Ernährungsstudie : Die meisten Kita-Kinder essen ungesund

Zu wenig Obst und Salat – und zu viel Fleisch: Experten fordern Bundes-Kita-Gesetz und staatliche Hilfen.

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03. Juni 2014, 06:47 Uhr

Gütersloh/Rendsburg | Das Essen in deutschen Kitas ist in den meisten Fällen unausgewogen. Dies geht aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung hervor. Bei der Umfrage in fast 1100 Kindertagesstätten in allen Bundesländern gab nur rund ein Drittel der Einrichtungen an, sich an anerkannten Standards bei der Essenauswahl zu orientieren – etwa den Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Die Auswertung der Speisepläne zeigt: Nur in 12 Prozent der Kitas bekommen die Kinder genügend Obst, nur 19 Prozent reichen ausreichend Salat oder Rohkost. Fleisch dagegen wird in rund 75 Prozent der Kitas zu häufig angeboten. Eltern zahlen im Schnitt 2,40 Euro für ein Mittagessen ihrer Kinder. Für eine ausgewogene Mahlzeit müssten es laut Studie rund 4 Euro sein.

Ein Problem sei die Versorgung vieler Kitas mit vorgefertigter Warmverpflegung von Catering-Anbietern, sagt Petra Schulze-Lohmann vom DGE-Landesverband. Nach Angaben der Stiftung bereiten nur knapp ein Drittel der Kindertageseinrichtungen alle Speisen selbst zu. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) lässt sich das Essen warm liefern, bei über 7 Prozent kommt das Essen tiefgekühlt. „Das steht dann oftmals drei Stunden bei 65 Grad, sieht nicht mehr gut aus und schmeckt auch nicht, so Schulze-Lohmann. „Mich stört, dass die Kinder solch stark verarbeitetes Essen bekommen, aber andererseits in Projekten wieder lernen müssen, wie sie Äpfel und Birnen auseinander halten.“ Da heute immer weniger Eltern kochen könnten, müsse es ein Fernziel sein, dass alle Kitas eigene Essen produzieren und die Kinder an der Verarbeitung der Lebensmittel teilhaben lassen.

„Bund, Länder, Kommunen, Träger und Eltern müssen sich verbindlich über die Finanzierung einer ausgewogenen Mittagsmahlzeit verständigen, damit jedes Kind in der Kita gesund verpflegt werden kann“, verlangt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Laut Studie müssten jährlich bundesweit 1,8 Milliarden Euro ausgegeben werden, wenn jedes Kita-Kind täglich ein ausgewogenes Mittagessen bekommen soll. Das sind laut Stiftung bis zu 750 Millionen Euro mehr als Eltern jetzt ausgegeben. Dräger schlägt vor, für eine einheitliche Qualität in Deutschlands Kitas Essenstandards in einem Bundes-Kita-Gesetz festzulegen. „Die Ausstattung ist nicht immer gemäß. Eigene Essensräume, gute Küchen und Ähnliches. Und im Endeffekt geht es natürlich auch ein Stück ums Geld.“

Letzteres sieht Markus Potten, Geschäftsführer des Verbands evangelischer Kitas in Schleswig-Holstein, ebenso. Von den insgesamt rund 1700 Kitas im Norden gehören dem größten freien Träger rund 600 Einrichtungen mit 32 000 Plätzen an, von denen wiederum rund ein Drittel Mittagessen bereitstellt. „Durch die unzulängliche Finanzierung über die Kommunen und das Land sind wir einfach nicht in der Lage, die erwünschten Ernährungsstandards einzuhalten“, so Potten. Die Einrichtungen wüssten sehr wohl, wie wichtig gesundes Essen für die Kinder sei, aber die Träger würden von der Politik im Regen stehen gelassen. „Es fehlt an pädagogisch geschultem Hauswirtschaftspersonal sowie an Räumen und technischer Ausstattung. Wir brauchen hier dringend eine qualitative Verbesserung und dafür Zuschüsse aus öffentlicher Hand.“

Im Gesundheitsministerium in Kiel sieht man allein die Elternschaft sowie Träger und Einrichtungen in der Verantwortung. „Es ist gewollt, dass die Träger ganz unterschiedliche Konzepte umsetzen, nicht gewollt ist ein Durchregulieren von oben“, so Sprecher Christian Kohl. „Die Eltern sollten sich bei Bedarf direkt an die Einrichtungen wenden und jene müssen reagieren.“

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