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Medien : Polizeiruf 110: Kinderparadies

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Für ihre Kinder ist das Beste gerade gut genug. Fremdsprachen, Musikalität und Rechenkünste - alles wollen ambitionierte Eltern fördern - und zwar so früh wie möglich.

shz.de von
erstellt am 29.Sep.2013 | 00:07 Uhr

Am besten bereits im Mutterleib. Schließlich gibt es bestimmte Zeitfenster, in denen die lieben Kleinen für solche Anregungen besonders empfänglich sein sollen. In dieser besorgten, überbehüteten und leicht hysterischen Atmosphäre ist der neue «Polizeiruf 110» aus München angesiedelt, der am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten läuft.

In «Kinderparadies» muss Kommissar Hanns von Meuffels die Ermordung einer Mutter aufklären. Bei Ermittlungen in einer privaten Kindertagesstätte gerät er in ein Netz aus Eifersucht, Antipathie, Verrat und Betrug. Der sehr spannende und ungewöhnlich erzählte Krimi entstand unter der Regie von Leander Haußmann («Hai-Alarm am Müggelsee»).

«Kinderparadies» gibt bitterböse, ironische Einblicke in die Welt einer Elterninitiative, in der vieles perfekt zu sein scheint. Eine Chinesin erteilt spielerischen Sprachunterricht, im Musikzimmer gibt es Miniviolinen und zum Mittagessen wird natürlich frisch gekocht. Damit alles gut läuft, treffen sich die Väter und Mütter jede Woche zum Elternabend - sie üben lustige Kinderlieder, diskutieren über die Finanzen und besprechen die Zukunft. Doch eines Abends wird die heile Welt empfindlich gestört, als die Mutter eines kleinen Mädchens ermordet wird. Bald gerät der Vater in Verdacht, hat er doch früher unter heftigen Wutattacken gelitten, bei denen er auch handgreiflich geworden ist. Kommissar von Meuffels stellt bald fest: So heil war das Kinderparadies nicht. Unter der schönen Oberfläche gab es heftige Streits, an denen auch die Ermordete (Lisa Wagner) beteiligt war.

Haußmann zeigt von Meuffels als Getriebenen, als einen, der sich wie ein Spürhund voran arbeitet und über weite Strecken von seiner Intuition leiten lässt. Geschickt montiert der Regisseur verschiedene Zeitebenen parallel nebeneinander: Während sich in Rückblenden die Geschehnisse der Mordnacht abspielen, steht von Meuffels immer wieder mittendrin. Ein Gast aus der Zukunft, ein Beobachter, der die Ereignisse nachvollzieht. Ein Hilfsmittel, die Gedanken des einsamen Kommissars sichtbar zu machen, der nun vorerst ohne seine Kollegin Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) unterwegs ist. Bisweilen wirkt von Meuffels auch rührend hilflos, vor allem, als er sich auf einmal mit der kleinen Tochter der Ermordeten auseinandersetzen muss.

Dieser «Polizeiruf» ist kein Wohlfühl-Krimi, bei dem die Scherze und Reibereien eines Ermittler-Duos im Mittelpunkt stehen. Wie Matthias Brandt als Polizeikommissar ungeduldig die Ermittlungen führt, versetzt einen auch als Zuschauer in Unruhe. Mit wenigen Worten und sparsamer, aber äußerst fein dosierter Mimik lässt einen von Meuffels an den Schrecken seiner Arbeit teilhaben und gerät dabei selber an seine Grenzen. Angesichts der ganzen Tragödie lässt Brandt seine Figur schutzlos wirken, bisweilen verzweifelt.

Haußmann sorgt ohnehin dafür, dass die Emotionen heftig aufeinanderprallen, wie auf einer Bühne lässt der Theaterregisseur seine Schauspieler dann agieren. Sparsam hat er auch typische Thriller-Elemente eingebaut. Zum Beispiel eine Spieluhr, deren unschuldige Töne in der Stille auf einmal sehr bedrohlich wirken. Große Action braucht dieser Film jedoch nicht. Dafür sorgt allein das beklemmende Kopfkino, das «Kinderparadies» auslöst.

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