Schweinswale : Der alte Wal und das Meer

Dr. Andreas Pfander von der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäuger (GSM)  setzt sich für die Meeressäuger in der Ostsee ein.
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Dr. Andreas Pfander von der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäuger (GSM) setzt sich für die Meeressäuger in der Ostsee ein.

Schweinswal "Marco" wurde 1993 hilflos am Strand von Sylt entdeckt und in den Niederlanden groß gezogen. Jetzt lebt er wieder in Freiheit. Doch den Verwandten der Delfine droht der Untergang.

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13. August 2010, 02:52 Uhr

Lebt Marco noch? Wenn ja, kann er seinen Artgenossen in Nord- und Ostsee viel erzählen. Von der Angst seiner Art vor dem Untergang. Von besseren Zeiten, von Menschen, die ihn gerettet haben. Und er wird, wie es alle Wale tun müssen, regelmäßig auftauchen, mit einem lauten "Pfff" zeigen, dass er noch lebt und es noch nicht zu spät ist. Sollte Marco noch leben, gehört er zu den ältesten Schweinswalen. Gewöhnlich werden Schweinswale nicht älter als zehn bis 15 Jahre.
Juli 1993. Marco strandet hilflos am Strand von Sylt. Schweinswale können bei Geburt nicht schwimmen; seine Mutter muss ihn zwei Wochen nach der Geburt verloren haben. Der Meeressäuger hat ohne Mutter in der Freiheit keine Chance.
Besuch vom Wa(h)l-Freund
Eine einmalige Hilfsaktion läuft an. Marco wird in ein Delfinarium nach Harderwijk in den Niederlanden geflogen. Dort bekommt er regelmäßig Besuch von einem Wa(h)l-Freund. Der Chirurg Andreas Pfander aus Kappeln, der die Rettungsaktion für das Schweinswal-Baby mit organisiert hatte, besucht ihn oft - und ist fasziniert. "Wenn ich Marco in die Augen schaute, dann hatte ich das Gefühl, da beobachtet mich einer mit einer wachen Intelligenz", erinnert sich der Mediziner.
Marco wurde drei Jahre später - als Schweinswal gerade erwachsen geworden - in die Freiheit entlassen. Während er Nord- und Ostsee eroberte, machte sich Pfander zu Lande für die kleinsten aller Zahnwale stark. Die Schweinswale - auch "Kleine Tümmler" oder früher "Braunfische" genannt - sind mit den Delfinen verwandt, aber entwicklungsgeschichtlich älter als diese. Dank der TV-Serie "Flipper" und durch viele Delfinarien sind sie zu Lieblingstieren der Menschen geworden. Eher ein Fluch, denn ein Segen, sagt heute Ric O’Barry.
Nie wieder Training
Der ehemalige Taucher der US-Army und spätere Trainer der Delfine aus der berühmten "Flipper"-Serie erinnert sich, wie er eines Tages ins Seeaquarium von Florida gerufen wurde. Wieder konnte einer seiner Delfine die Gefangenschaft nicht mehr ertragen und verweigerte die Nahrungsaufnahme. O’Barry sprang ins Becken zum leidenden Tier, das er Kathy getauft hatte. "Sie kam zu mir in die Arme, wir berührten uns einen Moment. Dann spürte ich, wie das Leben aus ihr wich", sagt der Ex-Trainer und heutige Aktivist für die Freiheit der Wale. Nie wieder würde er noch einmal Delfine trainieren.
Die Meeressäuger leiden in Gefangenschaft grausam und sterben früh. Doch auch in Freiheit wird der Lebensraum für sie knapp. Nur noch sechs Arten von Schweinswalen gibt es weltweit; alle sechs sind durch menschliche Aktivitäten bedroht - sei es direkt durch den unbeabsichtigten Fang in Fischernetzen, sei es indirekt durch die Zerstörung ihres Lebensraums. Nur für Laien klingen die Zahlen gut, wenn nach Einschätzung von Wissenschaftlern noch über 200.000 Schweinswale in Nord- und Ostsee schwimmen. Denn leicht wird übersehen, dass der Schweinswal der zentralen Ostsee mit nur noch etwa 500 Tieren vom Aussterben bedroht ist. Trotzdem haben Besucher der Ostseeküste Schleswig-Holsteins immer noch eine gute Chance, bei ruhigem Wetter Schweinswale zu beobachten, wenn diese zum Luftholen mit der typisch rollenden Bewegung auftauchen und dann die schwarzbraunen Rücken und die dreieckförmigen Finnen der durchschnittlich 1,60 Meter großen Wale kurz an der Wasseroberfläche zu sehen sind. Ein Anblick, der Beobachter immer wieder von Neuem fasziniert.
Aus Leidenschaft wurde eine Mission
Pfander erlebte die ersten Delfine in den 70er Jahren in Vietnam. Als junger Chirurg tat er auf dem Hospitalschiff "Helgoland" Dienst. Nach Feierabend sah er von Bord aus Delfine, die die Amerikaner als Horchposten im Meer abgerichtet hatten - unter ihnen auch ein Großer Tümmler, der in einem kleinen Gehege gehalten wurde. Später operierte Pfander in der Damp-Klinik an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Eines Tages entdeckte er beim Blick aus dem OP-Saal die schwarzen Finnen im Meer. Aus dem Interesse für die Meeressäuger wurde Leidenschaft und aus der Leidenschaft eine Mission.
