit ohne Handys und Laptops, in der immer und überall geraucht wurde und viele Telefone noch Wählscheiben hatten. Eine Zeit, in der die Mauer noch stand, Wilhelm Wieben die „Tagesschau“ verlas und deren Soundtrack „Blueprint“ von den Rainbirds war. Eine Zeit, in der Verbrecher einen Banküberfall noch für lohnenden Broterwerb hielten.

So wie Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski. Am 16. August 1988 stürmen die Ruhrpott-Ganoven maskiert in eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck-Rentford. Als ihr Coup aus dem Ruder läuft, nehmen sie zwei Bankangestellte als Geiseln. Die folgenden 54 Stunden bringen nicht nur eine beispiellose Eskalation, sondern sind in einem bis dahin nicht vorstellbaren Ausmaß geprägt von Polizeiversagen und Grenzüberschreitungen durch die Medien.

Am Ende drei Tote

Weitgehend ungehindert von der Polizei irrlichtern die beiden Gangster und Rösners hinzugeholte Freundin Marion Löblich mit gut 200.000 Mark Lösegeld und ihren Geiseln durch die Republik, kapern in Bremen einen Linienbus, geben freimütig Interviews, werden zu Stars der „Tagesschau“ und zur gruseligen Attraktion in der Kölner Fußgängerzone. Am Ende sind drei Menschen tot – die Geiseln Silke Bischoff und Emanuele Di Giorgi sowie ein während der Verfolgung verunglückter Polizist.

Schon einmal ist das Gladbecker Geiseldrama verfilmt worden. Mit Jürgen Vogel und Richy Müller prominent besetzt, aber in der Umsetzung eher ärgerlich reißerisch. Produzentenlegende Regina Ziegler ist nun den umgekehrten Weg gegangen. Von der Idee bis zur Fertigstellung von „Gladbeck“, wie der ARD-Zweiteiler schlicht betitelt ist, vergingen über vier Jahre.

Detailgetreu

Geprägt waren diese Jahre von akribischer Recherche, juristischer Absicherung, sorgsamer Besetzung und penibler Umsetzung. Das Ergebnis ist ein herausragender Fernsehfilm, der sich bis ins kleinste Detail an den tatsächlichen Geschehnissen orientiert und nur in den Passagen, die sich nicht detailgetreu recherchieren ließen, fiktive Elemente enthält.

<p>Fotografen und TV-Teams umringen die Gladbeck-Entführer in der Kölner Innenstadt – eine Szene des ARD-Zweiteilers 'Gladbeck'.</p>
Martin Valentin Menke/ ARD Degeto/Ziegler Film

Fotografen und TV-Teams umringen die Gladbeck-Entführer in der Kölner Innenstadt – eine Szene des ARD-Zweiteilers "Gladbeck".

 

Für nahezu jede Personalfrage wurde für „Gladbeck“ eine starke Lösung gefunden: Mit dem Drehbuch beauftragte Ziegler Film den renommierten Autor Holger Karsten Schmidt. Als Regisseur, der auch am Drehbuch mitarbeitete, gewann man Kilian Riedhoff, dessen „Fall Barschel“ zu den besten doku-fiktionalen Filmen der letzten Jahre gehört.

Starke Darsteller

Ein goldenes Händchen bewies man aber auch bei der Besetzung der Rollen von Rösner und Degowksi: Nicht die üblichen bekannten Fernsehnasen spielen die beiden Gangster, sondern mit Sascha Alexander Gersak (Rösner) und Alexander Scheer (Degowski) zwei weniger populäre, aber dennoch erstklassige Darsteller. Auch Zsa Zsa Inci Bürkle ist nicht nur wegen ihrer Ähnlichkeit eine Idealbesetzung für die Rolle der Geisel Silke Bischoff.

Vor allem Bischoffs Gesicht, aber auch das Unverständnis darüber, dass die Polizei damals nicht rechtzeitig eingegriffen hat, prägte die Erinnerung von Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt, der im August 1988 gerade mal 23 war. „Heute,“ so der Autor im Gespräch mit unserer Redaktion, „nach dem Quellenstudium sozusagen, weiß ich, dass sich das auf Seiten der Polizei niemand einfach gemacht hat.“

Fokus auf die Opfer

Wichtig sei ihm gewesen, „den Tätern so wenig Plattform wie möglich zu bieten, sondern endlich jene zu Wort kommen zu lassen, die erstaunlicherweise bis heute größtenteils immer übersehen worden sind: die Opfer und ihr Angehörigen.“ Deren Wunden sind noch nicht verheilt, auch wenn Dieter Degowski vor wenigen Wochen mit einer neuen Identität aus der Haft entlassen wurde, während Hans-Jürgen Rösner vergeblich versuchte, die Ausstrahlung zu verhindern, um seine spätere Resozialisierung nicht zu erschweren.

Drehbuchautor Schmidt, Regisseur Riedhof und dem gesamten Team um Produzentin Regina Ziegler ist ein Stück bestes Fernsehen gelungen. Wobei auch die unrühmliche Rolle mancher ARD-Reporter in diesem ARD-Film nicht ausgeblendet wird. Vorgaben habe es diesbezüglich nicht gegeben, versichert Schmidt.

Geschichtsstunde des Grauens

Das Ergebnis ist eine Geschichtsstunde des Grauens, dessen erster Teil bei aller Vorhersehbarkeit ungemein spannend daherkommt und dessen zweiter Teil realistisch und schonungslos eine furchtbare Tragödie erzählt. Nie wieder solle so etwas passieren, hat manch ein Beteiligter nach dem Geiseldrama von Gladbeck geschworen. Ausschließen kann das im Zeitalter der Handy-Gaffer und Bürgerreporter aber wohl niemand.

Gladbeck. Das Erste, 7. Und 8. März, jeweils 20.15 Uhr. Im Anschluss an den zweiten Teil zeigt das Erste die Dokumentation „Das Geiseldrama von Gladbeck – Danach war alles anders“. Hier geht es zum Trailer.

Zeitgleich zur TV-Ausstrahlung erscheint „Gladbeck“ auch als DVD mit einem zusätzlichen Making-of.

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