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Ifo-Präsident : Festakt zum Abschied von Hans-Werner Sinn: Jens Weidmann sieht EU-Transferunion kritisch

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Hans-Werner Sinn hat das Münchner Ifo-Institut zu einem Forschungsinstitut von Rang gemacht. Jetzt geht der Wissenschaftler in Pension.

shz.de von
erstellt am 22.Jan.2016 | 16:18 Uhr

München | Mit einem Festakt und einem Symposium verabschieden Politik und Wirtschaft am Freitag Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn in den Ruhestand. Der Professor hat das Institut für Wirtschaftsforschung in München 17 Jahre lang geleitet und wird im März 68 Jahre alt.

Hans-Werner Sinn, der zu Schulzeiten Missionar werden wollte, gilt heute als streitbarer deutscher Ökonom. Er ist unter anderem Wegbereiter von Kanzler Gerhard Schröders Agenda 2010 gewesen. Zum Abschied trifft sich die deutsche Wirtschaftsszene in München und spricht auch über aktuelle Themen.
Hintergrund zu Hans-Werner Sinn

Als Schüler wollte Hans-Werner Sinn Missionar werden. Er war Mitglied im Christlichen Verein Junger Männer und der Sozialistischen Jugend und wollte auf den Spuren Albert Schweitzers in die Dritte Welt. Das Sendungsbewusstsein ist dem 67-jährigen Professor und scheidenden Präsidenten des Ifo-Instituts geblieben.

Der Käptn-Ahab-Bart, den er seit Studententagen in Münster trägt, ist zu seinem äußeren Markenzeichen geworden. Für seine Überzeugungen geht der Westfale keinem Streit aus dem Weg. Im Unterschied zu früher - da sei er sehr schüchtern gewesen - sagt Sinn: „Bei meiner ersten Vorlesung habe ich mir fast in die Hosen gemacht.“

Nach dem Studium bewarb sich der Volkswirt bei einem Gewerkschaftsinstitut - erfolglos. Stattdessen machte er in der Wissenschaft Karriere. Mit 33 Jahren kam er als Professor von Mannheim nach München, lehrte später auch in Stanford und Princeton. 1999 ließ er sich dann beknien, das ausgelaugte Ifo-Institut neu aufzubauen.

Nobelpreisträger Robert Solow lobte: „Er hat München zu einem der Weltzentren für Wirtschaftsforschung gemacht.“ Auf der anderen Seite wurde er auch als „Professor Unsinn“ oder „Boulevardprofessor“ geschmäht, mit seiner Kritik an den Griechenland-Rettungspaketen oder am Mindestlohn etwa eckte er an.

Im Dezember wurde Sinn vom Deutschen Hochschulverband zum „Hochschullehrer des Jahres“ gekürt, als „Wissenschaftler, der allein der Rationalität verpflichtet ist und politischen Opportunismus nicht kennt“. Ende März geht er in Pension. „Da kann ich forschen und Bücher schreiben und mich um mein Privatleben kümmern“, sagt er und lacht. „Meine Frau hat sich zum Glück noch nicht scheiden lassen.“

 

Beim Festakt lobte der Bundesbank-Präsident Jens Weidmann Sinn als herausragenden Wissenschaftler, der das Ifo-Institut zu einer angesehenen Forschungseinrichtung gemacht und mit seinen Argumenten die politische Debatte über Jahrzehnte mitgeprägt habe. In seinem Buch „Kaltstart“ habe er schon 1991 richtig vorausgesagt, dass die Lohnerhöhungen in den neuen Bundesländern zu mehr Arbeitslosigkeit führen werden.

Später sei er einer der Wegbereiter von Kanzler Gerhard Schröders Agenda 2010 gewesen. „Und das Rezept hat funktioniert: Die Arbeitslosigkeit sank und die Beschäftigung stieg“, sagte Weidmann. Der jetzt eingeführte Mindestlohn und die Rente mit 63 könnten dagegen könnten als Roll-back gesehen werden.

Weidmann hat vor Gefahren der Vergemeinschaftung von Finanzrisiken in Europa gewarnt. Viele Volkswirte sähen eine europäische Transferunion skeptisch: „Entscheidungen würden vor allem auf nationaler Ebene getroffen, während die Konsequenzen dieser Entscheidungen über die gesamte Eurozone verteilt würde“, sagte Weidmann beim Festakt. „Ohne eine Übertragung von nationalen Haushaltsrechten auf die europäische Ebene würde ein solcher Aufbau die Anreize für vernünftige und nachhaltige Politikentscheidungen in den Mitgliedsstaaten untergraben“, warnte Weidmann mit Blick auf die immer wieder geforderten Eurobonds.

