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Nach Heide und Lübeck : Erneute Wildschweinattacke: Jäger stirbt in Mecklenburg-Vorpommern

vom

500.000 Stück Schwarzwild werden pro Jahr in Deutschland geschossen: Dem wilden Schwein ist trotzdem nicht effizient beizukommen.

shz.de von
erstellt am 04.Dez.2017 | 16:48 Uhr

Neuenkirchen | In Norddeutschland hat es erneut eine Wildschweinattacke auf Menschen gegeben. Diesmal endete sie sogar tödlich. Nach ähnlichen Vorfällen in Lübeck und Heide in Schleswig-Holstein mit zusammen fünf Verletzten ist am Sonntag in Vorpommern ein 50 Jahre alter Jäger von einem Keiler angegriffen und getötet worden.

„Der Vorfall zeigt, wie wehrhaft Wildschweine sind“, erklärte am Montag Achim Froitzheim, Sprecher des Landkreises Vorpommern-Greifswald, der selbst erfahrener Jäger ist. Behörden und Jagdverbände empfehlen deshalb Jägern, „Stichschutzhosen“ zu tragen und auch Hunden Schutzwesten anzulegen. „Und man sollte nur zu zweit auf die Nachsuche gehen“, ergänzte Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdverbandes in Berlin.

„Das Schwarzwild ist der Gewinner des Klimawandels und der Agrar- und Energiepolitik“, sagte Reinwald. Die Wildschweine fänden fast das ganze Jahr über ideale Nahrungssituationen vor. „Sie bedienen sich, wenn der Mais gedrillt wird, gehen dann in den Raps, ins Getreide und dann in die großen Maisschläge“, sagte Reinwald. Auch Buchen und Eichen produzierten immer mehr Früchte, weshalb die Tiere auch im Wald noch genug Nahrung fänden. Wildschweine gibt es inzwischen auch in Dänemark und Schweden, wo sie früher nicht waren.

Pro Jahr werden um die 500.000 Wildschweine in Deutschland von Jägern erlegt. Aber das reiche nicht, um den Bestand entscheidend zu dezimieren. In Nordrhein-Westfalen wurde den Jägern eine Gebühr für die sonst übliche Trichinenschau erlassen. „Der richtige Weg“, sagte Reinwald. Mecklenburg-Vorpommern hat als einziges Bundesland sogar eine „Pürzel-Prämie“ ausgelobt: 25 Euro pro erlegtem Stück Schwarzwild. Mit einem dringenden Appell an die Jäger und der Prämie will der Schweriner Agrarminister Till Backhaus (SPD) den Bestand deutlich senken, vor allem aus Furcht vor der Afrikanischen Schweinepest, die von Osteuropa immer näher rückt.

Warum niemand dem Jäger in Vorpommern helfen konnte, obwohl bei dem Unfall nahe Neuenkirchen bei Greifswald acht weitere Jäger dabei waren, muss noch ermittelt werden. Er hatte laut Polizei auf den Keiler geschossen und ging hinterher, um das Tier zu erlegen. Da griff der Keiler seinerseits überraschend den Jäger an und verletzte ihn am Oberschenkel so schwer, dass dieser stürzte, viel Blut verlor und auch noch unter Wasser geriet. Ein benachbarter Treiber soll schnell zu Hilfe geeilt sein. Aber der Jäger konnte trotz Rettungshubschrauber nicht mehr gerettet werden.

Ein ähnlicher Fall hatte sich im März in Lübeck ereignet. Ein Keiler hatte sich angeschossen in den Schilfgürtel eines Teiches zurückgezogen. Als sich der Stadtjäger näherte, sei dieser mit den Hauern ebenfalls am Oberschenkel verletzt worden. Hund und Jäger konnten das Wildschwein festhalten und die Polizei rufen, die das Tier erschoss. Der Jäger hatte im Gerangel sein Gewehr verloren, zum Glück nicht auch das Handy. Für bundesweite Schlagzeilen hatte im Oktober ein „Ausflug“ aggressiver Wildschweine in Dithmarschens Kreisstadt Heide gesorgt.

Sie verletzten auf ihrem Weg durch die Stadt vier Menschen. Die Behörden warnten viele Bewohner, sicherheitshalber in Gebäuden zu bleiben. Schließlich konnte ein Keiler erschossen werden, das andere Wildschwein flüchtete, bevor es ebenfalls getötet wurde. Besonders in einer Bank hatten sich dramatische Szenen abgespielt, nachdem der Keiler dort eingedrungen war. Mitarbeiter und Kunden wurden über Fenster und Drehleitern aus dem Gebäude geholt.

An einen ähnlichen Fall wie jetzt in Vorpommern kann sich Jagdverbandssprecher Reinwald nur einmal erinnern. „2008 hatte ein Wildschwein im Süden Brandenburgs einen 71 Jahre alten Jäger tödlich bei einer Jagd verletzt.“ Auch hier wurde eine Hauptschlagader im Bein getroffen. Die genauen Umstände des jüngsten Falls von Neuenkirchen würden derzeit geprüft. „Wir entscheiden am Dienstag, ob eine Obduktion nötig wird“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Stralsund. Der Keiler flüchtete und wurde bisher nicht gefunden.

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