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„Tote Mädchen lügen nicht“ : Netflix-Serie über Suizid entfacht Debatte um Jugendmedienschutz

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Der Streamingdienst Netflix hat mit „Tote Mädchen lügen nicht“ einen Hit gelandet. Mediziner fürchten Nachahmer-Effekte.

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2017 | 08:26 Uhr

Köln | „Ich werde dir jetzt die Geschichte meines Lebens erzählen. Genauer gesagt, warum mein Leben ein Ende fand.“ Eigentlich reichen zwei Sätze, um die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ zu beschreiben. Gesprochen werden sie von Hannah Baker, um die sich die Handlung dreht. Dass es keine normale Erzählung wird, deutet aber schon ihr nächster Satz an. Er bezieht sich auf ihren Tod. „Und wenn du diese Kassetten hörst: Dann bist du einer der Gründe dafür“.

Der mediale Aufschrei seit der Veröffentlichung der Serie ist groß. Dabei ist die Buchvorlage seit Jahren Lektüre in Schulen. Das ein Aufschrei bei anderen Serien ausbleibt, verwundert. So geht es zum Beispiel in „Breaking Bad“ um Drogen und die Wandlung eines krebskranken Lehrers zu einem rücksichtslosen Kriminellen.

Der amerikanische Streamingdienst Netflix erzählt Hannahs fiktive Geschichte allerdings nicht nur in zwei oder drei Sätzen, sondern in 13 Episoden. Als kürzlich die zweite Staffel für 2018 angekündigt wurde, war das eine große Nachricht, weil über kaum eine andere Produktion zuletzt so sehr diskutiert wurde, wie über „Tote Mädchen lügen nicht“ (Originaltitel: 13 Reasons Why). Der Grund: Sie macht einen Suizid zum Thema, den von Hannah. Anschließend werden Kassetten gefunden, in denen die Schülerin Vorwürfe erhebt - gegen Freunde, Familie und Mitschüler.

Vor allem die Art, wie die Macher die Geschichte inszenieren und erzählen, lässt viele Mediziner Sturm laufen. Sie fürchten den sogenannten Werther-Effekt. Er beschreibt, dass dramatisierende, detaillierte oder heroisierende Darstellung von Selbsttötungen in den Medien suizidgefährdete Menschen dazu bringen können, Ähnliches zu tun. Der Name ist an Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ angelehnt. Nach der Veröffentlichung 1774 kam es zu einer Reihe von Suiziden junger Männer. Der Effekt gilt heute als belegt.

Auch „Tote Mädchen lügen nicht“ basiert auf einem Buch, dem Bestseller des Amerikaners Jay Asher. In Zeiten des Serien-Booms erreicht der Stoff nun als Netflix-Produktion ein noch größeres Publikum. Kritiker werfen ihr dabei genau das vor, was den Werther-Effekt begünstigt: Details, Dramatisierung, Heroisierung. Kunstfreiheit kollidiert mit Suizidprävention.

„Das größte Problem ist die Darstellung des Suizids selbst“, sagt Ute Lewitzka von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Hannahs Vorgehen wird sehr genau beschrieben. Der Tod werde zwar sehr brutal und nicht schön dargestellt, sagt Lewitzka. „Aber wir wissen: Je mehr von diesen Bildern gezeigt wird, desto größer ist das Potenzial, zum Nachahmen anzuregen.“ In der Literatur seien sogar Fälle von Fünfjährigen beschrieben, die Suizidhandlungen nachspielen, nachdem sie sie im Fernsehen gesehen haben.

Für ähnlich problematisch halten Experten den Kontext, in den Hannahs Tod gesetzt wird. „Die Serie vereinfacht die Gründe für den Suizid massiv“, sagt Markus Schäfer, der an der Uni Mainz zur Wechselwirkung zwischen Medieninhalten und Suiziden forscht. Normalerweise gebe es sehr viele Faktoren, vor allem auch psychische Erkrankungen. „Das ist hier überhaupt nicht der Fall, sie wirkt gesund.“ Stattdessen würden etwa Mobbing und Ablehnung gezeigt. Schäfer nennt das „anschlussfähig“. Gerade für Teenager habe die Figur ein hohes Identifikationspotenzial. Und am Ende erfahre Hannah scheinbar posthume Anerkennung für ihr Vorgehen. „Das ist eine schräge Gesamtkonstellation“, sagt Schäfer. „Ein Gesunder wird durch eine Serie nicht suizidal“, sagt Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. „Aber für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist es ein Risiko.“ Ein Großteil der Suizide erfolge im Kontext einer depressiven Erkrankung.

Und wie weiter? In Neuseeland, einem Staat mit einer der höchsten Suizid-Raten unter Jugendlichen, reagierte die Medienaufsichtsbehörde mit einer Altersbeschränkung. Teenager unter 18 sollten die Serie nur noch im Beisein von Erwachsenen schauen. „Ein Suizid sollte für niemanden als Ergebnis eines mit klarem Kopf gefassten Gedankens dargestellt werden“, hieß in der Erklärung. Ute Lewitzka von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention rät Eltern und Lehrern, Kinder und Schüler auf die Serie anzusprechen und nach Möglichkeiten zu suchen, sie unter kompetenter Begleitung anzuschauen. Es gebe aber nicht nur den Werther-Effekt, sagt sie. Es gebe auch den Papageno-Effekt. „Medien können auch suizidpräventiv wirken. Das geschieht durch Berichterstattung über Menschen, die in suizidalen Krisen waren - und die Wege aufzeigt, wie sie rausgekommen sind.“

Hintergrund-Interview: Netflix und der Jugendmedienschutz

Cornelia Holsten, Vorsitzende der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), erklärt im Interview, was sie an der Diskussion wundert und warum die Serie in Deutschland keine offizielle Altersfreigabe hat.

