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Fernsehen

17. Oktober 2017 | 15:53 Uhr

Medien : Woyzeck

vom

Georg Büchners Drama «Woyzeck» gehört zu den wichtigsten und meistgespielten Stücken des deutschen Theaters. Für das Kino gibt es ein Dutzend Versionen - allen voran Werner Herzogs Inszenierung von 1979 mit Klaus Kinski in der Hauptrolle.

shz.de von
erstellt am 14.Okt.2013 | 00:07 Uhr

Zum 200. Geburtstag des großen Schriftstellers und Revolutionärs Büchner am 17. Oktober und zum 100. Jahr der Uraufführung 1913 kommt die sozialkritische Außenseiter-Geschichte jetzt in einer Fernsehversion ins Programm - ebenso radikal wie anspruchsvoll. Arte zeigt den Film am Montag um 22.40 Uhr, 3sat am darauffolgenden Samstag (19. Oktober) um 22.00 Uhr.

Mit seinen wunderbaren Hauptdarstellern Tom Schilling («Oh Boy!») und Nora von Waldstätten («Herz aus Eis») verlegt Regisseur Nuran David Calis seine zeitgenössische Adaption des Dramenfragments in den Berliner Migrantenkiez Wedding. In der von türkischen Gangs beherrschten Szene wird sein Woyzeck als deutscher Underdog so gequält, gedemütigt und heruntergemacht, dass ihm nur die Flucht in den Abgrund bleibt.

Nichts liege dem Film ferner als ein islamkritischer Unterton, sagte Tom Schilling (31) der Nachrichtenagentur dpa kürzlich bei der Vorabpremiere in Berlin. «Wenn der Film etwas kritisiert, dann die misslungene Integration.» Und der von armenisch-jüdischen Eltern aus der Türkei stammende Regisseur Calis ergänzt, er versuche im Film einen künstlerischen Twist: «Jemand, der vermeintlich zur Mehrheitsgesellschaft gehört, ist dort die Minderheit. Eine verkehrte Welt, um Büchners Parabel sichtbar zu machen.»

Antiheld Woyzeck (im Original: ein einfacher Soldat) arbeitet als Abfallsammler zwischen Dreck und Ratten im U-Bahnschacht, nachdem er sein kleines Restaurant an einen feisten muslimischen Hauptmann verloren hat. Um Geld für seine Freundin Marie und das uneheliche Kind zu verdienen, stellt er sich für die Experimente eines skrupellosen Arztes zur Verfügung.

Statt wie bei Büchner auf Erbsendiät gesetzt zu werden, muss er Pillen schlucken, die ihm immer mehr seinen Verstand und seine Potenz rauben. Als sich Marie mit dem jungen türkischen Kiez-Boss (oder Tambourmajor) einlässt, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Calis inszeniert die nur locker miteinander verbundenen Szenen als ein dichtes, bedrückendes Kammerspiel. Wenn Woyzeck beim Marsch durch die Unterwelt zunehmend von Halluzinationen getrieben wird oder wenn er bei der Liebe mit Marie an seinem Versagen fast verzweifelt, wird die Ausweglosigkeit seiner Situation fast körperlich spürbar. Im Text sind für den zeitgenössischen Bezug Originalzitate mit Kiez-Slang verwoben.

Die Sender Arte und 3sat setzen eigenen Angaben zufolge mit «Woyzeck» ihre Tradition zeitgemäßer Theaterverfilmungen fort. Bisherige Projekte waren etwa «Lulu», «Baal», «Frühlings Erwachen» sowie «Kasimir und Karoline». Die Theaterfilme sollten vor allem Menschen ansprechen, die den Weg ins Theater scheuen und einen modernen Zugang zu historischen Stoffen suchen, heißt es bei Arte.

Büchner, der trotz seines schmalen Werks als literarisches Genie gilt, hatte das Stück unvollendet in mehreren Entwürfen hinterlassen, als er 1837 mit nur 23 Jahren in Zürich an Typhus starb. Erst 1913 - also vor genau 100 Jahren - wurde es im Münchner Residenztheater uraufgeführt.

«Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinabsieht», lässt Büchner seinen Woyzeck einmal sagen. In der neuen TV-Version macht Tom Schilling den Zuschauer mehr als schwindeln.

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