Tunesien : Ein Land versinkt im Chaos

Rauchwolken über Tunis: Ein Supermarkt bei Tunis wurde in Brand gesteckt. Es kommt zu Plünderungen.
Rauchwolken über Tunis: Ein Supermarkt bei Tunis wurde in Brand gesteckt. Es kommt zu Plünderungen.

Tunesien: Der Präsident ist geflüchtet, Gebäude stehen in Flammen, in einem brennenden Gefängnis sterben mehr als 50 Menschen. Tunesien kommt nicht zur Ruhe.

Avatar_shz von
16. Januar 2011, 12:44 Uhr

Tunis/Berlin | Chaos und Gewalt in Tunesien. Nach der Flucht von Machthaber Zine el Abidine Ben Ali ins Exil wurden binnen 24 Stunden zwei Übergangspräsidenten ernannt. Immer wieder kommt es in dem beliebten Urlaubsland zu Plünderungen. Bei einem Gefängnisbrand im Küstenort Monastir starben nach Angaben von Ärzten bis zu 60 Menschen. Auch in der Stadt Kasserine stand ein Gefängnis in Flammen.
Sonnabend marschierte Militär im Stadtzentrum von Tunis auf. Über der Hauptstadt stiegen Rauchsäulen auf. Schon in der Nacht hatten Brandstifter trotz Ausgangssperre Feuer gelegt, unter anderem in einem Bahnhof. Auslöser des Chaos waren Proteste gegen die hohe Arbeitslosigkeit, die sich dann gegen das Regime von Ben Ali richteten.
Bundesregierung ruft zur Demokratie auf
Am Sonnabend ernannte der Verfassungsrat mit Foued Mbazaa (77) einen weiteren Übergangspräsidenten, der umgehend vereidigt wurde. Zunächst hatte Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi die Amtsgeschäfte von Präsident Ben Ali übernommen, der das Land seit fast einem Vierteljahrhundert mit harter Hand regiert hatte. Ben Ali hatte sich am Freitag nach blutigen Protesten gegen sein Regime nach Saudi-Arabien abgesetzt. Zuvor war seine Frau Leila nach Dubai geflüchtet.
Mbazaa soll Neuwahlen vorbereiten. Die Bundesregierung rief Tunesien auf, eine Demokratie aufzubauen. Bundeskanzlerin Angela Merkel bot dazu Deutschlands Hilfe an. Außenminister Guido Westerwelle appellierte an Mbazaa: "Gehen Sie den Weg in Richtung Demokratie, sorgen Sie für wirkliche Stabilität."
Wärter schossen auf fliehende Gefängnis-Insassen
Nach dem Gefängnisbrand in Monastir erhöhte sich die Zahl der Menschen, die seit Beginn der Unruhen in dem Mittelmeerland ums Leben gekommen waren, auf mehr als 130. Nach ersten Erkenntnissen hatten Häftlinge ihre Matratzen in Brand gesteckt. Die Flammen hätten dann schnell auf das gesamte Gebäude übergegriffen. Viele Häftlinge starben in den Flammen. Als andere zu fliehen versuchten, schossen Wärter auf die Menschen. Bei dem Gefängnisbrand in der Stadt Kasserine gelang es zahlreichen Häftlingen nach Augenzeugenberichten, rechtzeitig vor Flammen oder Schüssen zu fliehen.
Die Proteste hatten sich in den vergangenen Tagen immer mehr zum Aufstand gegen den Präsidenten entwickelt. Ben Ali war am frühen Sonnabendmorgen in der saudischen Hafenstadt Dschidda eingetroffen. Man habe Ben Ali und seine Familie im Königreich willkommen geheißen, meldete die saudische Nachrichtenagentur SPA. Ben Ali hatte nach französischen Medienberichten zuvor vergeblich versucht, in Paris zu landen.
Kriminelle Banden oder Miliz - wer plündert?
Die Hintermänner der Plünderungen in Tunesien blieben unterdessen vorerst im Dunkeln. Kriminelle Banden hätten von dem Chaos profitiert und Geschäfte geplündert, sagte der Oppositionspolitiker Mustafa Ben Jaafar dem französischen Sender France Info. Auch Verwaltungsgebäude seien angegriffen worden. Vor Reportermikrofonen äußerten mehrere Tunesier dagegen den Verdacht, dass Angehörige der Miliz das Machtvakuum nutzten und an Plünderungen beteiligt waren.
(shas, shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen