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Waffenverkauf im Fernsehen : Shopping-Sender „Gun TV“ startet in den USA

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Jährlich sterben in den USA Tausende durch Schüsse. Ein neuer Shopping-Sender präsentiert und verkauft Waffen.

shz.de von
erstellt am 19.Jan.2016 | 17:34 Uhr

„...und wenn Sie sofort anrufen, und jetzt gleich bestellen, dann bekommen Sie diese wundervoll gearbeitete Handfeuerwaffe gratis zu Ihrem Sturmgewehr oben drauf. Ja, Sie haben richtig gehört...“ So oder ähnlich könnte es bald aus amerikanischen Fernsehern schallen, denn ein neuer Teleshopping-Sender erblickt am Mittwoch in den USA das Licht der Welt: „Gun TV“. Der Name ist Programm. Zum Start sollen sieben Tage die Woche zwischen 1 Uhr in der Nacht und 6 Uhr am Morgen die Vorteile von Pistolen, Gewehren oder halbautomatischen Waffen präsentiert werden. Nach dem Motto: „Live Shopping. Fully Loaded.“

Die Hürden für den Waffenbesitz in den USA sind nicht allzu hoch. Laut Verfassung steht Amerikanern seit 1791 das Recht zu, Waffen zu besitzen und zu tragen. 2015 sind bei über 50.000 Zwischenfällen mit Waffen mehr als 13.300 Menschen ums Leben gekommen, darunter 692 Kinder bis elf Jahre. Bis zum 19. Januar registrierte die Webseite „Gun Violence Archive“ bereits 587 Tote durch Waffengewalt allein in diesem Jahr.

Zunächst soll die Sendung nachts laufen, das langfristige Ziel ist es, ein 24-Stunden-Programm auf die Beine zu stellen. Die Waffen können per Telefon oder per Klick auf der Homepage des Senders geordert werden. Geliefert werden Glock, Beretta und Co. dann allerdings nicht nach Hause, sondern zu einem authorisierten Waffenhändler in der Nähe. Dort wird dann nötiger Papierkram erledigt, bevor die Waffe in den Besitz des Kunden übergeht. Das US-Waffenrecht ist von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden, es gibt ein Durcheinander Tausender nationaler, bundesstaatlicher und kommunaler Vorschriften.

Neben Waffen kann man bei dem Sender auch gleich die Munition, Holster und Jagd-Klamotten kaufen. Experten werden die Waren live erklären und demonstrieren. Aus was für einem Material wurde eine Waffe gefertigt, welches Holz wurde verbaut, und was gibt es über die Geschichte des Herstellers zu berichten? All das und mehr wird zum Programm gehören. Ehemalige Polizisten, frühere Militärs und prominente Sportschützen werden die Waffen Praxistests unterziehen. Schüsse werden im Studio allerdings nicht fallen. Die Waffentests werden von anderer Stelle ins Studio übertragen.

Laut den Machern von „Gun TV“ soll lediglich die Nachfrage nach einem solchen Angebot gedeckt werden. Der Sender habe nicht das Ziel, Bedürfnisse zu kreieren, berichtet der britische „Guardian“. Valerie Castle, eine der Mitbegründerinnen des Senders, ist sich sicher: „Die Mehrheit der Leute, die in diesem Land Waffen besitzen und nutzen, sei es, um ihren Besitz zu beschützen, aus Spaß oder zum Jagen, sind verantwortungsbewusst.“ Castle glaube nicht, dass der Sender tatsächlich mehr Waffen auf die Straße bringt. Ein erstes Promo-Video des Senders findet sich auf Youtube:

Anders sieht es Laura Cutilletta, Rechtsanwältin bei einem kalifornischen Think Tank zur Waffengewaltprävention. Sie ist skeptisch: „Es ist eine ernstzunehmende Entscheidung, sich eine Waffe ins Haus zu holen.“ So viele Menschen würden in den USA jeden Tag durch Waffen getötet, da müsse man lange und hart drüber nachdenken. „Mein Bauchgefühl sagt mir: Es ist das Letzte, was wir brauchen.“

„Gun TV“ selbst will pro Stunde drei Minuten lang Sicherheitsinstruktionen senden. Das Ziel des Senders ist es, einen verantwortungsvollen Umgang mit Waffen zu fördern. Cutilletta denkt dabei eher an die 85 Menschen, die täglich in den USA durch Waffen sterben. Die Anwältin sieht in dem Sender einen neuen Markt für künftige Erstbesitzer von Feuerwaffen. „Wenn du rumzappst und auf dem Sender hängen bleibst, könnte dir die Idee in den Kopf kommen, eine Waffe besitzen zu wollen.“ „Gun TV“ unterstreicht unterdessen positiv, dass die USA die „am besten bewaffnete Bevölkerung der Welt hat“ – mit durchschnittlich 89 Waffen pro 100 Einwohner. In vier von zehn Haushalten liegt eine Waffe im Schrank, heißt es im Promo-Material des Senders.

2013 machte US-Präsident Barack Obama schärfere Waffengesetze zu einem seiner innenpolitischen Hauptanliegen, nachdem es an einer Grundschule in Newtown (Bundesstaat Connecticut) zu einem Massaker gekommen war. Obama scheiterte später am Kongress und am Einfluss der Waffenlobby NRA. Nach dem Attentat von San Bernadino Anfang Dezember 2015 hat US-Präsident Barack Obama erneut eindringlich für seinen Kurs eines schärferen Waffenrechts geworben. Seine Maßnahmen und Vorschläge - eine Kombination aus schärferen Kontrollen und technischen Änderungen - würden den Waffenmissbrauch nicht komplett stoppen, sagte Obama. „Aber sie würden ihn wenigstens senken.“ Er respektiere den zweiten Verfassungszusatz, sagte Obama. Er akzeptiere das dort verankerte Recht der Menschen, Waffen zu tragen. „Aber wir müssen uns einig sein, dass Waffen nicht in falsche Hände geraten dürfen.“

Obamas Vorschläge ernteten massive Kritik von Waffenlobbyisten und republikanischen Politikern. Die NRA schrieb: „Wir werden weiterkämpfen, um das grundsätzliche und individuelle Recht, eine Waffe zu besitzen und zu tragen, zu verteidigen, so wie es in unserer Verfassung garantiert wird. Wir werden nicht zulassen, dass gesetzestreue Waffenbesitzer als Sündenböcke für Obamas verfehlte Politik herhalten müssen.“

Republikanische Bewerber im Präsidentschaftswahlkampf kündigten an, Obamas Erlasse rückgängig zu machen, sowie sie im Amt seien. Das twitterte zum Beispiel Jeb Bush. Der texanische Senator Ted Cruz schrieb bei dem Kurznachrichtendienst, er werde die Verfassung gegen diese Pläne verteidigen.

Es gilt als unwahrscheinlich, dass sich Barack Obama im letzten Jahr seiner Amtszeit mit seinen Plänen durchsetzen wird. Und so werden Gegner von „Gun TV“ in den USA vermutlich in der Minderheit bleiben. Die Waffenlobby in den USA scheint zu stark.   

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