Wildunfälle : Der Schuss als Erlösung

Nachsuche: Gemeinsam mit seinem Hund Mischnik hat Manfred Tschoppe ein angefahrenes Reh aufgespürt und von seinen Qualen erlöst. Foto: Grätsch
Nachsuche: Gemeinsam mit seinem Hund Mischnik hat Manfred Tschoppe ein angefahrenes Reh aufgespürt und von seinen Qualen erlöst. Foto: Grätsch

Nur selten ist das Tier nach einem Wildunfall gleich tot. Oft flüchtet es sogar - und muss dann von einem Jäger für den Gnadenschuss gesucht werden.

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31. Oktober 2009, 05:50 Uhr

Wenn bei Manfred Tschoppe nachts das Telefon klingelt und sich die Polizei meldet, heißt es mal wieder rausfahren an eine Unfallstelle. Manfred Tschoppe ist Jäger, einer von denen, die gerufen werden, wenn nach einem Unfall ein Wildtier verletzt geflüchtet ist. Dann müssen Teams wie Tschoppe und sein Jagdhund Aragon, Spitzname Mischnik, ran. "Nachsuche" heißt das im Jägerdeutsch: der Spur des angefahrenen Tieres folgen und es, wenn es verletzt ist und leidet, erlösen.

Für Manfred Tschoppe ist die Nachsuche ein Teil seiner Aufgaben als Jagdpächter im Revier Hattstedtermarsch West (Kreis Nordfriesland) - ein notwendiger, manchmal schwer zu verkraftender Teil. Denn er bekommt Tierelend zu sehen: Verletztes Wild, das sich mit letzter Kraft an eine vermeintlich geschützte Stelle gerettet hat, nun in Panik erneut vor ihm und seinem Hund flüchten will, dies häufig nicht mehr kann oder schnell von Mischnik gestellt werden muss. "Ein solches Tier zu erlösen, ist für mich selbstverständlich, ein Akt des Tierschutzes", sagt der 62-Jährige.
Fangschuss erspart weiteres Leiden
Erst kürzlich hatte eine junge Frau nachts einen Rehbock angefahren. Tschoppe inspizierte die Unfallstelle und füllte für die erschreckte, aber unverletzte Autofahrerin die sogenannte Wildunfall-Bescheinigung aus, die Voraussetzung dafür ist, dass die Versicherung den Schaden als Folge eines Wildunfalls anerkennt. Noch im Dunkeln die Nachsuche zu starten, machte jedoch wenig Sinn; das könnte angesichts von nächtlichem Autoverkehr, Stacheldraht und sonstiger Hindernisse für Mensch und Hund gefährlich werden, erklärt Tschoppe.

Darum machten Mischnik und er sich am nächsten Tag in aller Frühe auf den Weg. An der Unfallstelle nahm der Deutsch-Langhaar-Rüde schnell die Witterung des verletzten Tieres auf und führte seinen Herrn mehr als zwei Stunden über Stock und Stein. "Der Bock lebte noch", erzählt Tschoppe, "das kommt leider oft vor". In solchen Fällen fällt der Fangschuss nicht schwer, hat der Jäger doch die Gewissheit, dass er dem Tier damit weiteres Leiden erspart.
Wie in diesem Fall sind meist Rehe betroffen, wenn es um Wildunfälle in den Marschgebieten der Westküste geht. Anders in den waldreichen Regionen im Südosten des Landes, wo auch schon mal ein ausgewachsener Hirsch plötzlich auf der Straße stehen kann oder gar ein Wildschwein. Mit Schwarzwild als Unfallopfer machen Chris Balke und seine Hunde fast täglich Bekanntschaft. Der 35-Jährige ist ein alter Hase in Sachen Nachsuche, hat in seinen 13 Jahren als Leiter der Schweißhundstation in Kogel (Kreis Herzogtum Lauenburg) rund 5000 solcher Suchaktionen absolviert. Ein echter Profi. Denn die Schweißhundstation ist nach Informationen des Landesjagdverbandes in ihrer Struktur einzigartig in ganz Deutschland, hat sich hier doch die Jägerschaft eines Kreises in Eigeninitiative zusammengetan, um einen Berufsjäger nur für die Nachsuche anzustellen. Jetzt, in der Brunftzeit des Damwildes, und mehr noch im Dezember, in der Rauschzeit des Schwarzwildes, sind Chris Balke und seine Hunde besonders gefordert. "Dann ist Bewegung im Revier", weiß er - und die Zahl der Wildunfälle schnellt hoch.
Wildschweine können gefährlich werden
Drei Hunde gehören derzeit zu Balkes Team. Wie in menschlichen Berufen, gibt es auch bei den Jagdhunden Spezialisten; während Rassen wie Deutsch Langhaar und Deutsch Drahthaar zu den Allroundern gehören, die aufstöbern, verweisen und apportieren, sind Schweißhunde dafür prädestiniert, der Schweißfährte zu folgen, wie Jäger die Blutspur eines verletzten Tieres bezeichnen.

Die Hunde sind wertvolle Begleiter für einen Jäger wie Chris Balke. Denn sich auf die Spur eines verletzten Wildschweines zu begeben, erfordert Erfahrung, Mut und einen kühlen Kopf. "Wildschweine sind wehrhafte Tiere, das kann gefährlich werden", weiß Manfred Tschoppe, dem in der Marsch solche Wildschweinbegegnungen erspart bleiben. Für seinen Jägerkollegen am anderen Ende Schleswig-Holsteins dagegen gehören sie zum Berufsalltag.

Mit Pius oder Woytila an der langen Leine und Gauner an seiner Seite geht es dann auf die Suche. Bei den Hunden herrscht Arbeitsteilung: Der Schweißhund verfolgt die Fährte, Aufgabe des Jagdhundes ist es dann, das gefundene "Stück", wie Balke das Tier nennt, zu verbellen und wenn notwendig an der Flucht zu hindern. Mehr als einmal hat der ausgebildete Forstwirt und Berufsjäger erleben müssen, dass ein Hund bei einem solchen Einsatz verletzt oder gar getötet wurde. Denn die Hauer des Keilers sind scharfe Waffen, wild gewordene Bachen beißen nicht selten um sich. Für Balke selbst haben sich die Folgen bisher auf einen aufgeschlitzten Stiefel beschränkt: "Ich konnte immer rechtzeitig abdrücken", sagt er, "aber man muss sehr vorsichtig sein".

Trotz der stets präsenten Gefahr und unkonventioneller Arbeitszeiten - Chris Balke geht in seiner Arbeit auf. Wie Manfred Tschoppe sieht es auch der Berufsjäger als seine Hauptaufgabe an, das Leid verletzter Tiere zu beenden. "Der Schuss ist dann eine Erlösung, und ich gehe beruhigt nach Hause."

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