Panik in der Bevölkerung : Fehlalarm auf Hawaii löst Sorge um Atomkrieg aus

<p>So warnte die Katastrophenschutzbehörde von Hawai: „Raketenwarnung für Hawaii eingegangen. Suchen Sie Schutz. Dies ist keine Übung“.</p>

So warnte die Katastrophenschutzbehörde von Hawai: „Raketenwarnung für Hawaii eingegangen. Suchen Sie Schutz. Dies ist keine Übung“.

Mitarbeiter der Katastrophenschutzbehörde drückt auf den falschen Knopf. Die Panne zeigt, wie es zu einem Atomkrieg aus Versehen kommen kann.

shz.de von
14. Januar 2018, 15:49 Uhr

Honolulu, Hawaii | Als Joshua Keoki Versola (35) um genau 8.07 Uhr in der Frühe den „Amber Alert“ auf seinem Telefon erhielt, holte er eine Flasche Hibiki 21 vom Regal. Den japanischen Edelwhiskey hatte der Bewohner der Insel Ohau für einen besonderen Anlass aufgehoben. Bevor er von einer Atomrakete aus Nordkorea pulverisiert werde, so der Ingenieur gegenüber einem Reporter vor Ort, habe er den feinen Tropfen noch genießen wollen. „Es geht darum, mit Stil aus der Welt scheiden“. 

Andere Einwohner des US-Bundesstaats in der Mitte des Pazifischen Ozeans nahmen die per Textnachricht verschickte Warnung der Katastrophenschutzbehörde EMA weniger locker. Zumal der Alarm an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig liess. „Bedrohung durch ballistische Rakete Richtung Hawaii. Sofort Schutzraum aufsuchen. Dies ist keine Übung.“

Überall auf Hawaii brachen Einheimische und Touristen in Panik aus. Menschen strömten auf die Straßen und versuchten in Schutzräume, Parkgaragen oder Keller zu gelangen. Der Golfer John Peterson, der mit seiner Familie zu einem PGA-Tunier nach Honolulu gereist war, verschanzte sich mit Baby und Schwiegereltern im Badezimmer seines Hotels. „Lieber Gott, bitte lass den Raketenalarm nicht echt sein“, twittere er. 

38 Minuten bis zur Entwarnung

Ashly Trask (39) hatte sich auf diesen Moment vorbereitet. „Die Bedrohung ist sehr real“, sagt die Bewohnerin der Insel Kawaii, die das Zeitfenster für die Schutzsuche genau berechnet hat. „Sie haben 15 Minuten bis zur Detonation“. Trask und ihr Partner steckten ihre zwei Kinder ins Auto, holten das dritte an seinem Arbeitsplatz ab, und rasten dann zum Verwaltungsgebäude des Botanischen Gartens, das dicke Betonwände hat.

Donald Trump erhielt die Nachricht auf dem Golfplatz seiner Villa in Mar-a-Lago in Florida. Der Präsident sprach mit seinem Stabschef John F. Kelly und dem Nationalen Sicherheitsberater H.R.McMaster. Die beiden ehemaligen Generäle konnten mit dem „North American Aerospace Defense Command“ und dem „Pazifik Command“ abklären, dass keine Rakete im Anflug war.

In Hawaii dauerte es 38 Minuten bevor die Entwarnung kam und Ingenieur Versola seinen Edel-Whiskey wieder ins Regal stellen konnte. „Das ist unverzeihlich“, sagt US-Senator Brian Schatz, der umfassende Konsequenzen aus der Panne verlangt.

Falscher Knopf

Die Aufklärung des Fehlers selbst gestaltete sich als nicht weiter schwierig. Ein Mitarbeiter der Katastrophenschutzbehörde hatte beim Schichtwechsel versehentlich auf den falschen Knopf gedrückt und damit das Alarmsystem ausgelöst.

Gouverneur David Ige versprach, so etwas werde künftig nicht mehr passieren können. Ab sofort müssten zwei Personen zugegen sein, wenn der Alarm ausgelöst werde. Dies gelte sowohl für Übungen wie auch den Ernstfall.

