Niedergang mit Programm : Deutsches Fernsehen: Sieben Strategien zur Selbstzerstörung

Mit Überfluss zum Überdruss – so lautet wohl die Devise der deutschen Fernsehmacher. Statt das Medium in Würde altern zu lassen, machen sie es einfach kaputt. Ist das Absicht? Eine Polemik.

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09. Dezember 2014, 19:43 Uhr

Der samstägliche Familienfernsehabend wird mit dem Ende von „Wetten Dass..?“ am kommenden Samstag endgültig zu Grabe getragen. Bald hat der Zuschauer Johannes B. Kerners Brettspielshow vor dem Kopf.

Die Sendeanstalten tun ihr bestes, um ihr zukunftsscheues Mattscheiben-Medium weiter zu enthaupten. Dem passiven Samstagabend mit der Familie vor der Glotze lässt die Programmplanung gar keine Chance mehr. Der Grund für den Zerfall ist nicht allein die gefräßige Allmacht des Internets. Parasitär verbreiten sich die Nervfaktoren auf den TV-Kanälen – und sie haben längst Überhand. Diese sieben Gründe zeigen, warum man diese grausame Art der Selbstzerstümmelung noch nicht mal ignorieren kann.

1. Heimatkrimis aus dem deutschen Kuhdorf

Dunkel (l.), blond (m.) und rothaarig (r.) bei Dreharbeiten zur ZDF-Serie „Kripo Holstein“.
dpa
Dunkel (l.), blond (m.) und rothaarig (r.) bei Dreharbeiten zur ZDF-Serie „Kripo Holstein“.

Ein Ladengeschäft schließt, was folgt? Ein Euroshop. Eine Sendung wird abgesetzt, was folgt? Ein 08-15-Krimi, regional dekoriert. Die Krimi-Invasion ist überall: In Husum, in Holstein und in Rosenheim. Mit billigsten Mitteln lässt sich der Programmkalender bis zum Überdruss mit Polizeigeschichten vollstopfen. Früher kam am Vorabend die Sesamstraße, heute wird gemordet und gestohlen. Ganz klar: Im Krimi-Format lassen sich im Handumdrehen ohne neue Ideen allerlei Liebesdramen, Leidenschaft, Eifersucht, Hass und Blödeleien verpacken. Der nunmehr allgegenwärtige Provinz-Krimi ist der Ausverkauf der Großstadtrevier-Formel. Talentierte Darsteller sind für die Darstellung der zwangsbornierten Charaktere inzwischen eher ein Hindernis: Ein blöder Gesichtsausdruck reicht vollkommen aus. Bei der Sendung „Frausche und die Deiwwelsmilsch“ ist doppelt Vorsicht geboten: Hier ermittelt Daniela Katzenberger.

Die TV-Dorfsheriffs sind in diesen globalen Zeiten ein Ruhepol, fest mit ihrer Heimat verwurzelt. Der Eindringling von außerhalb bringt meist das Unheil ins fremdzeitliche Sonnenschein-Idyll. Am Ende wird der Zuschauer wenigstens von einem Kummer erlöst: Der Täter ist gefasst und das mittelmäßige Böse ist besiegt. In der Schlusszene darf natürlich ein alter Fendt-Trecker nicht fehlen, der an einer muhenden Kuh vorbeifährt, während die Tür des Polizeiwagens zufällt.

2. Das Leiden der Anderen

Der unvermeidliche DSDS-Juror Dieter Bohlen zeigt den Vogel.
dpa
Der unvermeidliche DSDS-Juror Dieter Bohlen zeigt den Vogel.

Man könnte ja glauben, dass die Dinge, die die Menschen am Fernsehen stören, irgendwann einfach im Abfluss verschwinden wie schale Brause. Doch weit gefehlt! Eine selbstzerstörerische Konter-Evolution flimmert in der Luft und die emotionale Nervgeige vom Band fidelt uns um den Verstand. Alltagshelden werden auch im Jahre 2015 bei einschlägigen Castingshows mit SlowMo-Tränen, Licht- und Pyroeffekten zu Jahrhundertmimen hochstilisiert – obwohl es schon lange nicht mehr funktioniert.

