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Alison Parker und Adam Ward : Ehemaliger Kollege erschießt zwei Journalisten während Liveübertragung

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Für die US-Reporterin und ihren Kameramann sieht es nach einem ganz normalen Außeneinsatz aus. Doch mitten im Interview fallen plötzlich Schüsse. Der Mann filmt seine Tat, stellt sie ins Netz.

shz.de von
erstellt am 27.Aug.2015 | 07:57 Uhr

In Moneta im US-Bundesstaat Virginia hat ein früherer Kollege eine TV-Journalistin und einen Kameramann während eines Live-Interviews erschossen und die Tat gefilmt. Die Reporterin des Senders WDBJ7 interviewten am Mittwochmorgen (Ortszeit) in einem Shopping-Center eine Frau zum Thema Tourismus, als plötzlich Schüsse fielen. In einem Video sind etwa ein Dutzend Schüsse und Schreie zu hören.

Journalistin Alison Parker wurde 24, Kameramann Adam Ward 27 Jahre alt. Nach einer groß angelegten Verfolgungsjagd wurde der Mann (41) gefasst. Er verletzte sich beim Versuch der Selbsttötung und starb nach Angaben der Polizei später im Krankenhaus.

Er war vor einiger Zeit von WDBJ gefeuert worden. Seine Motive für die Tat sind nach Angaben der Polizei unklar. In einem Schreiben an einen TV-Sender sprach der mutmaßliche Täter von einem „Rassenkrieg“ und gab an, „leicht rassistisch gegen Weiße, Schwarze und Latinos“ eingestellt zu sein. Weiter nannte er das Massaker eines weißen Rassisten im Juni in einer Kirche in Charleston, bei dem neun Afro-Amerikaner getötet worden waren, als mögliches Motiv. Er fühle sich als Schwarzer und Homosexueller verfolgt. Doch es gibt Zweifel an dieser Lesart.

Die interviewte Frau, eine Vertreterin der lokalen Handelskammer, wurde in den Rücken geschossen und kam schwer verletzt ins Krankenhaus.

Der Schütze hat die Erschießung der beiden Menschen um 6.45 Uhr (Ortszeit) gefilmt und anschließend Bilder auf Facebook und Twitter verbreitet. „Ich habe die Schüsse gefilmt, siehe Facebook“, war in seinem Account zu lesen. Das Video dauert insgesamt eine Minute. Die Bilder wurden in beiden Netzwerken rasch entfernt. „Alison hat rassistische Kommentare gemacht“, twitterte er nach der Tat. Anscheinend beschwerte er sich auch darüber, dass die Journalistin angestellt und er nicht weiterbeschäftigt worden sei.

WDBJ-Manager Jeff Marks sagte Fox News, der 41-Jährige sei ein schwieriger Mensch gewesen, mit dem man nicht gut habe zusammenarbeiten können. Er habe sich schlecht behandelt gefühlt, an seien Vorwürfen sei aber nichts dran gewesen. Er habe zwei Jahre für den Sender gearbeitet.

Das Weiße Haus kritisierte angesichts des Verbrechens erneut die lockeren Waffengesetze in den USA. Die Tat sei ein weiterer Beweis dafür, dass die Gesetze endlich verschärft werden müssten. Präsident Barack Obama hatte nach schweren Massakern mehrfach den Anlauf zu Gesetzesänderungen unternommen, war aber am Widerstand der Waffenlobby gescheitert. In den USA sind Waffentragen und Waffenbesitz in der Verfassung geschützt.

Der US-Einzelhandelskonzern Walmart sorgte derweil für Schlagzeilen, weil er am Tag des Mordes mitteilte, das halbautomatische Gewehr vom Typ AR-15 sowie andere Waffen aus dem Sortiment nehmen zu wollen. Grund dafür sei eine sinkende Nachfrage, wurde Walmart-Sprecher Kory Lundberg von dem Sender CNN zitiert. In einem Interview mit dem Sender hatte der Walmart-Geschäftsführer Douglas McMillon bereits im Juni angekündigt, die Kette wolle den Verkauf halbautomatischer Waffen einschränken.

