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Sieben Jahre nach dem Unglück : Holpriger Start: Loveparade-Prozess beginnt mit Befangenheitsanträgen

vom
Aus der Onlineredaktion

Nach dem Unglück mit 21 Toten beginnt in Düsseldorf eines der größten Gerichtsverfahren der Nachkriegszeit.

shz.de von
erstellt am 08.Dez.2017 | 08:06 Uhr

Düsseldorf | Mit einer Flut von Anträgen hat der Strafprozess um die Loveparade-Katastrophe begonnen. Sechs Mitarbeitern der Stadt Duisburg und vier des Veranstalters Lopavent wird fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen.

Zum Auftakt rügten die Verteidiger die Anwesenheit potenzieller Zeugen im Saal. Das Gericht unterbrach daraufhin die Verhandlung. Zwei Zuschauer verließen die Verhandlung, darunter die Sprecherin von Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller.

Daraufhin stellten Verteidiger Befangenheitsanträge gegen zwei Ergänzungsschöffen. So habe die Stieftochter eines Schöffen die Loveparade besucht – auch wenn sie dabei nicht Zeuge des tödlichen Gedränges geworden sei, reiche dies für eine Befangenheit aus. Weitere Verteidiger kündigten eine umfangreiche Besetzungsrüge gegen das Gericht an, die sie noch vor der Anklageverlesung stellen wollten.

Bei dem Unglück am 24. Juli 2010 waren im Gedränge am einzigen Zu- und Abgang der Technoparade 21 Menschen im Alter von 17 bis 38 Jahren erdrückt worden. Mindestens 652 wurden verletzt, viele von ihnen schwer.

Die Anklageschrift umfasst 556 Seiten. Die Staatsanwaltschaft Duisburg listet darin „schwerwiegende Fehler bei Planung und Genehmigung“ auf. Zudem seien Sicherheitsauflagen nicht überwacht worden. Das Verfahren steht unter Zeitdruck: Ende Juli 2020 verjähren die Vorwürfe.

Der Weg zum Prozess war lang: Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauerten mehr als dreieinhalb Jahre. 96 Polizisten vernahmen 3409 Zeugen und sichteten Videomaterial in einer Gesamtlänge von rund 1000 Stunden.

Mehr als zwei Jahre lang prüfte dann eine Kammer des Landgerichts Duisburg die Anklage, ließ sie am Ende aber nicht zur Hauptverhandlung zu. Erst eine erfolgreiche Beschwerde der Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht ebnete den Weg für den Prozess. „Das Landgericht hat versagt“, sagte Opferanwalt Gerhart Baum vor Prozessbeginn: Erst durch die Beschwerden sei das Verfahren in Gang gekommen. „Die Veranstaltung hätte nie genehmigt werden dürfen. Wären noch 100.000 Besucher mehr gekommen, wäre die Katastrophe noch größer ausgefallen“, sagte der ehemalige Bundesinnenminister.

Der Verhandlungssaal: Der Prozess vor der 6. Großen Strafkammer des Duisburger Landgerichts findet im Düsseldorfer Congress Center statt.

Der Verhandlungssaal: Der Prozess vor der 6. Großen Strafkammer des Duisburger Landgerichts findet im Düsseldorfer Congress Center statt.

Foto: Ina Fassbender/dpa

Das Landgericht Duisburg hat die Hauptverhandlung aus Platzgründen in eine Kongresshalle nach Düsseldorf verlegt. Rund 500 Menschen finden darin Platz. Die Angeklagten werden von 32 Juristen verteidigt. Der Anklage haben sich 65 Nebenkläger angeschlossen. Sie werden von 38 Anwälten vertreten. 45 Besucher hatten sich am Freitag zu Beginn im Saal eingefunden, das Gericht hatte mit einem wesentlich größeren Andrang gerechnet.

Insgesamt 234 Plätze sind für Besucher reserviert. Ein vierköpfiges Notfallseelsorge-Team stand am ersten Tag als Beistand für Angehörige, Traumatisierte und Besucher bereit. Der große Umfang des Verfahrens spiegelt sich auch in der Menge der Akten wider: Die sogenannte Hauptakte, die beim Prozess in Griffweite der Richter steht, umfasst derzeit 117 Bände mit 53.500 Seiten. Hinzu kommen rund 1000 Ordner mit Beweismitteln und weiteren Unterlagen sowie rund 1000 Stunden Videomaterial mit den Aufnahmen von Überwachungskameras und Handys.

Nicht angeklagt sind der später abgewählte Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) sowie der Fitnessstudio-Unternehmer Rainer Schaller („McFit“), der einige Jahre vor dem Unglück über sein Tochterunternehmen Lopavent die Rechte an der Loveparade erworben hatte. Beide sollen im Verlauf des Prozesses als Zeugen aussagen.

Loveparade-Gründer fordert „lückenlose Aufklärung“

Der Gründer der Loveparade, der Musiker Dr. Motte, erwartet vom Loveparade-Strafprozess eine „lückenlose Aufklärung“ des Unglücks. „Das ist das, was die Eltern wollen, und das ist das Wichtigste“, sagte der 57-Jährige.

Loveparade-Gründer Dr. Motte an der Unglücksstelle in Duisburg.

Loveparade-Gründer Dr. Motte an der Unglücksstelle in Duisburg.

Foto: Oliver Berg/dpa
 

Es sei gut, dass der Prozess jetzt beginne und die lange Wartezeit vorbei sei. Es sei allerdings ein Problem, dass im Juli 2020 die Vorwürfe verjährten. „Deshalb gibt es jetzt Riesendruck.“ Er habe nach wie vor Kontakt zu Betroffenen. „Ich weiß, wie schlecht es denen geht.“ Viele hätten aufgrund der körperlichen und psychischen Traumatisierung ihr Leben lang damit zu tun.

Dr. Motte hatte 1989 die erste Loveparade 1989 in Berlin gegründet. 150 Technofans tanzten damals unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ auf dem Kurfürstendamm.

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