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Mandarinen, Absagen und Champagner : Satire in Terrorzeiten: Ist alles erlaubt?

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Die Satire zeigt Gesicht. Nach den Terroranschlägen in Paris wollen sich Comedians und Kabarettisten nicht geschlagen geben. Die Show soll weitergehen - nach Tagen des Nachdenkens und Sortierens.

shz.de von
erstellt am 18.Nov.2015 | 15:21 Uhr

„Charlie Hebdo“ hat Champagner

„Jetzt erst recht“ scheint das Motto zu sein - auch bei der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“. Auf dem Titel der neuen Ausgabe schreibt die Redaktion, die am 7. Januar in Paris selbst Schauplatz eines blutigen Anschlags mit zwölf Toten war, provokant auf Französisch: „Sie haben die Waffen. Wir scheißen auf sie, wir haben den Champagner!“ Und auch im deutschen Fernsehen schweigt die Satire nicht.

Helge Schneider hat eine Mandarine

Der Komiker Helge Schneider hatte am Dienstagabend eine Lesung in Hannover abgesagt, weil das Länderspiel Deutschland-Niederlande wegen einer Terrorwarnung ausfiel. „Wenn das so weitergeht und ich am Ende morgen auch nochmal absagen muss, komme ich Donnerstag wieder“, sagt Schneider in einem Video auf seiner Facebook-Seite, während er genüsslich eine Mandarine isst.

Jetzt in Hannover

Posted by Helge Schneider on  Dienstag, 17. November 2015

Die „heute-Show“ hat eine Absage

Die Sendung der „heute show“ am Abend des Anschlags fiel aus.
Die Sendung der „heute show“ am Abend des Anschlags fiel aus. Foto: Screenshot/Youtube.com
 

Das ZDF hatte am vergangenen Freitag - dem Tag der Anschläge - zunächst die „heute-Show“ aus dem Programm genommen und die Otto-Waalkes-Show am Samstag verschoben. Die Satiresendung „Die Anstalt“ lief am Dienstagabend wieder nach Plan. Komiker Alfons ging darin auf den Terror von Paris ein. „Satire möchte Bezug auf die aktuelle politische Entwicklung nehmen“, sagt ein ZDF-Sprecher. „Deshalb versuchen wir in allen Formaten angemessen auf die Situation nach den Anschlägen zu reagieren.“ Selbst wenn es überspitzende Aussagen gebe, dürften auch satirische Inhalte niemals verrohende oder verhetzende Wirkung haben.

Der „Postillon“ hat eine Sonntagsfrage

Das Satiremagazin „Postillon“ thematisiert die Absagen in seiner Sonntagsfrage. „Angesichts der Anschläge von Paris verzichten wir auf eine Einleitung. Sollten wir nicht auch die Sonntagsfrage gleich bleibenlassen?“ Die meistgeklickte Antwort war: „Ich finde es ok, dass die Frage gestellt wird, will aber angesichts der Anschläge von Paris nicht antworten.“ Einige Tage später legt der „Postillon“ nach mit „völlig harmlosen Bildern, die Sie ein wenig von den Terroranschlägen in Paris ablenken“ und „Französische Kampfjets bringen Gewalt wieder dahin, wo sie hingehört

Jan Böhmermann hat 100 ernste Fragen

Ernst zeigt sich Jan Böhmermann, der sich sonst durch das „Neo Magazin Royale“ kaspert.  Sein Facebook-Post vom Tag nach den Anschlägen in Paris wurde mehr als 33.000 mal geteilt und erhielt fast 4000, größtenteils positive Kommentare.

„Titanic“ listen Listen auf

Der Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“, Tim Wolff, betont: „Satiriker dürfen in Zeiten des Terrors so weit gehen, wie sie es für angemessen halten, aber nicht so weit wie Terroristen.“ Das Satiremagazin postet nach dem Anschlag ein Titelbild aus 2014 und veröffentlicht ein Fragen und Antworten Stück „So funktioniert der ,Islamische Staat'“: „Was die IS-Kulturlandschaft so attraktiv und lebendig macht, ist das vollständige Fehlen von Musik der Band Revolverheld“, heißt es darin. In der Auflistung „Was in den nächsten Wochen geschehen wird“ schreibt „Titanic“

  • Viele Menschen werden Ihrer großen Anteilnahme durch neue Profilbilder in den sozialen Netzwerken Ausdruck verleihen (bereits geschehen)
  • Viele Menschen werden ihre Zweifel an der großen Anteilnahme anderer Menschen zum Ausdruck bringen, indem sie in den sozialen Netzwerken darauf hinweisen, wie albern die neuen Profilbilder doch sind (bereits geschehen)

Comedian Tobias Mann hat Augenmaß

Der Comedian Tobias Mann, im nächsten Jahr wieder in der ZDF-Sendung „Mann, Sieber!“ zu sehen, plädiert für Augenmaß. „Man kann sich grundsätzlich jedes Themas im Kabarett annehmen. Je komplexer ein Sachverhalt allerdings, je ernster der Hintergrund ist, je heikler ein Thema wahrgenommen wird, desto genauer und gewissenhafter muss man seine Texte erarbeiten“, meint er. Bei harten Themen sei die satirische Aufarbeitung nicht einfach. „Aber es ist die Herausforderung, der man sich als Kabarettist stellen muss.“

Nuhr macht eine Gratwanderung

 

Die ARD will ihre Satiresendung mit Dieter Nuhr ebenfalls planmäßig zeigen: „Der Inhalt der nächsten Ausgabe von ,Nuhr im Ersten' am 3. Dezember entsteht gerade unter dem Eindruck der Ereignisse“, erklärt der Unterhaltungschef des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), Heiner Heller. Im Januar machte Nuhr das Attentat auf „Charlie Hebdo“ zum einzigen Thema der Sendung. „Aktuelles Zeitgeschehen leitet uns grundsätzlich bei der Themenauswahl für Satiresendungen“, betont Heller. „In diesem Sinne begibt sich Dieter Nuhr ständig auf Gratwanderung, wofür wir ihn ganz besonders schätzen.“

Das Mainzer Kabarett nimmt Rücksicht

Mann und Nuhr waren beide schon im Mainzer Kabarett „Unterhaus“, das seit bald 50 Jahren ein Ort der Satire ist. Geschäftsführer Dietrich Ewald wirbt dafür, einen kühlen Kopf zu bewahren - und nicht einzuknicken. „Immer muss Kultur aus meiner Sicht Flagge zeigen für Toleranz und gegen Fremdenhass“, sagt er. Solange es keine Hasstiraden auf der Bühne gebe, könne Gewalt immer ein Mittel des Kabaretts sein. „Die Grundlage aller Freiheit ist Rücksichtnahme“, sagt Ewald.

Wie Helge Schneider hatte auch der Kabarettist Gerd Dudenhöffer („Heinz Becker“) einen Auftritt am Dienstagabend abgesagt - und weitere Veranstaltungen, allerdings noch vor der Absage des Länderspiels. „Ich glaube nicht, dass Satire im Moment etwas erreicht“, teilte er mit. „Zumal ich in meinem aktuellen Programm auch die Themen Terror und Islam sehr intensiv satirisch behandele.“

Die US-Amerikaner sind da weniger vorsichtig. Der Komiker John Oliver kommentierte die Anschläge in Paris am Sonntagabend in seiner Late-Night-Show „Last Week Tonight“ auf HBO so: „First, as of now, we know this attack was carried out by gigantic f(...) arseholes.“ Frei übersetzt: Die Anschläge wurden verübt von ganz großen Arschlöchern.

(mit dpa)

 

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