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Medien : Ex-Agentin Chapman: Zwischen Aliens und Yetis

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Hoch über dem Moskwa-Fluss wabert im 35. Stock eines modernen Wolkenkratzers Kunstnebel durch ein TV-Studio. Aus dem Rauch tritt Anna Chapman vor die Kamera - blaues Kleid, rote Haare, hochhackige Schuhe.

«Ich löse alle Rätsel», verspricht die 31-Jährige zu Beginn ihrer Sendung. Dann folgen schier unglaubliche Geschichten, etwa über Schneemenschen oder Blut weinende Statuen.

Nach einer Stunde wirken die präsentierten Mythen nicht wirklich «gelöst». Aber in Russlands meist eintönigem Fernsehprogramm, das vor allem ein wichtiges Propagandainstrument des Kreml ist, gilt die quotenstarke Personality-Show der berühmten Ex-Spionin als Hingucker.

Juli 2010: In einem spektakulären Austausch kehrt die attraktive Chapman («Agentin Null-Null-Sex») nach ihrer Enttarnung in den USA nach Moskau zurück und wird schlagartig zur Berühmtheit. Wenige Monate später beginnt sie mit der Moderation der «Übersinnlichkeits-Show», die an Sendungen im deutschen Fernsehen mit Erich von Däniken oder Uri Geller erinnert. Für westliche Sehgewohnheiten ist das Wochenmagazin nicht sonderlich aufregend.

In Internetforen loben aber viele Russen, die traditionell abergläubisch und zudem die tägliche Nabelschau von Kremlchef Wladimir Putin im Fernsehen leid sind, die «recht erfrischende Moderation» von Chapman. «Talent ist ihr nicht abzusprechen», kommentiert auch der Rundfunksender Echo Moskwy. «Aber in erster Linie wollte der Kreml mit dem Job wohl eher eine aufgeflogene Agentin finanziell absichern.»

Die in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, geborene Anna Wassiljewna Kuschtschenko trägt seit einer mittlerweile geschiedenen Ehe mit einem Briten den englischen Nachnamen. Vor kurzem machte sie erneut international Schlagzeilen, als sie dem nach Moskau geflohenen US-Informanten Edward Snowden per Twitter angeblich eine Hochzeit antrug. Experten vermuten, dass Chapman dies nicht ganz ernst meint, sondern eher ihre ins Stocken geratene Karriere ankurbeln will.

Viel Erotik sowie dramatische Musik und schnelle Schnitte prägen Chapmans vorproduzierte Sendung im Kanal Ren TV. In dem abgedunkelten Studio sitzend, moderiert sie die Beiträge kurz an. Politik ist tabu - auch das scheinen die meisten Zuschauer eher zu begrüßen. Denn das kremltreue Staatsfernsehen dient auch als Waffe gegen die liberale Opposition. Nachrichtensendungen nutzen etwa das Chaos in Ägypten oder Syrien unverhüllt als Warnung, dass es auch in Russland bei einem Sieg der Regierungsgegner vorbei sei mit der «Stabilität».

Und immer wieder strahlt das Fernsehen Bilder aus, die mit versteckter Kamera gemacht wurden und Kremlkritiker diskreditieren sollen. Beobachter meinen, dass solche Aufnahmen kaum ohne Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst zustande kommen können.

Dem russischen Magazin «The New Times» zufolge sitzen bei fast allen Sendern Kontrolleure des Inlandgeheimdienstes FSB hinter der Kamera - in den Redaktionen. Ehemalige TV-Mitarbeiter berichten von «Zensoren an den Schaltstellen wie zu Sowjetzeiten». In einer «Spezialabteilung» würden manche Beiträge «passend» umgeschnitten oder mit geänderten Untertiteln versehen, beklagen sie. Bei der Chapman-Show steht ja eine Ex-Agentin sogar im Scheinwerferlicht.

Längst hätten sich junge Russen vom Fernsehen abgewandt und würden sich im Internet informieren, statt die Jubelmeldungen anzuschauen. «Russlands Fernsehen braucht einen Aufbruch», meint die Zeitschrift.

Chapman-Show

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erstellt am 19.Aug.2013 | 00:22 Uhr

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