Die größere Gefahr eines Fehlalarms als die unnötige Panik in der Bevölkerung besteht nach Ansicht von Experten in den militärischen Reaktionen darauf. Nordkorea hätte den Alarm auf Hawaii als Vorwand der USA verstehen können, das Land anzugreifen. Eine Möglichkeit, die US-Präsident Trump in seinem belletristischen Schlagabtausch mit Kim Jong-Un via Twitter nicht ausgeschlossen hatte.

Atomkrieg aus Versehen nicht ausgeschlossen

Da Pjöngjang über nur sehr rudimentäre Aufklärungskapazitäten verfügt, hätten die Militärs dort andere Rückschlüsse ziehen können. Der MIT-Forscher Vipin Narang kann sich umgekehrt auch eine Kurzschlusshandlung des US-Präsidenten vorstellen.   

Ein Atomkrieg aus Versehen hält auch der ehemalige Verteidigungsminister Bill Clintons, Rick Perry, für nicht ausgeschlossen. "Missgeschicke gab es in der Vergangenheit und Menschen werden weiterhin Fehler machen".

Wer warnt in Deutschland vor Katastrophen?

In Deutschland ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) dafür zuständig, die Bürger im Notfall schnell zu warnen. Über ein modernes System können nach offiziellen Angaben amtliche Warnmeldungen in Katastrophenfällen (beispielsweise Hochwasser, Unwetter, Sturmflut) oder bei Zivilschutzangelegenheiten (beispielsweise Luftkriegsgefahren, großräumige radiologische Gefahren) in Sekundenschnelle an verschiedenste Kanäle übertragen werden. Warnmeldungen werden nach BBK-Angaben durch den Bund oder die Innenministerien der Bundesländer verschickt, im Verteidigungsfall ist der Bund zuständig.

Die Warnungen gehen vor allem an Rundfunk- und Fernsehanstalten, Paging-Dienste, Rauchmelder mit Funkempfängern, Internetprovider, die Deutsche Bahn und die Warn-App des Bundes („Nina“), die Smartphone-Nutzer über Push-Benachrichtigungen wecken kann.

Die Verantwortlichen von Bund und Ländern geben ihre Warndurchsagen über eine grafische Oberfläche im seit 2013 existenten Modularen Warnsystem (MoWaS) ein, diese werden dann per Satellit an einen zentralen Warnserver übertragen. Dadurch erreichen Warnungen gezielt die betroffene Region und den relevanten Empfängerkreis, wie das Bundesamt auf seiner Homepage schreibt.

„Ein schmaler Grat“ – Ein Kommentar unseres US-Korrespondenen Thomas Spang

Die Einwohner Hawaiis kamen mit dem Schrecken davon. Die durch einen menschlichen Fehler ausgelöste Warnung vor einem Atomangriff hätte auch anders ausgehen können.

Der Alarm erreichte nämlich auch Nordkoreas Machthaber. Die haben allen Grund, einen entwaffnenden Erstschlag Donald Trumps zu fürchten. Der unberechenbare Präsident hatte Kim Jong UN mehr als einmal mit „Fire and Fury“ gedroht.

Das Regime hätte aus dem Atomalarm in Hawaii den Schluss ziehen können, die Amerikaner versuchten damit bloß einen Vorwand zu schaffen, ihr Land anzugreifen. Um dem zuvor zu kommen, hätten sie daraufhin ihre Sprengköpfe eingesetzt.

Da niemand wirklich weiß, über welche Kapazitäten Nordkorea tatsächlich verfügt, kann ein solches Szenario nicht ausgeschlossen werden. Ein Atomkrieg aus Versehen ist eine erschreckende Möglichkeit, deren Eintreten nach Kräften ausgeschlossen werden muss.

Als wenig hilfreich erweist sich dabei das erratische Verhalten eines Präsidenten, der einen Tag damit kraftmeiert, den größeren Atomknopf zu haben, bevor er am nächsten mit seinem angeblich guten Verhältnis zu dem nordkoreanischen Diktator prahlt.

Genau aus diesem Grund bleibt es wesentlich für die internationale Sicherheit, dass auf das Wort eines US-Präsidenten Verlass ist. Ungewissheit über die Absichten der Supermacht bergen das Risiko einer vielleicht unbeabsichtigten Eskalation in sich.

Der Atomalarm von Hawaii illustriert in aller Deutlichkeit, wie schmal der Grat ist, den die USA im Umgang mit Nordkorea beschreiten. 

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