Es gibt von vielen Seiten Kritik an der Serie „Tote Mädchen lügen nicht?“. Wie ernst nehmen Sie das?

Das Faszinierende an der Kritik ist, dass „Tote Mädchen lügen nicht“ seit Jahren als Schullektüre in der Mittelstufe gelesen wird, ohne dass das je zu einem Aufschrei geführt hätte über diesen Roman. Das zeigt, dass Bewegtbild immer viel viel wirkmächtiger ist.

Es ist interessant, das zu sehen, wenn man einen Schritt zurückgeht und von draußen draufschaut und sich fragt, was geht da eigentlich ab. Dann finde ich total interessant, dass es jetzt diesen Aufschrei gibt und zum Beispiel nicht beim Start der vierten Staffel von „Breaking Bad“. Da könnte man sicher auch viele Fragen in Richtung Jugendmedienschutz stellen. Dazu fallen mir auch noch viele andere Serien ein. Und ausgerechnet hier ist das ein so großes Thema.

Woran liegt das?

Ich glaube, dass das Tabuthema Suizid sich noch mehr für eine öffentliche Diskussion eignet als beispielsweise die Produktion von Chrystal Meth bei „Breaking Bad“. Es ist ein Thema, bei dem man so wahnsinnig gerne Patentrezepte hätte, wie man damit umgehen soll. Wir haben als KJM leider durchaus häufiger mit dem Thema Suizid oder Suizidanleitungen in entsprechenden Foren zu tun, die oft sehr schrecklich und extrem gefährlich sind, weil sie den Suizid als etwas Erstrebenswertes und Ehrenhaftes darstellen.

Wie ist die Serie im Vergleich dazu, sehen Sie das ähnlich problematisch?

Zu der Serie gab es bisher kein KJM-Prüfverfahren. Aber es gab bisher auch keine einzige Beschwerde zu dieser Netflixserie. Das steht sehr im Widerspruch zum medialen Aufschrei. Wenn wir zum Beispiel eine Anleitung zum Suizid in der Serie gesehen hätten, hätten wir schon anders reagiert. Was ich getan habe, ist, Kontakt mit der niederländischen Medienaufsichtsbehörde aufzunehmen, wie Netflix sich hier positioniert, die haben ihren Europasitz in Holland. Da wurde bislang bestätigt, dass Netflix ein großes Interesse am Nutzerschutz hat. Sie haben auch die letzten drei Folgen mit einem zusätzlichen Warnhinweis versehen. Und man muss das Thema auch anders sehen, als wenn es im Fernsehen laufen würde.

Warum eigentlich?

Sie haben hier die Situation, dass der On-Demand-Anbieter im Ausland sitzt, und er nutzt eine Kindersicherung, einen Pin, so dass die Verantwortung in erster Linie bei den Eltern liegt, die den Pin an ihre Kinder weitergeben. Ich halte es für wichtig, den Eltern zu sagen, wenn ihr das macht und eure Kinder sind noch jung, dann ist das so, wie dem Kind im Auto zu sagen „Du musst dich nicht anschnallen“.

Die Eltern geben den Kindern den Pin vermutlich ein Mal und wissen dann oft gar nicht, dass die dann „Tote Mädchen lügen nicht“ gucken.

Ja, und das ist wirklich leichtsinnig. Wenn Eltern nicht mehr wissen, womit sich die Pubertisten gerade befassen. Und wenn man sich vergegenwärtigt, dass in der Pubertät ohnehin eine erhöhte Suizidneigung besteht, dann muss man sehr wach sein als Eltern. Und wenn man diese Risiken nicht eingehen will und die Serien nicht sehen will, darf man den Pin eben nicht weitergeben. Kinder- und Jugendschutz macht Mühe. Den besten Schutz als Eltern habe ich, wenn man Mediennutzung zusammen trainiert. Bei dieser Serie ist das besonders relevant.

Die Serie hat in Deutschland keine Altersfreigabe, wie es sie von der FSK geben würde, wenn es zum Beispiel ein Kinofilm wäre.

Der Hauptgrund, warum sie bei uns keine Altersgrenze hat, ist, dass es sich um einen Streaming-Anbieter handelt, der seinen Sitz zudem im Ausland hat. Viele ausländische Streamingdienste übernehmen tatsächlich bereits die Altersfreigaben der FSK, aber nur für eingekaufte Formate, nicht für Eigenproduktionen. Darum wäre es eigentlich am besten, Netflix würde sich der passenden Selbstkontrolleinrichtung anschließen, das wäre hier die FSM (Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter). Dass Netflix den Sitz im Ausland hat, steht dem nicht entgegen.

Ist die Wahrnehmung der Serie in der Öffentlichkeit überzogen?

Für uns ist dieser öffentliche Diskurs total wertvoll, weil er uns zeigt, wie verschieden Öffentlichkeit reagiert, je nachdem, ob es um Print geht oder Bewegtbild und weil dadurch klar wird, dass auch die Eltern ein ganzes Stück Verantwortung mittragen. Es gibt durchaus Formate, da ist die moralische Empörung groß, und man weiß, da ist nichts dran. Das ist hier nicht so, hier gucken wir schon genau hin, das Thema nehmen wir sehr ernst.

 

Cornelia Holsten, geboren 1970, ist Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt und seit April Vorsitzende der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM). Davor war sie Richterin am Amts- und am Landgericht Bremen, wo sie ab 2007 den stellvertretenden Vorsitz einer Zivilkammer für Urheber-, Presse- und IT-Recht inne hatte. Von 1999 bis 2002 hat sie Unternehmen als Rechtsanwältin für Wirtschafts- Medien- sowie IT-Recht vertreten.

 

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