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Neuer Stuttgart-„Tatort“ : Thorsten Lannert, Sebastian Bootz und „der Rote Schatten“ der RAF

vom

„Tatort“ auf Spurensuche: Vor 40 Jahren erreichte der Deutsche Herbst seinen Höhepunkt in der Nacht von Stammheim.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2017 | 11:38 Uhr

Stuttgart | „Der Rote Schatten“ heißt der neue Fall der Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare). In der „Tatort“-Folge, die am 15. Oktober ausgestrahlt wird, beeinflussen die Folgen des Deutschen Herbstes und die Todesnacht von Stammheim die Geschichte um Marianne Heider, die angeblich bei einem Badewannenunfall ums Leben gekommen ist. 40 Jahre nach den politischen Ereignissen in der Bundesrepublik ist eine Verbindung zum Terror der RAF kaum für möglich zu halten. Wer war die RAF - und was ist aus ihr geworden? Fragen und Antworten.

Heiders Ex-Mann Christoph glaubt, dass sie von ihrem Lebensgefährten Wilhelm Jordan (Hannes Jaenicke) ermordet wurde. Christoph Heider (Oliver Reinhard) wird ertappt, als er die Leiche aus der Friedhofskapelle entführt, um sie im Ausland obduzieren zu lassen. Der Fall wurde als Unfall eingestuft, zu den Akten gelegt und sollte eigentlich keine Aufgabe für Lannert und Bootz sein. Die beiden Kommissare finden Heiders Darstellung allerdings glaubwürdig und gehen der Sache nach. Und das, obwohl selbst Oberstaatsanwalt Lutz (Friedrich Mücke) wünscht, den Fall nicht wieder aufzurollen.

Das Ermittlerduo findet alsbald heraus, dass Wilhelm Jordan in den 1970er Jahren als V-Mann für den Verfassungsschutz gegen die RAF arbeitete. Bootz und Lannert stoßen bei ihren Ermittlungen immer wieder auf Widerstand aus den eigenen Reihen. Was haben die Polizeibehörde und die Staatsanwaltschaft zu verbergen? Und ist Wilhelm Jordan wirklich der, für den er sich ausgibt? Der Mann hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit einem ehemaligen RAF-Mitglied, das später mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeitete und ausgerechnet über die Frage Aussagen macht, wie die Waffen in den Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses in Stammheim kamen, wo die tödlichen Schüsse auf Andreas Baader und Jan-Carl Raspe fielen.

Hintergrund: Die RAF

Die Rote Armee Fraktion war eine linksextremistische terroristische Vereinigung und war für 33 Morde und über 200 Verletzte verantwortlich. Der Terror richtete sich gegen Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, traf aber auch deren Fahrer, Polizisten, Zollbeamte oder amerikanische Soldaten. Mehrere Geiselnahmen, Banküberfälle und Sprengstoffattentate gehen ebenfalls auf das Konto der Terrorgruppe. Zwischen den 1970er und 1990er Jahren zählten zwischen 60 und 80 Personen zur RAF, die sich in drei Generationen unterteilen lassen.

Der sogenannte Deutsche Herbst fand in der Nacht zum 18. Oktober 1977 seinen Höhepunkt in der „Todesnacht von Stammheim“, in der die 1972 inhaftierten Anführer der ersten Generation der Roten Armee Fraktion, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, in ihren Gefängniszellen Suizid begingen und Irmgard Möller sich lebensgefährlich verletzte.

Am 18. Oktober jährt sich dieses historische Ereignis zum 40. Mal und ist daher Anlass für den aktuellen Tatort. Der lange Schatten des RAF-Terrors reicht bis in die Gegenwart. Noch heute sind zahlreiche Fragen ungeklärt: Wie kamen die Waffen wirklich in den Hochsicherheitstrakt des Stammheimer Gefängnisses? Wie weit reicht der Spielraum für den Verfassungsschutz? Warum ist es nicht möglich, die Ereignisse in der Nacht zum 18. Oktober zweifelsfrei zu klären?

Besonders bekannt ist die RAF für den Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback (7. April 1977) und die Entführung von Hanns Martin Schleyer, dem damaligen Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), am 5. September 1977. Mit der Entführung wollte die zweite Generation der Gruppe die Freilassung der inhaftierten Mitglieder der ersten Generation aus deutschen Gefängnissen erpressen. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und die Regierung entschieden, nicht auf diese Forderungen einzugehen.

Am 13. Oktober 1977 fand dann die Entführung des Lufthansa-Flugzeugs „Landshut“ durch palästinensische Terroristen statt. Die mit der RAF verbündete „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ wollte mit der Aktion den Druck auf die Bundesregierung erhöhen. Die Spezialeinheit GSG9 beendete die Flugzeugentführung am 18. Oktober um 0.05 Uhr. Am Morgen nach Bekanntwerden der erfolgreichen Anti-Terror-Operation wurden die drei RAF-Mitglieder tot in ihren Gefängniszellen entdeckt. Schleyer wurde noch am selben Tag von der zweiten Generation der RAF ermordet, als bekannt wurde, dass Baader, Ensslin und Rapse ums Leben gekommen sind.

Die Mitglieder der dritten Generation der RAF sind kaum bekannt. Eindeutig der Kommandoebene zugeordnet werden konnten nur Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld. Am 20. April 1998 löste sich die RAF auf.

Noch heute werden die ehemaligen Mitglieder Ernst-Volker Staub und Daniela Klette sowie Burkhard Garweg gesucht. Sie sollen an Überfällen auf Geldtransporter in den Jahren 1999, 2015 und 2016 beteiligt gewesen sein, vermutlich, um sich Geld für das Leben im Untergrund zu organisieren.

 

Wer auch immer hinter Jordan steckt, immer wieder fiel der Mann wegen diverser Delikte auf, wurde aber nie bestraft oder angeklagt. Zusammen mit Staatsanwältin Emilia Álvarez beginnen Lannert und Bootz sich zu fragen, ob der Zeugenschutz selbst den Mord an Marianne Heider umfassen würde.

Regisseur bei dieser Aufarbeitung des Deutschen Herbstes vor 40 Jahren ist Filmemacher Dominik Graf.

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