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Medien : Justiz und Selbstjustiz in der bayerischen Provinz

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Vier Frauen hat er vergewaltigt. Eine war nicht mal 16 Jahre alt. Fast jeder im Ort kennt eines der Opfer. Er hat sie übel zugerichtet, gewürgt, geschlagen, stundenlang.

shz.de von
erstellt am 24.Okt.2013 | 14:57 Uhr

Eines Tages liegt Friedrich Schmolzer blutend im Straßendreck, halb tot geprügelt von einem Polizisten. Mehrere Passanten haben dem Gewaltexzess zugesehen. Unternommen hat keiner etwas. Ist dies gerecht? Oder selbstgerecht? Der Krimi «Ohne Vergebung» (25. Oktober, 20.15 Uhr, Arte) aus der Reihe «Unter Verdacht» lässt die Zuschauer schwanken zwischen Mitleid und Rachegelüsten - nicht nur dem Triebtäter Schmolzer gegenüber.

Als interne Ermittlerin aus München macht sich Senta Berger (72) in der Rolle der Kommissarin Eva Maria Prohacek auf ins bayerische Wallersdorf. Sie kommt in einen verstörten Ort. Friedrich Schmolzer ist wieder frei. Obwohl er als gefährlich gilt, verbietet der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Sicherungsverwahrung. Schmolzer wohnt bei seinem Bruder - ganz nah bei den Angehörigen und Freunden seiner Opfer. Tag für Tag demonstrieren die Wallersdorfer vor dem Haus. «Eier ab!» und «Sicherheit für unsere Frauen» steht auf ihren Schildern. Ein wütender Mob.

Oder doch nur besorgte Ehemänner, Mütter, Nachbarn? Weder der prügelnde Polizist Walter Maiberger (Marcus Mittermeier) noch der verprügelte Vergewaltiger Schmolzer (Michael Stange) lassen sich ins Gut- oder Böse-Fach schieben. Genüsslich verabscheuen dürfen die Zuschauer wieder einmal nur Prohaceks Vorgesetzten Dr. Reiter (Gerd Anthoff). Er sabotiert die Ermittlungen, wo es nur geht.

Aufhalten kann er die zierliche Kommissarin trotzdem nicht. War Schmolzer wirklich mit einer Frau unterwegs? Wer hat ihm Briefe ins Gefängnis geschrieben? Als Maiberger unter merkwürdigen Umständen stirbt und die geheime Briefschreiberin spurlos verschwunden scheint, geht es plötzlich um viel mehr als eine polizeiinterne Ermittlung.

Mit Ablehnung, Intrigen und Lügen muss Prohacek es diesmal weitgehend alleine aufnehmen. An ihrer Seite steht zwar erst mal wie gewohnt der hochgeschossene André Langner (Rudolf Krause). Seine auffälligste Szene hat er allerdings, als er von einem Stein getroffen wird und ins Koma fällt. Die 72-Jährige, die man höchstens für Mitte 60 hält, interpretiert ihre Rolle wieder einmal feinsinnig und überzeugend.

2002 lief mit «Verdecktes Spiel» die erste Folge der «Unter Verdacht»-Reihe, 2003 ernteten die drei Hauptdarsteller, Drehbuch und Regie gemeinsam einen Grimme-Preis. Immer ermitteln Prohacek und Langner im Kreis der eigenen Leute «Ohne Vergebung» greift eine gesellschaftliche Debatte auf: Sobald ein Straftäter in Deutschland rückfällig wird, wird über Sicherungsverwahrung gestritten. Oft auch auf «Eier ab!»-Niveau.

Es ist die 20. Episode der Reihe und das dritte Mal, dass Andreas Herzog Regie führt. Er tut es angenehm unaufgeregt und mit Blick für Details. In den 90 Minuten ist Zeit für sekundenlange Stille, das Ticken einer Wanduhr, Blicke und Gesten, die viel erzählen. Auf nervig-erklärende Dialoge, wie sie zum Beispiel im «Tatort» immer wieder stören, kann er deshalb verzichten. Nur des Rätsels Lösung auf den letzten Film-Metern wirkt etwas gewollt - an der Gesamtbilanz ändert das nichts. Hochklassiges Krimi-Vergnügen.

Arte-Infos zum Film

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