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Medien : Nichts mehr wie vorher

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Der Winter liegt über dem fiktiven Städtchen Halden am Rhein. Kahl strecken sich die dunklen Äste der Auenbäume in den dichten Himmel. Ein toter Junge liegt - vergewaltigt und mit einem Stein erschlagen - im von Spaziergängern, Joggern und Wassersportlern frequentierten Wald.

Ins Visier von Polizei gerät bald der 16-jährige Schüler Daniel Gudermann (Jonas Nay, «Homevideo»). Denn Daniel erschien nicht nur zum fraglichen Zeitpunkt nicht zum Sport - er rennt auch weg, macht falsche Aussagen, hat feuchte Erde an Hose und Schuhen. Und er ist, was seine Familie erst bei dieser Gelegenheit erfährt, schwul. Durch einen PR-Patzer der auf schnellen Fahndungserfolg erpichten, überforderten Polizeichefin (Bernadette Heerwagen) drängen Bürger, Politiker und Medien den in einer Zelle einsitzenden Teenager in die Rolle des Schuldigen. Der Mob auf der Straße betreibt Lynchjustiz: Er verdammt den «Kinderschänder», beschimpft die Eltern (Annette Frier, «Danni Lowinski», und Götz Schubert, «Der Turm») des «Mörders», demonstriert lautstark und lässt eine lebensgroße Puppe vor der Garage der Familie baumeln. Verzweifelt zieht diese ins Hotel. Dazu kursieren im Internet entsprechende Handy-Fotos und Kommentare durch Mitschüler. Ausgehend von Motiven des wahren Mordfalls Lena im niedersächsischen Emden 2012 hat Drehbuchautorin Henriette Piper das gesellschaftlich aufgeladene Sat.1-Familiendrama «Nichts mehr wie vorher», an diesem Dienstag um 20.15 Uhr zu sehen, erdacht. Eindringlich, spannend und hervorragend besetzt, ist ihre von Oliver Dommenget («Marco W.») inszenierte Geschichte viel mehr als ein üblicher Wer-war-der-Täter-Krimi: Es geht darin um Justizirrtümer und Vorverurteilung, um Gleichsetzung von «Homosexueller» und «Triebtäter», um die Ängste eines introvertierten Jugendlichen, sich vor allem gegenüber seinem strengen Vater zu outen und um eine Zerreißprobe familiären Zusammenhalts. «Ich kann mir das nicht vorstellen. Das bleibt ja mein Kind», sagt Mutter Claudia schluchzend zu ihrer halbwüchsigen Tochter (Elisa Schlott). Der von der Produktionsfirma Zeitsprung Pictures gedrehte Film setzt auf Identifikation und Emotion. So kämpfen beide Frauen wie Löwinnen für den Sohn und Bruder. Die verdiente Bühnenschauspielerin Frier (39), die im Fernsehen vor allem in komischen Parts Furore macht, beweist sich dabei in einer archaischen, manchmal auch anstrengenden Mütterlichkeit. Diese verstärkt den Riss im Hause Gudermann, denn Vater Ulli reagiert misstrauisch, als er etwa Homosexuellen-Magazine unter Daniels Matratze versteckt findet. Überhaupt will er, dass sein Sohn «ein ganz normaler Junge» wird. Neben der Kraft der Darsteller machen die kühlen, kargen Bilder von Kameramann Georgij Pestov die äußere und innere Bedrohtheit einer ganz normalen, gutbürgerlichen Familie spürbar. Über einige Klischees wie stereotyp gezeichnete Polizisten, die ruchlose Medienmeute, den allein um den politischen Frieden besorgten Bürgermeister oder die aufreizende Tonkulisse sollte der Zuschauer dabei besser hinweg sehen. Im Fall Lena, der für die Handlung nur als äußerer Ausgangspunkt gedient hatte, war am 24. März 2012 ein elfjähriges Mädchen in einem Emder Parkhaus ermordet worden. Darauf nahm die Polizei einen 17-Jährigen fest, woraufhin es zu Lynchaufrufen gegen ihn und öffentlichen Zusammenrottungen kam.

Nichts mehr wie vorher

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erstellt am 24.Sep.2013 | 00:07 Uhr

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