Schutzgeld : Die wehrhafte Flensburger Wirtin

Ute Johannsen vor dem neuen Shamrock, wo sie jetzt als Angestellte arbeitet. Foto: Dommasch
Ute Johannsen vor dem neuen Shamrock, wo sie jetzt als Angestellte arbeitet. Foto: Dommasch

Die Hells Angels, so der Vorwurf, hatten sie mit ihren Schutzgeld-Forderungen in die Insolvenz getrieben - Ute Johannsen packte öffentlich aus. Jetzt sortiert sie ihr Leben neu und arbeitet als Angestellte.

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23. Dezember 2012, 12:24 Uhr

Flensburg | Sie hat den Mund aufgemacht - und sie hat es nicht bereut. Sie hat Mut bewiesen, indem sie ihre Angst über Bord warf. Unter massivem Druck traute sie sich aus der Defensive, stellte sich couragiert gegen die Hells Angels. Die Flensburger Wirtin Ute Johannsen machte im Sommer dieses Jahres die Schutzgeld-Forderungen der seit 2010 in der Fördestadt verbotenen Vereinigung öffentlich. Seitdem erfreut sie sich ungewollter Popularität, ihr Auftritt bei "Stern TV" hat sie bundesweit bekannt gemacht. "Ich habe viel Zuspruch bekommen", sagt Ute Johannsen, "und dabei gemerkt, wer die wahren Freunde sind." Nach über einem halben Jahr wagt sie einen Neuanfang. Willkommen in der rockerfreien Zone!
Über Jahre, so erzählte sie gegenüber dem sh:z, sei sie von den Männern mit Kutte, die das Türsteher-Geschäft an der Flensburger Küste dominieren, drangsaliert worden. Bis zu 3000 Euro im Monat habe sie dieser unfreiwillige Schutz gekostet. Sie zahlte fünf Jahre lang. Dann stieg sie aus. Schaltete die Kripo ein. Sprach Hausverbote aus. "Auch wenn ihr mich im Hafen versenkt", sagte sie zu ihren Peinigern, "ich steig aus!" Mit ihrem Irish Pub ging die Mutter von vier Kindern in die Insolvenz - privat und geschäftlich. Ein Dutzend Jobs waren damit perdu.

"Ich habe nie daran gedacht, zu schweigen"

Jetzt lehnt sie ganz entspannt an der Eingangstür zum neuen "Shamrock". Mitten in der Flensburger Fußgängerzone. Sie ist dort nicht mehr Geschäftsführerin, sondern Angestellte. Ein ganz neues, ein ungewohntes Gefühl. "Früher habe ich entschieden", sagt sie, "jetzt muss ich fragen." Man sieht der 51-Jährigen an, wie erleichtert sie ist. Die Gesichtszüge sind entspannt, die Last der Verantwortung gewichen. Die Hells Angels spielen keine Rolle mehr.
Nachdem Ute Johannsen öffentlich ausgepackt hatte, gab es lediglich einige verbale Attacken ("klitzekleine Schikanen") via Internet. Und im Vorfeld der Fernsehausstrahlung gingen E-Mails von einigen Hells Angels an die Adresse des Senders, die darauf abzielten, die Glaubwürdigkeit der Gastronomin in Frage zu stellen. Private Dinge wurden da ans Tageslicht gezerrt. Behauptungen, die sie als rufschädigend empfunden hat. Die sie aber nicht daran gehindert haben, vor einem Millionenpublikum auszusagen und die Geschäftspraktiken der Rocker an den Pranger zu stellen. "Es kann schmutzig werden", habe ihr der zuständige Redakteur seinerzeit gesagt. "Doch ich habe nie daran gedacht, zu schweigen, aus dem Studio zu flüchten und wieder zurückzufahren. Diesen Gefallen wollte ich ihnen nicht tun." Und ihre Schilderungen, stellt die Wirtin zufrieden fest, seien niemals dementiert worden.

Mit Zeit und Muße das Leben neu sortieren

Es blieb ruhig, und das ist bis heute so geblieben. Für Ute Johannsen ein geradezu paradiesischer Zustand. "Der Sommer war ein Albtraum", blickt sie zurück. "Ich hatte davor wirklich ausgewogenere Zeiten in meinem Seelenleben." Viele hätten sich von ihr abgewandt, ihre Ehe bekam Risse, "aber andere haben mir die Hand gereicht". Es war die richtige Entscheidung. Ute Johannsen wird nicht müde, das zu betonen. "Wenn du Öffentlichkeit herstellst, bedeutet das Schutz" - das hatte man ihr mit auf den Weg gegeben.
Bis jetzt scheint sich diese Einschätzung bewahrheitet zu haben. Ute Johannsen hofft und glaubt fest daran, dass es so bleiben wird. Sie hat jetzt Zeit und Muße, ihr Leben neu zu sortieren, sich um die im sechsstelligen Bereich aufgelaufenen Verbindlichkeiten zu kümmern, die Verschuldung abzubauen. "Die Insolvenz", sinniert sie, "wird mich wohl noch einige Zeit beschäftigen."

"Man wächst nur in der Krise"

Nachdem der ganze Rummel um ihre Person sich gelegt hatte, hat die gelernte Rechtsanwalts- und Notargehilfin und Bäckereifachverkäuferin zunächst eine Auszeit genommen, sich mit dem Gedanken beschäftigt, der Gastronomie ("Das ist immer eine Scheinwelt") gänzlich den Rücken zu kehren. Doch so ganz ohne scheint es nicht zu gehen. Im neuen "Shamrock" sucht man ihren Rat, baut auf ihre Erfahrung. Das Stammpublikum hat sie von dem alten Laden an der Schiffbrücke überwiegend in den neuen Laden mitgenommen. Zur Eröffnung platzte der Pub aus allen Nähten.
Doch irgendwann wird sie die Vergangenheit wieder einholen. Zum Beispiel dann, wenn die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ehemalige Hells Angels im Zusammenhang mit nicht verbuchten Einnahmen aus Türsteher-Geschäften erheben sollte. In einem derartigen Prozess müsste sie nolens volens als Zeugin aussagen. Doch auch dazu wird Ute Johannsen die Kraft aufbringen. Sie wird einen Satz beherzigen, den ihr ein Waldorfschullehrer einst ans Herz legte: "Man wächst nur in der Krise."

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