In seiner Rede hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat ein „Überhandnehmen nationaler Egoismen“ und zunehmend anti-europäische Strömungen in der EU beklagt. In der Flüchtlings- und Sicherheitspolitik wie in der Wirtschafts- und Finanzpolitik seien gemeinsame Lösungen notwendig, sagte Schäuble beim Festakt. Aber die Bereitschaft zur Verlagerung von Kompetenzen auf europäische Ebene sei gering.

Dem Münchner Professor sei er „für wissenschaftlichen Rat dankbar und für unterschiedliche Meinungen“, sagte Schäuble. Vor drei Jahren hatte er ihm wegen Kritik an den Kosten der Griechenland-Hilfen „Milchmädchenrechnungen“ vorgeworfen. „Gottseidank ist er nicht so empfindlich“, sagte Schäuble.

Der monatlich veröffentlichte Ifo-Geschäftsklimaindex gilt heute als wichtigster Frühindikator für die deutsche Wirtschaft. Sein Nachfolger als Ifo-Chef wird der Mannheimer Wirtschaftsprofessor und Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Clemens Fuest.

Wichtige Wegmarken von Hans-Werner Sinn
7. März 1948 in Braake bei Bielefeld geboren
1967 bis 1972 Studium in Münster
seit 1984 Professor in München
1991 Buch „Kaltstart“ über die wirtschaftspolitischen Fehler der Wiedervereinigung
1999 Neuer Leiter des angeschlagenen Ifo-Instituts
2005 Buch „Basar-Ökonomie“ über die Verlagerung von Industrieproduktion ins Ausland
2009 Buch „Kasino-Kapitalismus“ über die Banken und die Ursachen der Finanzkrise
2010 Kritik an den Milliardenhilfen für Griechenland
2012 Aufdeckung der „Target“-Kreditrisiken bei der EZB

 

 

Sinn hat das Münchner Ifo-Institut 17 Jahre lang geleitet und geht nach seinem 68. Geburtstag im März in Pension. Der monatlich veröffentlichte Ifo-Geschäftsklimaindex gilt heute als wichtigster Frühindikator für die deutsche Wirtschaft. Der Professor mit dem markanten Bart gehört zu den bekanntesten und streitbarsten deutschen Ökonomen. Sein Nachfolger als Ifo-Chef wird der Mannheimer Professor Clemens Fuest, derzeit Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann lobte Sinn als herausragenden Wissenschaftler, der das Ifo-Institut zu einer angesehenen Forschungseinrichtung gemacht und mit seinen Argumenten die politische Debatte über Jahrzehnte mitgeprägt habe. In seinem Buch „Kaltstart“ habe er schon 1991 richtig vorausgesagt, dass die Lohnerhöhungen in den neuen Bundesländern zu mehr Arbeitslosigkeit führen werden. Später sei er einer der Wegbereiter von Kanzler Gerhard Schröders Agenda 2010 gewesen. „Und das Rezept hat funktioniert: Die Arbeitslosigkeit sank und die Beschäftigung stieg“, sagte Weidmann. Der jetzt eingeführte Mindestlohn und die Rente mit 63 könnten dagegen könnten als Roll-back gesehen werden.

Der Bundesbank-Chef warnte vor Gefahren der Vergemeinschaftung von Finanzrisiken in der EU. Viele Volkswirte sähen eine europäische Transferunion skeptisch: „Entscheidungen würden vor allem auf nationaler Ebene getroffen, während die Konsequenzen dieser Entscheidungen über die gesamte Eurozone verteilt würde“, sagte er und kritisierte die immer wieder geforderten Eurobonds: „Ohne eine Übertragung von nationalen Haushaltsrechten auf die europäische Ebene würde ein solcher Aufbau die Anreize für vernünftige und nachhaltige Politikentscheidungen in den Mitgliedsstaaten untergraben.“ An dem ganztägigen Symposium und dem Festakt zum Abschied Sinns nahmen mehrere Dutzend Professoren aus aller Welt und viele Studenten teil.

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