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Krieg in Nahost : Fatih Mutlu: „Kein Mensch verdient den Tod“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Interview spricht Fatih Mutlu, Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft Schleswig-Holstein, über die Entwicklung des Gaza-Konflikts, schuldige Menschen und Antisemitismus.

Seit Beginn der erbitterten Kämpfe gibt es erstmals Hoffnung auf Frieden. Wie sehen Sie die Entwicklung im Gaza-Konflikt?
Es ist noch viel zu früh, um etwas seriös sagen zu können. Ich wünsche mir natürlich, dass dieser Waffenstillstand noch weiter andauert und beide Seiten sich an einen Tisch bewegen und eine Lösung finden und unschuldige Menschen nicht weiter sterben müssen.

Glauben Sie, dass die Forderungen der Palästinenser erfüllt werden? Konkret geht es ja um die Aufhebung der jahrelangen Blockade des Gazastreifens – den Bau eines See- und Flughafens, eine Aufhebung von Einschränkungen bei der Geldüberweisung und eine Ausweitung der Fangzone für Fischer.
Das wird schon seit Jahren gewünscht und gefordert. Ich hoffe, dass es in Zukunft anders wird. Ich kann nur sagen: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Worüber waren Sie bis dato mehr entsetzt: Über die Gnadenlosigkeit, mit der Israel den Gazastreifen bombardiert oder mit der Skrupellosigkeit, mit der die Hamas immer neue Raketen nach Israel geschickt hat?
Beides ist natürlich schrecklich. Wieso müssen unschuldige Menschen sterben? Beide Seiten sollten sich darüber bewusst sein. Allerdings kann die Hamas mit ihren Raketen nur bestimmte Regionen erreichen. Gegen diese Angriffe kann Israel, das viel mehr Macht hat, etwas unternehmen. Jeder einzelne Tote ist schrecklich, aber auf israelischer Seite sind bisher sehr wenige Menschen gestorben. Ich kann die Situation nur aus Deutschland beurteilen. Aber man muss sich auch in die Situation der Menschen versetzen, die keine Freiheit haben. Was würde ich dann machen? Ich bin kein Hamas-Befürworter. Trotzdem muss man sehen, dass dort Menschen leben, und dass nicht jeder ein Terrorist ist. Genauso falsch wäre es, alle Juden als Feinde zu betrachten.

Wie bewerten Sie das Vorgehen der israelischen Politik und Armee der vergangenen Wochen?
Eines möchte ich erst nochmal klarstellen: Es ist nicht so, dass Muslime etwas gegen Juden haben. Aber was wir gesehen haben, ist, dass jeden Tag Menschen gestorben sind, die unschuldig waren und niemandem etwas angetan haben. Unter anderem auch viele Kinder. Egal, ob es Israel, Deutschland, die Türkei oder ein anderes Land ist: Es geht nicht, dass unschuldige Menschen sterben. Ob es Muslime, Christen oder Juden sind, spielt überhaupt keine Rolle.

Wie viel Schuld trägt die Hamas an der Eskalation der Gewalt?
Natürlich hat die Hamas Mitschuld. Man kann niemals sagen, dass die Hamas keine Schuld trägt, sondern nur Israel. Andersherum geht es genauso wenig. Fakt ist für mich: Im Nahen Osten sterben unschuldige Menschen. Das ist nicht zu verantworten. Es sterben auch viele andere Menschen in anderen Gebieten, wie Syrien, Ägypten oder der Ukraine. Es muss eine Lösung gefunden werden, um dies zu verhindern.

Die Hamas ist eine Terrororganisation. Wie sollte man mit Terroristen umgehen?
Wenn wir hier in Deutschland Terroristen haben, müssen sie nach unseren Gesetzen verurteilt werden. Darüber braucht man überhaupt nicht zu diskutieren.