Beim gemütlichen Leinwand-Mobbing und Ekelproben dürfen die Zuschauer per Fernbedienung weiter die Elastizität ihres sadistischen Schweinehundes prüfen. Das TV präsentiert und produziert am laufenden Band Menschen, die dort eindeutig nicht hingehören. Wer sich als Zuschauer noch etwas Restempathie bewahrt hat, darf Mitleid mit den Instant-Sternchen haben, die anderen werden herzlich zum „haten“ eingeladen. Kreischen oder pöbeln: das Sofa ist gespalten und Wertung ist die große Interaktion in der TV-Gegenwart.

3. Die keifenden Mütter aus dem Drehbuch-Universum

Drehbuch Seite 5: „Nehmt Euch in den Arm“.
Screenshot Youtube
Drehbuch Seite 5: „Nehmt Euch in den Arm“.

Dorfkrimis und Reality Shows – es geht noch schlimmer und noch billiger! Wer nachmittags auf RTL oder Sat.1 schaltet, der könnte leicht zu dem Schluss kommen, alle Menschen in diesem Land seien gesetzlos, bildungsfern und asozial. Den treuen Zuschauern wäre dies ohne weiteres zuzutrauen. Im Trash-Universum der Drehbuch-Realität streiten sich betrunkene Mütter, arbeitslose Väter und schwangere Teenager mit Lebensberatern und Richtern. Erst kommt die Konftrontation, dann der große Knall und schließlich ein Happy End. Erst darf gehasst, dann gekuschelt werden – Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, hat sich der Erfinder der Scripted Reality wohl gedacht.

Millionen Zuschauer – vor allem in der werberelevanten Gruppe der 19-24-Jährigen – finden es offenbar unterhaltsam, sich lächerliche Probleme schlechter Laiendarsteller anzusehen. Das Universal-Testbild konnte einen früher billiger zur Verzweiflung bringen.

4. Fußball bis zum „Sudden Death“

Manch ein Spieler kann keinen Ball mehr sehen, bei den Zuschauern ist es auch bald so weit.
dpa
Manch ein Spieler kann keinen Ball mehr sehen, bei den Zuschauern ist es auch bald so weit.

Fußballprofis beklagen gerne ihre Überspieltheit, der Fan wird nicht erhört – der Nicht-Fan schon gar nicht. Montags zweite Bundesliga, dienstags und mittwochs Champions-League, donnerstags Europaliga, freitags bis sonntags Bundesliga: Jeden Tag gibt es das Lieblingsspiel der Deutschen im Wohnzimmer zu bestaunen. Der Kalender ist stets voll, denn als echter Anhänger darf man ja eigentlich kein Spiel verpassen.

Hand in Hand trampeln Verbände, Vereine und Fernsehkanäle auf der Sollbruchstelle herum, auf der geschrieben steht: „Wie viel Live-Fußball macht das Fernsehen kaputt und wie viel Fernsehen macht den Fußball kaputt?“ – Vielleicht hat sich diese Frage insgeheim bereits beantwortet.

Die zweijährliche sommerliche Verschnaufpause zwischen den Europa- und Weltmeisterschaften will die UEFA jetzt auch noch mit der „UEFA Nations League“ vollstopfen – ein Wettbewerb so unnötig wie seine Angliszisme. Um letztere kommt man im Internet natürlich nicht so leicht herum. Völlig grundlos zieht das Fernsehen nun nach: Seit RTL die Übertragungsrechte an der Europameisterschaftsqualifikation (so hieß das vorher) inne hat, nennt sich der Wettbewerb „European Qualifiers“. Nonsense!

Vergessen werden sollen hier nicht die einschlägigen Fußball-Kommentatoren, die ihr persönliches Berufsziel bereits vor Jahrzehnten erreicht haben und ihren Platz seitdem auf der Reporterbank mit immer den gleichen Sprüchen und flexibler Laune bis zur Rente durchsitzen.

5. Ohrenschmerzen durch Werbung

Nicht nur feine Ohren vernehmen zwischen Programm- und Werbelautstärken eine gewisse Diskrepanz.
dpa
Nicht nur feine Ohren vernehmen zwischen Programm- und Werbelautstärken eine gewisse Diskrepanz.