Pfander ist heute über die Nationalparkverwaltung ein vom Kieler Umweltministerium offiziell beauftragter "Schweinswal-Finder". Er kümmert sich um gestrandete Meeressäugetiere. Fast immer sind sie tot und meistens in einem fortgeschrittenen Stadium der Verwesung. Jeder am Ufer gefundene Wal in seinem "Revier", das über 150 Kilometer Ostseeküste von Flensburg bis Kiel reicht, wird ihm gemeldet. Er spricht mit Fischern und arbeitet in der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere mit, die seit 2002 Wassersportler und andere Seefahrer aufruft, Schweinswal-Sichtungen zu melden. Auch in dieser Saison hoffen er und die Gesellschaft auf möglichst viele Meldungen.
Die Kinderstube der Schweinswale
Das Revier des "Wal-Finders" ist etwas Besonderes. Hier liegt die "Kinderstube der Schweinswale", wie der dänische Walforscher Carl Kinze bereits 1985 in Untersuchungen festgestellt hat. In der Flensburger Förde befindet sich eines der wichtigsten Aufzuchtgebiete der Schweinswale in der Ostsee. Dort werden zwischen Juni und August die meisten Mütter und ihre Kälber gesehen, wenn die bei der Geburt 80 bis 90 Zentimeter großen Nichtschwimmer geboren werden. »Das ist ein einzigartiger Schatz vor unserer Haustür. Wir sollten alles unternehmen, um ihn zu erhalten«, sagt Pfander.
Seit der heute 71-jährige Chirurg nicht mehr täglich am Operationstisch steht, gilt sein ganzer Einsatz einem Ziel: Die Küstenregion zwischen der Flensburger Förde und der Kieler Bucht soll zum Schweinswal-freundlichsten Revier der Nordmeere werden, wie das nordfriesische Wattenmeer, das als Nationalpark ein europaweit einzigartiger Schutzraum für die Meeressäuger ist. "Warum nicht auch einen Nationalpark in der Flensburger Förde einrichten?", fragt Pfander. Er behindere keineswegs Segler oder Fischer, eröffne aber dem Tourismus zusätzliche Perspektiven und helfe Natur und Umwelt.
Fischer als Verbündete
Die einzige in deutschen Gewässern heimische Walart orientiert sich mit Ultraschall. So finden sie auch ihre Beute - unter anderem am und im Boden lebende Fische. Dieses "Gründeln" brachte ihnen ihren Namen ein. Wie Schweine wühlen sie mit ihrer stumpfen Schnauze im Boden nach Nahrung. Doch der Ultraschall der Schweinswale kann die größte Gefahr der Meeressäuger, die Grundstellnetze der Fischer, nicht orten. Verheddern sie sich darin, ersticken sie qualvoll, weil sie zum Luftholen nicht mehr auftauchen können. So musste Pfander im vergangenen Jahr in seinem Küstenabschnitt 50 tote Schweinswale registrieren; davon wurden die meisten vermutlich Opfer der Fischerei.
Doch Pfander sieht die Fischer im Kampf für das Überleben der Schweinswale nicht als Gegner, sondern als Verbündete. "Von ihnen habe ich vieles über diese Meeressäuger erfahren, das nicht in den Fachbüchern stand", sagt er. Damit die Schweinswale der Gefahr besser aus dem Wege gehen können, werden Netze immer häufiger mit so genannten Pingern ausgestattet. Die kleinen Geräte senden akustische Warnsignale, müssen allerdings regelmäßig gewartet werden. Dass die Kosten einseitig den Fischern aufgebürdet werden, empfindet Pfander als ungerecht. Außerdem, so gibt er zu bedenken, gewöhnen sich Schweinswale mit der Zeit an die Geräuschquelle unter Wasser oder werden aus ihren angestammten Nahrungsgründen vertrieben. Besser wären Modifikationen an den Netzen, um sie für Schweinswale deutlicher sicht- oder hörbar zu machen oder alternative "schweinswalfreundliche" Fischfangmethoden wie Bundgarne und Dorschfallen.
"Whale watching"als Attraktion
Die Kosten dafür sind nach Ansicht Pfanders gering im Vergleich zum Gewinn für Mensch und Tier. "Whale watching" könnte in seinem Revier betrieben werden, sagte der Experte. Die Schiffsgeräusche würden die Schweinswale keineswegs stören, wenn Boote mit Touristen ausliefen, um die Meeressäuger in Freiheit zu beobachten. Auch die Freizeitschifffahrt sei für die Tiere kein Problem, lediglich so genannte Speedboote, die mit 20 Knoten über das Wasser gleiten, könnten neben der für Schweinswal und Mensch unerträglichen Lärmbelastung ein Muttertier mit seinem Neugeborenen in Bedrängnis bringen. Auch den Einsatz von Unterwasserschallkanonen zur Untersuchung des Meeresbodens oder der mit dem Rammen von Pfeilern verbundene Lärm beim Bau des Offshore-Windparks Baltic 1 sieht Pfander gerade in Hinblick auf den stark gefährdeten Schweinswal der zentralen Ostsee kritisch.
Von Jugend an haben Wale den Mediziner, der ursprünglich Zoologie studieren wollte, fasziniert. Die Eltern empfahlen ihm, erst einmal den Arztberuf zu erlernen. Als Chirurg spezialisierte sich Pfander auf Hand-operationen. Mit Begeisterung vergleicht er heute die Anatomie der menschlichen Hand mit der Walflosse. Wo mancher Freizeitskipper mit seiner kleinen Yacht arge Schwierigkeiten beim Manövrieren habe, hätten über zehn Meter lange Finnwale selbst in engsten Buchten und Häfen keinerlei Probleme. "Schauen Sie sich an, wie elegant sich die Tiere mit ihrer Flosse im Wasser bewegen."

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