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ARD-Sonntagskrimi : Warum es eigentlich neun „Tatorte“ aus Hamburg und SH gibt

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Drehbuchschreiber und Regisseure des „Tatort“ scheinen eine besondere Vorliebe für Nordlichter zu haben. Neben den NDR-Krimis gibt es eine ganze Reihe weiterer Figuren mit Wurzeln in Hamburg und Schleswig-Holstein.

shz.de von
erstellt am 14.Apr.2015 | 19:41 Uhr

Frank Thiel: St. Paulianer in Münster

axel prahl tatort münster
Foto: dpa

Kriminalhauptkommissar Frank Thiel wird zwar dort geboren, wo er im Film seinem Beruf nachgeht: im westfälischen Münster. Doch allein seine muffelige Art und seine Standard-Begrüßung „Moinsen“ bringen uns auf eine andere Spur: Nach der frühen Trennung der Eltern wächst er mit seiner Mutter im Hamburger Stadtteil St. Pauli auf. Natürlich ist er immer noch Anhänger des dort ansässigen Fußballclubs. Jahrzehntelang hat er keinerlei Verbindung zu seinem Vater, einem Hippie-Taxifahrer, der sich ein Zubrot mit Cannabis verdient. Letztendlich ist Herbert aber der Grund, weshalb Thiel die Hansestadt, in der er bereits viele Jahre ermittelt hat, verlässt. Wie die meistern wissen, ist Thiele-Darsteller Axel Prahl ein wirkliches schleswig-holsteinisches Urgestein. Er wurde in Eutin geboren, wuchs in Neustadt/Holstein auf, studierte in Kiel, sang sich von hier aus mit der Gitarre in der Hand durch Europa und strandete irgendwie als Schauspieler beim Schleswig-Holsteinischen Landestheater.


Nick Tschiller:  Väterlich ballernder Wahlhamburger

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Foto: dpa
 

Der Frankfurter SEK-Beamte Nick Tschiller lässt sich zum Hamburger LKA versetzen. Der Grund für diesen unglatten Karriereschritt ist seine Ex-Frau – oder vielmehr seine Tochter Lenny. Als ihre Mutter ein Job-Angebot aus Hamburg nicht ausschlagen kann, muss Tschiller ihr unweigerlich folgen, um die Distanz zur pubertierenden Tochter nicht zu groß werden zu lassen. Dem Rotlicht-Experten fallen hanseatische Tugenden wie Verlässlichkeit und Besonnenheit sichtlich schwer. Lieber lässt er die Pistole sprechen. Laut Vorankündigung für die im Herbst kommende Doppelfolge wird sich das aber entwickeln. Tschillers Kollege Yalcin Gümer ist waschechter Hamburger türkischer Abstammung.


Thorsten Falke: Billstedter Proletarier

wotan tatort hamburg
 

Billstedter Milch ist sein Getränk: Wodka mit Kuhmilch. Aufgewachsen als Arbeiterkind in jenem ärmlichen Hamburger Stadtteil am Rand von Stormarn, kennt Thorsten Falke die Gesetze und die Sprache der Straße. Beinahe hätte er selbst eine kriminelle Laufbahn eingeschlagen und immer wieder begegnen ihm alte Weggefährten, die der Legalität nicht mehr viel abgewinnen. Letztere verteidigt der BKA-Mann mit Herzblut. Flüchtlingselend und Vernachlässigung sind ihm ein Gräuel. Sein Vater und Großvater waren Hafenarbeiter und Teil der Arbeiterbewegung – diese angeborene Kampfeslust für die Gerechtigkeit ist in der Figur Falke Fleisch und Blut geworden. Trotz der Karrierebuhler in seiner Umgebung ist er es, der es ganz bis zur Bundespolizei geschafft hat.


Thorsten Lannert: Hanseatischer Straßen-Bond im „Ländle“

Thorsten Lannert
Foto: dpa

Bevor Hauptkommissar Thorsten Lannert (Richy Müller, r.) in Stuttgart einen Neuanfang wagt, arbeitet er unter dem Decknamen „Chris Gabriel“ in Hamburg. Die organisierte Kriminalität ist sein Steckenpferd, an der Elbe ist er ein wichtiger Mann. Als verdeckter Ermittler arbeitet er meist für sich allein – ein Gesellschaftstier ist er wahrlich nicht. Durch einen Zufall fliegt er am Ende seiner Hamburger Zeit als Spion auf und wird von einer Kugel schwer verletzt. Frau Susanne und Tochter Lili werden getötet. Doch Lannert wirft so schnell nichts aus der Bahn. Wo andere in der Klapse landen, beißt der norddeutsche Mann der Straße sich durch. Er ist ein harter, aber fairer Geist. Sein Heil sucht er nach dem Schicksalsschlag im Süden – womit er nicht der Einzige ist.


