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Medien : BBC in der Krise - Ein Jahr Kampf um den guten Ruf

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John Humphrys grillt seinen Interviewpartner nach allen Regeln der Kunst. Der BBC-Journalist fragt nach, bohrt geradezu, lässt keine Ausflüchte zu, keine Floskeln. Ein Lehrstück für Journalisten.

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2013 | 11:57 Uhr

Der Interviewpartner war Humphrys oberster Vorgesetzter. George Entwistle, Generaldirektor der BBC, musste nach dem Interview zurücktreten. Was er von seinem Mitarbeiter live im eigenen Radiosender BBC 4 gezwungen wurde preiszugeben, war zu viel für den renommiertesten Nachrichtensender der Welt: mangelnde Kontrolle, unklare Hierarchien, die rechte Hand weiß nicht, was die linke tut.

Am 3. Oktober vergangenen Jahres strahlte der Konkurrenzsender ITV eine Reportage aus, die nicht nur den langjährigen BBC-Fernsehstar Jimmy Savile wegen Kindesmissbrauchs an den Pranger stellte, sondern auch die Vertuschungsmethoden in der BBC. Seitdem steckt der öffentlich-rechtliche Apparat mit Weltruf in der Krise. Humphrys Interview mit seinem Intendanten zeigt wie kaum ein zweites Beispiel die beiden Gesichter der seit über 90 Jahren sendenden britischen Anstalt. Auf der einen Seite harter, sauberer Journalismus, dessen Qualität weltweit ihresgleichen sucht. Auf der dunklen Seite aber ein Sumpf von Missmanagement, Schlamperei und vor allem: sexueller Gewalt.

Jimmy Savile, einstiger Star unter den DJs der BBC und Kult-Moderator der international bekannten Sendung «Top of the Pops», hat jahrelang Minderjährige missbraucht, nach Lage der Dinge auch vergewaltigt. Das Schlimme für die BBC: Das Ganze fand teilweise in den Örtlichkeiten des Senders statt, wurde von Kollegen gedeckt, teils vertuscht. Und noch dramatischer: Es war kein Einzelfall. Ein Jahr, nachdem die Vorwürfe laut wurden, sind mindestens 20 ehemalige BBC-Leute unter Verdacht.

Allein gegen Savile sagten 450 Zeuginnen und Zeugen aus. Die Vorfälle sollen sich in den Jahren zwischen 1959 und 2009 abgespielt haben - über 50 Jahre. Die Betroffenen waren zwischen acht und 47 Jahre alt. Allein 30 Vergewaltigungen wurden ihm angelastet, in einem Fall soll er in einem Krankenhaus ein sterbendes Kind unsittlich berührt haben. Auch gegen den Musiker Gary Glitter und den aus Australien stammenden Entertainer Rolf Harris (83) gibt es Anklagen. Die Ermittlungen richten sich auch gegen Kliniken des britischen Gesundheitssystems NHS und gegen staatliche Stellen, die im Verdacht der Mitwisserschaft stehen.

Mit der lange unter der Decke gehaltenen Sex-Affäre war bei der BBC ein Knoten geplatzt. Nur Wochen später wurde ein britischer Politiker von der BBC fälschlicherweise der Pädophilie bezichtigt - der Skandal blühte erst so richtig auf, und führte schließlich zum Rücktritt George Entwistles und weiterer führender Manager beim Sender. Plötzlich kamen weitere Vorwürfe ans Licht. Führungspersonen sollen bewusst überbezahlt worden sein, Mobbing soll zum Tagesgeschäft gehören.

Aufsichtsratschef Lord Patten will die Zahl der Manager halbieren, wie er vor kurzem ankündigte. «Es war und ist ein schmerzlicher Prozess und er wird es bleiben, aber er ist notwendig, wenn wir das öffentliche Vertrauen erhalten wollen», sagte Patten.

Der neue Generaldirektor Tony Hall muss sich seit Amtsantritt vor knapp einem Jahr mehr um Krisenmanagement kümmern, als um Programmverantwortung. Im Fahrwasser der Savile-Affäre kommen immer neue Anschuldigungen auf. «Ein Klima der Angst» herrsche bei der BBC, werfen Beschäftigte ihren Vorgesetzten vor. Die Zuschauer spüren davon - noch - nichts. Exzellente Reportagen, ein weltweit unerreichtes Korrespondentennetz und Fiktion auf Weltniveau halten die Werte zur Zuschauerzufriedenheit laut Umfragen bisher weit oben. Doch Lord Patten scheint Übles zu befürchten: «Es war eine sehr harte Erfahrung - und sie ist noch nicht zu Ende.»

Polizeireport zur Savile-Untersuchung

Umfrage zur Publikumszufriedenheit

Interview mit Ex-Intendendant Entwistle via Youtube

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