Umliegende Schulen waren nach den Schüssen abgeriegelt worden, wie der Schulbezirk Bedford County auf Facebook mitteilte. „Dies ist eine von Strafverfolgern empfohlene Vorsichtsmaßnahme“, hieß es. „Die Sicherheit unserer Schüler und Mitarbeiter liegt heute Morgen über allem anderen.“

We have placed all schools on perimeter lockdown status following a shooting in Franklin County this morning. This is a...

Posted by Bedford County Public Schools on  Mittwoch, 26. August 2015

Auch Straßen wurden gesperrt, WDBJ7 zeigte ein Foto Dutzender Polizeiautos in der Nähe des Tatorts. „Dies ist ein schrecklicher Tag für unsere Familie und die Gemeinde, der wir dienen“, schrieb Meteorologe Brent Watts auf Twitter.

Er rief dazu auf, dieses Video des Senders zu teilen, in dem Kollegen an die Getöteten erinnern.

„Uns bricht das Herz“, sagte WDBJ7-Manager Jeff Marks. Parker, die vor etwa vier Jahren als Praktikantin bei dem Sender begann, sei dort ein „Rockstar“ gewesen, sagte ihre Kollegin Kimberly McBroom.

Ward war mit einer weiteren Mitarbeiterin des Senders verlobt, die beiden wollten bald heiraten. „Wir stehen alle unter Schock“, sagte Nachrichtensprecherin Jean Jadhon. Im Studio höre man die Mitarbeiter weinen. „Wir lieben Euch, Alison und Adam“, twitterte der Sender.

39 Journalisten kamen dieses Jahr weltweit ums Leben, resümiert das New Yorker „Committee to Protect Journalists“ (CPJ) nach der Tat.

Anders als in Krisengebieten wie Syrien und dem Südsudan sind solche tödlichen Angriffe in den USA allerdings äußerst selten - seit 1992 starben dort laut CPJ höchstens fünf Journalisten.

Solche sogenannten Shootings sind in den USA trauriger Alltag. Kaum ein Monat vergeht ohne Berichte über Schüsse - an Schulen, Colleges und Universitäten, in Kinos, auf Parkplätzen und vor Einkaufszentren.

Manchmal entpuppen sich diese Berichte als falsch, manchmal gibt es mehrere Verletzte oder Tote. Dann folgt eine Debatte über die laxen Waffengesetze, unzureichende Sicherheitsmaßnahmen oder die teils überforderte Polizei - bis das Ganze von vorn beginnt.

Auch für Tausende US-Journalisten zählen die blutigen Vorfälle zum Tagesgeschäft. Meist beginnt die Berichterstattung mit ein paar knappen Zeilen im Netz, mit dem Tweet eines Lokalsenders oder mit einem kurzen Statement der Polizei. Erst nach und nach kommen Details ans Licht. Am Ende der Geschichte stehen unschuldige Opfer: Zivilisten, Angestellte, Angehörige des Militärs, Eltern, Kinder - doch aus Sicht der Reporter immer „die anderen“.

Auch deshalb sitzt der Schock beim Sender WDBJ7 tief. Als das Bild direkt nach dem Vorfall zu Nachrichtensprecherin Kimberly McBroom wechselt, starrt sie nur mit offenem Mund in die Kamera. Kurz darauf muss Geschäftsführer Jeff Marks am Newsdesk mit zitternder Stimme den Tod seiner beiden Mitarbeiter verkünden. Im Studio hört man Mitarbeiter weinen. „Wir sollten jetzt vermutlich zum normalen Programm wechseln“, sagt Marks später.

Verschlimmert wird der tragische Vorfall durch die engen Beziehungen der Mitarbeiter des kleinen Lokalsenders. Die mit Kameramann Ward verlobte Producerin des Senders verfolgt die Schüsse auf ihren Partner live am Bildschirm im Kontrollraum mit. Der mit Parker liierte Anchormann Chris Hurst twittert ein Foto von ihm und der Journalistin. Er schreibt: „Wir waren sehr verliebt. Wir sind gerade zusammengezogen.“ Und: „Wir wollten heiraten.“ Parker hatte erst vergangene Woche ihren 24. Geburtstag gefeiert.

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