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Medien : Der wirkliche Amerikaner - Joe McCarthy

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Kommunistenfresser, Hexenjäger, Populist: Mit der Erinnerung an Joseph McCarthy (1908-1957) ist wenig Gutes verbunden. Die von McCarthy angeheizte Verfolgung von echten und vermeintlichen Kommunisten in den USA gab einer ganzen Ära einen Namen.

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erstellt am 27.Aug.2013 | 00:07 Uhr

Zeitweise war der Politiker mit deutsch-irischen Wurzeln mächtigster Mann in der amerikanischen Öffentlichkeit. Ein Dokudrama auf Arte versucht, sich diesem Mann anzunähern, der sich mit nur 48 Jahren zu Tode trank. «Der wirkliche Amerikaner - Joe McCarthy» läuft am Dienstag um 20.15 Uhr.

Dokumente, TV-Ausschnitte, Zeitzeugen-Interview und Spielszenen: Lutz Hachmeister, Regisseur und Drehbuch-Autor, baut sehr viele Facetten zusammen und zeichnet das Bild eines Menschen, der eher ein skrupelloser Aufsteiger als überzeugter Hetzer war. Ein Schmeichler, ein Charmeur, ein Demagoge. Ex-Außenminister Henry Kissinger betont diplomatisch, dass McCarthys Vorbild Richard Nixon da doch ganz andere intellektuelle Qualitäten hatte. Dennoch traf McCarthy in den frühen 50ern den Nerv einer Nation unter dem Eindruck von Kaltem Krieg und Korea-Konflikt. Schamlos konnte er Sätze sagen wie: «Für mich ist jeder Kommunist ein Bürger zweiter Klasse und sollte auch als solcher behandelt werden.»

Der Scheidungsanwalt ist als Senator zunächst erfolglos, findet erst mit dem Kommunismus sein Thema. McCarthy wusste Journalisten zu manipulieren, das junge Medium Fernsehen für sich geschickt zu missbrauchen. Selbst beim Rasieren im Badezimmer gab er Interviews. «Er spielte mit der Presse, er hofierte sie», sagt ein Journalist.

Seine Metaphern waren genauso geschickt wie obszön; etwa wenn er von seiner Kindheit auf dem Land erzählte. «Man lernt schon früh, dass man auf der Stinktierjagd keine gestreiften Hosen und keinen Zylinder trägt. "Es gefällt uns, was Sie da vorhaben, aber nicht Ihre Methoden" - das habe ich immer wieder gehört - als habe die Schallplatte einen Sprung.» Sein «McCarthyism» trifft Politiker, Intellektuelle, Universitätsprofessoren. «Meiner Meinung nach hatte McCarthy überhaupt kein ernsthaft antikommunistisches Weltbild», erinnert sich Leon Kamin, eines der Verfolgungsopfer, vor der Kamera. «Er war lediglich ein karrieristischer Opportunist.»

Präsident Eisenhower verachtete den Kommunistenfresser und scheute doch die Konfrontation: «Ich will nicht zu ihm in die Gosse steigen.» Mit den Auftritten im «Ständigen Ausschuss für Untersuchungen» des US-Senats erreichte McCarthys Aufstieg einen Höhepunkt. Gerade schwache Menschen nahm er in die Zange, er ruinierte ganze Existenzen. «Er brauchte Opfer, die weinten und nachgeben», sagt ein Kritiker. Manchmal umarmte er danach einen Beschuldigten auf dem Flur. Eine Art Geste, man solle es ihm doch nicht übelnehmen. Das FBI versorgte den Kommunistenjäger mit Akten. «McCarthy lieferte keinen einzigen Namen eines echten sowjetischen Spions», sagt dazu ein früherer «Voice of America»-Redakteur. Gegner bei CIA und im Weißen Haus sollten dem Jäger zum Verhängnis werden.

«Senator Joseph McCarthy stellt man sich üblicherweise als einen feisten älteren Mann vor, der Hollywood-Schauspieler und Regisseure verhört, sich mit Bert Brecht anlegt und dem "Ausschuss für unamerikanische Umtriebe" vorsitzt», sagt Regisseur Hachmeister. «All das ist falsch.» Mit Hollywood, Brecht und dem «House Committee on Unamerican Activities» habe er nichts zu tun. Obwohl seine Karriere nur vier Jahre gedauert habe, sei dem Rechtsaußen-Politiker aber eines gelungen. «"McCarthyismus" als politischer Code lebt weiter über sein eigentliches Wirken hinaus. Als politischer Widergänger - man denke an die "Tea Party" in den gegenwärtigen USA - ist der Typus McCarthy also sehr lebendig und aktuell.»

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