Acht von zehn TV-Zuschauern empfinden die langen und dröhnenden Werbeblöcke als Störfaktor Nummer eins im TV. Selbst im sündhaft teuren PayTV schallert und hagelt es Reklame, wenn immer es passt. Ganz ohne nervige Werbespots funktioniert der Fernsehmarkt natürlich nicht – und die Menschen sind leidensfähig. Doch wie müssten wir die Rundfunkgebühren eigentlich lieben!

Eben noch gefangen in einem schwer verständlichen Nuscheldialog, platzt im Privat-TV plötzlich schreckliche Zwölf-Ton-Musik herein und bläst zum Marsch ans Konsumregal. Vor allem der lautere Ton während einer Werbesendung bringt einen zur Verzweiflung.

Kann man das nicht ändern? Die Sender winken ab, sie könnten nichts dafür. Die Werbebranche würde die Tonspur bewusst durch Kompressoren jagen, um tiefen Eindruck in den Ohren der Zuschauer zu hinterlassen. Könnte man nicht einfach das eigentliche Nuschel-Programm auch durch den Kompressor jagen und im Pegel angleichen, damit die Älteren auch etwas verstehen?

6. Melodien für Intendanten

Mageres Comeback eines Riesen statt unerhörter Klänge: Herbert Grönemeyer bei der vorletzten Folge von „Wetten Dass..?“.
dpa
Mageres Comeback eines Riesen statt unerhörter Klänge: Herbert Grönemeyer bei der vorletzten Folge von „Wetten Dass..?“.

Früher gab es noch Melodien, hört man ältere Menschen mitunter sagen, heute gebe es nur Gleichklang. Die Wurzel dieses Kulturpessimismus erwächst im TV. Statt Mut zu Neuem zu beweisen, laden die Sender meist abgetakelte Altstars oder beliebige Sternchen ein, die ihren neuesten „Hit“ vorträllern. Das Resultat sorgt meist für Stirnrunzeln. Ihr Schaffen wird dennoch präsentiert als großartigstes Abbild der zeitgenössischen Klangkunst.

Doch das Fernsehen hat auch in puncto Musik-Trendsetting seine Exklusivität verloren. Wenn ehedem Michael Jackson bei „Wetten Dass..?“ auftrat, war das ein nationales Weltereignis. Heutzutage gibt es alles bei Youtube und Spotify – warum dann eine vierstündige Show anschauen? Die großen Sender sind zu träge und mutlos, um sich neuen Trends in der Musik zu widmen, dabei sehnen sich nicht wenige nach einer „echten“ Musiksendung auf einem würdigen Sendeplatz.

7. Show me olle Kamellen

„Das ist Spitze!“ – Hans Rosenthals Show „Dalli Dalli“ ist eine der wenigen erfolgreich aufgewärmten Shows.
„Das ist Spitze!“ – Hans Rosenthals Show „Dalli Dalli“ ist eine der wenigen erfolgreich aufgewärmten Shows.

Eine wohltuende Abhilfe gegen heimische Langeweile war einmal die Fernsehshow. Doch gerade bei diesen wird das kreative Vakuum am Deutlichsten. Nun gibt es gewiss kein Format, das wirklich jeden nervt. Aber es gibt die die Show der 100.000 Lichter und andere volkstümliche Highlights, bei denen jeder Anflug von Langeweile einfach weggeschunkelt wird.

Neue Formate haben kaum Platz, stattdessen werden alte Glanzlichter wieder aufgewärmt. Es hat ja schließlich irgendwann einmal funktioniert. Weil Langweilershows bei den Fernsehzuschauern ganz oben auf der Bann-Liste stehen, hat man mit „Traumhochzeit“, „Dalli Dalli” und „Verstehen Sie Spaß?“ Versuche unternommen, die TV-Vergangenheit in die Gegenwart zu überführen. Mal mit und mal ohne Erfolg. Auch „Wetten Dass..?“ wurde ja runderneuert...mit längerem Sofa und jüngerem Frontmann.

Mutproben, Lachschilder, Schaukampf und sinnlose Dialoge: Auch bei den beliebtesten Shows der Gegenwart, „Schlag den Raab“, „Dschungelcamp“, „Joko gegen Klaas - das Duell um die Welt“ schauen wir ja eigentlich „Wetten Dass..?“. Da fehlt nur der Gottschalk und Lanz und Gloria.
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