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Polizeigewalt gegen Afroamerikaner : Ferguson gedenkt Michael Brown – Mann nach Schusswechsel schwer verletzt

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Nach dem friedlichen Gedenken zum 1. Todestag des Schwarzen Michael Brown kam es in Ferguson erneut zu Unruhen. Kurz zuvor starb ein 19-Jähriger in Texas durch eine Polizeikugel.

shz.de von
erstellt am 09.Aug.2015 | 18:48 Uhr

Arlington | Zum Gedenken an den vor einem Jahr von einem weißen Polizisten getöteten schwarzen Teenager Michael Brown haben sich Hunderte in der US-Stadt Ferguson versammelt. Zum Auftakt eines Marsches am Sonntag um kurz vor 12 Uhr Ortszeit (19 Uhr MESZ) schwiegen die Menschen für viereinhalb Minuten - zur symbolischen Erinnerung an die viereinhalb Stunden, die Brown damals nach seinem Tod auf der Straße gelegen hatte. Für Montag haben mehrere Gruppen zu einem Tag des zivilen Ungehorsams aufgerufen.

Brown war unbewaffnet, als er am 9. August 2014 von dem weißen Polizisten erschossen wurde. Es folgten Proteste und teils schwere Unruhen in Ferguson. Kurz vor dem Jahrestag hatte ein weißer US-Polizist erneut einen unbewaffneten Afroamerikaner erschossen. Der „Washington Post“ zufolge gab es seit Browns Tod 24 solcher Fälle.

Medienberichten zufolge hielten in Ferguson im Bundesstaat Missouri viele der Demonstranten Schilder in die Höhe. Auf ihnen stand demnach etwa zu lesen: „Stoppt das Töten schwarzer Kinder“ oder „Wir erinnern Mike Brown“. Dessen Vater Michael Brown senior sagte den Berichten zufolge im Rahmen der Gedenkfeiern, die Familie trauere noch immer. Er dankte demnach allen, die gekommen waren.

Zahlreiche Menschen versammelten sich auch zu volksfestartigen Veranstaltungen, es gab Musik und Grillpartys. Nach Angaben der Organisatoren galt das Gedenken auch den anderen Opfern von Polizeigewalt seit Browns Tod.

Kurz nach dem Gedenken fielen in Ferguson mehrere Schüsse. Ein Mann habe das Feuer auf Beamte eröffnet und sei getroffen worden. Er befinde sich im Krankenhaus und sei in kritischem Zustand, sagte Jon Belmar, Polizeichef von St. Louis County. Die vier an der Schießerei beteiligten Beamten seien beurlaubt worden. „Es war eine bemerkenswerte Zahl an Schüssen“, sagte der Polizeichef.

Der Verletzte habe eine gestohlene Pistole bei sich gehabt. Einen weiteren Schusswechsel habe es zwischen zwei Gruppen gegeben, sagte Belmar, machte aber keine näheren Angaben.

Zuvor hatte die Polizei von St. Louis über den Kurznachrichtendienst Twitter mitgeteilt, einer ihrer Beamten sei unter „heftigen Beschuss“ gekommen. Dazu veröffentliche sie ein Foto, das die durchschossene Frontscheibe eines Autos zeigte.

Ein Journalist der „New York Times“ berichtete, dass Beamte hinter Fahrzeugen in Deckung gegangen seien. Hubschrauber kreisten über dem Geschehen. Für Montag riefen mehrere Gruppen zu einem Tag des zivilen Ungehorsams auf.

Der kurz vor dem Jahrestag in Texas getötete Student Christian Taylor war nach Polizeiangaben am frühen Freitagmorgen in der Stadt Arlington mit seinem Wagen durch die Scheibe eines Autohauses gefahren. Zwei Beamte seien wegen eines mutmaßlichen Einbruchsdeliktes dorthin geschickt worden. Der 19-Jährige habe Aufforderungen der Beamten, sich zu ergeben, nicht Folge geleistet und sei davongerannt, wie der CNN berichtete. Anschließend sei es zu einer Auseinandersetzung gekommen, ein Beamter habe viermal geschossen.

Die Familie des getöteten Studenten, seine Universität und sein Footballteam reagierten betroffen und geschockt. Sein Vater sagte, was sein Sohn getan habe, sei nicht richtig gewesen. „Aber warum wurde ein unbewaffneter Mann erschossen? (...) Unbewaffnet, ein 19-Jähriger, und sie erschießen ihn?“

Nach Behördenangaben wurde der 49 Jahre alte Schütze Brad Miller, der erst seit September 2014 bei der Polizei in Arlington ist, routinemäßig vom Dienst suspendiert. Er war den Angaben zufolge erst seit wenigen Monaten im Außendienst tätig und wurde von seinem Ausbilder, einem erfahrenen Polizisten, begleitet. Dieser habe bei der Auseinandersetzung einen Taser, ein Elektroschockgerät, eingesetzt.

Polizeichef Johnson versicherte, das Geschehen werde aufgeklärt. In den nächsten Tagen würden das Überwachungsvideo, der Polizeifunk zu dem Fall und die Anrufe bei der Polizei veröffentlicht. Auch Miller werde dazu gehört, allerdings wie bei tödlichen Auseinandersetzungen üblich erst nach einigen Tagen. „Sollte beim Einsatz gegen Recht und Gesetz verstoßen worden sein, wird dies Konsequenzen haben“, sagte Johnson.

shz.de mit einer Chronologie von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner.

August 2015

In Arlington im Bundesstaat Texas fährt ein 19-jähriger Schwarzer mit seinem Wagen durch die Scheibe eines Autohauses. Er habe der Aufforderung der Polizei, sich zu ergeben, nicht Folge geleistet, heißt es später. Nach einer Auseinandersetzung schießt ein Polizist und trifft ihn tödlich.

Juli 2015

Nach einem Handgemenge erschießt ein weißer Polizist in Cincinnati (Ohio) bei einer Verkehrskontrolle einen unbewaffneten Schwarzen. Sein Wagen hatte vorne kein Nummernschild.

Juli 2015

Nachdem ihn Polizisten mit Pfefferspray besprüht haben, stirbt ein Schwarzer in Tuscaloosa (Alabama). Der Mann habe bei seiner Festnahme Widerstand geleistet, heißt es.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war im Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

April 2015

Ein weißer Hilfspolizist erschießt bei einer Razzia in
Tulsa (Oklahoma) einen vorbestraften Schwarzen. Angeblich wollte der Polizist nur zum Elektroschocker greifen.

April 2015

In North Charleston (South Carolina) erschießt ein weißer Polizist einen flüchtenden, unbewaffneten Schwarzen von hinten. Der auf einem Video festgehaltene Fall sorgt international für Aufsehen.

März 2015

Ein weißer Polizist erschießt bei Atlanta (Georgia) einen
wohl geistig verwirrten Schwarzen, der an Haustüren geklopft haben soll. Laut Polizei lief er auf einen Beamten zu, der dann schoss.

März 2015

Tödliche Schüsse auf einen unbewaffneten jungen Schwarzen lösen in Madison (Wisconsin) Proteste aus. Angeblich schoss der Polizist in Notwehr.

Dezember 2014

Ein vierfacher schwarzer Familienvater wird in Phoenix (Arizona) nach einer Polizeikontrolle erschossen, weil er seine Hand nicht aus der Hosentasche nehmen wollte. Darin waren Tabletten und keine Waffe. Es kommt zu einer landesweiten Protestwelle.

 
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