Peter Faber:  In Lübeck fürs Leben geschädigt

Foto: dpa

Ende der 1980er Jahre geht der gebürtige Dortmunder Peter Faber nach Lübeck, wo er seine spätere Frau kennenlernt und Karriere als Kriminalbeamter macht. Über 15 Jahre später kehrt er als Chef der Mordkommission in den Ruhrpott zurück. Seine Psyche hat in Schleswig-Holstein schwere Wunden erlitten, in ihm brodelt es. Faber (Jörg Hartmann) ist ein seelisches Wrack. Er turnt auf Autos rum, schlägt diese mit Baseballschlägern kaputt, betrinkt sich hemmungslos, pöbelt Zeugen an und demütigt seine Untergebeben. Unter den Kollegen gilt er daher ein teamunfähiger Kotzbrocken. Doch die Arbeit als Ermittler ist für seine zerstörte Seele wohl die allerbeste Therapie. Der Grund für seine Depressionen: Seine Frau und sein Kind wurden ermordet – auch wenn es nach einem Verkehrsunfall aussah. Doch niemand will ihm glauben, was wirklich in Ostholstein geschah – dieser Handlungsstrang zieht sich bis in die fünfte Folge hinein.


Klaus Borowski: Kieler aus dem Bilderbuch – eigentlich

Foto: dpa

Manchmal ist er ein sonderlicher Zeitgenosse, der einige Zeit braucht, um mit Mitmenschen warm zu werden. Typisch norddeutscher Kauz, könnte man sagen. Er liebt Skandinavien und das Meer, kennt seinen Freund und Kriminalrat Roland Schladitz seit Ewigkeiten und macht nie den Eindruck, als hätte er jemals woanders wohnen können, als an der Förde. Doch tatsächlich ist Borowski - anders als sein Mime Axel Milberg - gar kein Kieler Urgestein: Die Figur war eine Geburt der Serie „Stahlnetz“. Nach einer Folge geht Borowski - bedingt durch die Trennung von seiner Frau - samt Tochter Carla in die Tatort-Reihe über. Das ist auch der Grund für den Umzug von Hannover in die Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins.


Lessing: Literatur-Dienstwaffenträger in Weimar

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Foto: dpa

Lessing (Christian Ulmen) liebt und lebt Literatur, auch deshalb verschlägt es den ehemaligen Drogenfahnder auf eigenen Wunsch aus der Lessingstadt Hamburg in die thüringische Goethe- und Schillerstadt Weimar. Eigentlich ist der Mann ohne Vornamen ein Hafenkind mit selbstironisch drögem Humor. Äußerst sensibel und gewählt geht er mit Sprache um –  Elb-Kodder leicht dosiert. Sein Umgang mit anderen Menschen lässt manchmal zu wünschen übrig. Zwar ist er ein guter Zuhörer, dem die Frauenherzen (von ihm unbemerkt) zufliegen, doch einfühlsam ist er nicht, eher polterig. Allzu Detailversessen ermittelt er und dreht dabei jedes Wort und jedes Detail um, als wäre er gefangen in einer Literaturanalyse. Dabei seht er sich doch nur noch dem höchsten der Gefühle...


Jens Stellbrink: Der Yoga-Mann von der Ostsee an der Saar

Flensburg, Kiel, Neustadt, Rostock oder Stralsund? Die Herkunft das Saarbrücker Yoga-Kommissars Jens Stellbrink wurde nie genau definiert – dass er aus dem hohen Norden kommt, steht aber fest. Der unbelehrbare Idealist arbeitete vor seiner Versetzung in die saarländische Landeshauptstadt irgendwo an der Ostsee – damals bei der Bundespolizei. Hin und wieder klingt durch, dass er das Meer vermisst. Kein Wunder, schließlich sind sein Sohn Moritz und seine Ex-Frau ja auch an der Küste geblieben. Stellbrinks eigentümliche Wohnung aus Glas, die über den Dächern der Stadt prangt, gleicht seine Sehnsucht nach Horizonten wieder aus. Schauspieler Devid Striesow ist im wirklichen Leben allemal ein Nordlicht. Er wurde auf Rügen geboren und wuchs in Rostock auf.


Felix Voss: Der charmante Neu-Franke aus Itzehoe

Foto: dpa

Er ist der fiktive Sohn der in den 1980er Jahren aktiven Leiterin der städtischen Bibliothek von Itzehoe: Felix Voss. Den Vater lernt er viel zu spät kennen, das bleibt haften. Seine Versetzung von Hamburg ins Frankenland scheint eine spontane Aktion gewesen zu sein, denn so richtig viel weiß er über die Stadt Nürnberg im Lande Bayern nicht. Vom Kreis Steinburg aus führen ihn in den 1990er Jahren bestimmte Umwege in die boomende Techno-Szene, das Jura-Studium leidet und wird abgebrochen. Wohl gerade noch rechtzeitig zieht er der Reißleine und wird Polizist. Hier punktet er durch seine aufgeschlossene, einfühlsam analytische Art. Dass er sich bei Verdächtigen viel zu eindringlich über das Wohlgelingen ihrer Beziehungen informiert, ist wohl seiner problematischen Kindheit in Schleswig-Holstein geschuldet. Der für seine Rolle gefeierte Schauspieler Fabian Hinrichs ist gebürtiger Hamburger.

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