Und in Gaza?
Das ist eine sehr komplizierte Sache. Es stimmt, dass die Hamas nicht immer richtig vorgeht. Dass wir uns eine Gruppe wie die Hamas in Deutschland nicht wünschen, ist auch klar. Aber die Menschen vor Ort müssen in Frieden leben. Da muss einfach eine Lösung gefunden werden. Ob die Hamas eine terroristische Organisation ist oder nicht. Man muss mit demokratischen Mitteln versuchen, die Menschen zu überzeugen. Die Palästinenser hören tagtäglich die Meinung der Hamas. Also müssen wir diesen Menschen die Möglichkeit geben, die Demokratie besser kennenzulernen. Ich glaube, die Palästinenser sind keine Analphabeten. Denen kann man Demokratie beibringen – in kleinen Schritten. Palästinenser und Israelis müssen die gleichen Rechte haben. Bombardieren ist nicht die Lösung.

Der schleswig-holsteinische Landesrabbiner Walter Rothschild sagte in einem Interview mit unserer Zeitung mit Blick auf die Hamas-Kämpfer: „Diese Menschen treten in den Kampf ein und verdienen deswegen den Tod.“ Hat er recht?
Wichtiger ist doch, dass Lösungen gefunden werden und der Konflikt gelöst wird. Es sind letztendlich vielleicht sogar Soldaten, die gar nicht freiwillig gegeneinander Krieg führen. Aber nochmal: Wenn wir von unschuldigen Menschen reden, dann verdienen sie niemals den Tod.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, hat den Islamverbänden vorgeworfen, zu wenig gegen Antisemitismus in Deutschland zu unternehmen. Was entgegnen Sie ihm?

Es gibt natürlich sehr emotionale Menschen. Aber wir sollten in Deutschland endlich mal eines unterscheiden: Nur weil man eine Meinung nicht teilt, ist man nicht sofort Antisemit. Nur weil ich es nicht richtig finde, wie Israel vorgeht, bin ich kein Judenhasser. Sogar das Wort zu benutzen, finde ich sehr schrecklich. Auch als Freunde muss man sich gegenseitig kritisieren können.

Manche Äußerungen auf den Demonstrationen der vergangenen Woche und auch auf Onlineportalen sind schwer noch unter Kritik einzustufen.
Es gab auf Onlineportalen unschöne Reaktionen. Aber die teilen wir nicht – auch solche Sachen kritisieren wir.

Also gibt es Ihrer Meinung nach kein Antisemitismus-Problem unter den Muslimen in Deutschland?
Nein. Natürlich gibt es Menschen, die emotional zu geladen sind. Aber meine Meinung ist: Als Muslim darf man sowieso kein Menschenhasser sein. Man darf Menschen nicht töten. Aber ich glaube, dass ist im Christentum und im Judentum genauso. Wenn wir alle diese Meinung teilen, dann dürfen wir auch nicht sagen: Diese Menschen verdienen den Tod. Unschuldige sowieso nicht, aber auch schuldigen Menschen müssen wir den richtigen Weg zeigen.

Finden im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt anti-islamische Parolen ebenfalls mehr Gehör?
Es kommen von beiden Seiten emotionale Parolen. Diese ignoriere ich. Wir sollten als Funktionäre, Politiker und Medien mehr Aufmerksamkeit darauf legen, den Diskurs in die richtige Richtung zu lenken.

Wie gehen Juden und Muslime in Schleswig-Holstein miteinander um?

Ich kenne in dieser Hinsicht keine Konflikte. Wenn wir Veranstaltungen haben, sind Muslime genauso eingeladen wie Juden und Christen. Das macht uns auch aus.

Interview: Stefan Beuke

Fatih Mutlu ist Vorsitzender der „Schura – Islamische Religionsgemeinschaft Schleswig-Holstein e.V.“. Er ist 38 Jahre alt und lebt in Neumünster. Die Schura Schleswig-Holstein wurde 2000 gegründet.  Sie vereint die muslimisch-ethnischen Gemeinden in Schleswig-Holstein. Ihr gehören 17 Gemeinden an. Weitere muslimische Vereinigungen im Norden sind die Türkisch-Islamische Union (DITIB) und der Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ). Insgesamt leben nach Schätzung der Schura etwa 50.000 Muslime in Schleswig-Holstein.
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erstellt am 07.Aug.2014 | 11:45 Uhr

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