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Politische Korrektheit : Das Falsche sagen und das Richtige meinen?

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Von Winnetou als „Mitglied der indigenen Bevölkerung“ bis hin zum ehemaligen „Sarotti-Mohr“ bieten sich immer mehr Möglichkeiten, sich nicht politisch korrekt auszudrücken.

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erstellt am 17.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Auf dem Glatteis der politischen Korrektheit auszurutschen, ist schon lange kein Kunststück mehr. Begriffe, die man bedenkenlos genutzt hat, werden zu Beschimpfungen, diskriminierende Formulierungen werden in Büchern gesucht und durch andere Vokabeln ersetzt. Dieser Ersatzwortschatz gilt zwar gesellschaftlich als „pc“, also politically correct, ist jedoch nicht selten umständlich und auf eine neue Art unpassend.

Indianer  oder indigene Bevölkerung

Eingefleischte Winnetou-Fans wissen, dass er Häuptling der Mescalero-Apachen ist, aber selbst sie wären vermutlich nicht auf die Idee gekommen, ihn nicht als „Indianer“ zu bezeichnen, sondern als Angehöriger eines indigenen Volkes. Aber damit nicht genug: Die indigenen Völker in Kanada fasst man unter dem Begriff „First Nations“ zusammen. Davon ausgenommen werden wiederum die so genannten Métis und die Inuit. Und damit ist auch schon das nächste Fass offen:

Eskimo oder Inuit

Wer versucht, das für manche Gruppen beleidigende Wort „Eskimo“ aus seinem Wortschatz zu tilgen, um es durch „Inuit“ zu ersetzen, trifft damit nicht den Punkt. Eskimo wurde früher fälschlicherweise mit "Rohfleischesser" übersetzt, was mittlerweile sprachwissenschaftlich umstritten ist. Das Wort gilt als Oberbegriff und umfasst sowohl die Inuit auf Grönland und in Kanada, als auch die entfernt mit ihnen verwandten arktischen Volksgruppen der Aleuten und Yupik. Wer nun also „Inuit“ sagt, meint damit eine kleinere Gruppe an Menschen und benutzt zudem ein Wort, das diese Volksgruppen im nordwestlichen Kanada und in Alaska gar nicht in ihrem Wortschatz haben. Manche von ihnen nennen sich „Inupiat“, was so viel wie „Mensch“ bedeutet, und zählen sich wie selbstverständlich zu den Eskimos, während andere dafür kämpfen, das Wort zu ersetzen.

Zigarettenpause nach erfolgreicher Waljagd: Inuit-Männer auf Grönland.
Zigarettenpause nach erfolgreicher Waljagd: Inuit-Männer auf Grönland. Foto: rax

Zigeuner oder Sinti und Roma

Genau wie „Eskimo“ ist „Zigeuner“ ein Begriff, den sich nicht die entsprechende Bevölkerungsgruppe selbst gegeben hat, sondern andere für sie fanden. Woher genau sich das Wort ableiten lässt ist nicht eindeutig geklärt, die deutsche Übersetzung "umherziehende Gauner" gilt jedoch als falsch. Manche Gruppen verachten diesen Begriff, sehen ihn als rassistisch an, andere tragen ihn mit Stolz und distanzieren sich vom für sie negativ behafteten Wort „Roma“ – so zumindest die Erfahrungen von Rolf Bauerdick. Der Autor beschäftigte sich jahrelang mit diesem Thema und schrieb mehrere Bücher darüber, unter anderem „Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“, welches in der FAZ als „Gründlich recherchiert, mitreißend erzählt und politisch gar nicht korrekt“, bezeichnet wurde.

Schwul oder homosexuell

Weniger Glatteis als von manchen befürchtet scheint es bei der Wahl zwischen den Worten „schwul“ und „homosexuell“ zu geben. Hierzu schreibt der Bund lesbischer und schwuler JournalistInnen: „Die Adjektive ,schwul’ und ,lesbisch’ werden von einigen Heterosexuellen als Schimpfwort empfunden. Schwule und Lesben sehen diese Worte hingegen als selbstverständliche Beschreibung ihrer sexuellen Identität.“ Oder wie es der schwule Autor Ulf Lippitz klarstellt: „Das Wort Homosexualität verallgemeinert mehr, vielleicht distanziert es den Schreiber vom Sujet. Falsch ist es jedenfalls nicht. Schlimm wäre nur, wenn es aus Angst vor dem Wort schwul benutzt würde. Deshalb: schwul, schwul, schwul.“

Schwul - kein Schimpfwort, sondern politisch korrekt.
Schwul - kein Schimpfwort, sondern politisch korrekt. Foto: Stephanie Pilick

Sexueller Missbrauch oder sexualisierte Gewalt

Relativ neu in der Riege der politisch inkorrekten Redewendungen ist „sexueller Missbrauch“. Wer es treffender ausdrücken möchte, spricht heutzutage von „sexualisierter Gewalt“. Dass hier eine Unterscheidung in gute Formulierung und böse Formulierung schwer fällt, zeigen schon die Bemühungen jener, die es hier sehr genau nehmen wollen. Auf der Homepage der Beratungsstelle „Miss.“ für Betroffene sexueller Gewalt in Bergen auf Rügen erklärt Diplom-Psychologin Ruth Meyer die Unterschiede: „Das Wort Missbrauch mit der Vorsilbe ,miss-’ suggeriert, dass es auch einen guten Gebrauch gibt.“ Dass Sex auch sein Gutes haben kann ist sicherlich unbestritten, Meyer bezieht den Begriff „sexuellen Missbrauch“ aber nur auf Kinder und hält ihn deshalb für unangemessen. Auch das Adjektiv stört sie. „Sexuell ist das zugehörige Eigenschaftswort zu Sexualität, die in erster Linie etwas sehr Schönes ist. Das hat nichts mit Gewalt und Machtausübung zu tun. Deshalb bevorzugen wir den Begriff sexualisierte Gewalt.“ Aber obwohl sie diesen Begriff bevorzugt, hat die Beratungsstelle sich auf „Betroffene sexueller Gewalt“ spezialisiert und hält sich damit selbst nicht an die eigenen Empfehlungen für richtigen Sprachgebrauch.

Unterschicht vs. Prekariat

Erst seit fünf Jahren steht das Wort „Prekariat“ im Duden. Dort ist es erklärt als „Bevölkerungsteil, der, besonders aufgrund von anhaltender Arbeitslosigkeit und fehlender sozialer Absicherung, in Armut lebt oder von Armut bedroht ist und nur geringe Aufstiegschancen hat“. Dass jedoch das Wort „Prekariat“ auch auf das Lateinische „prekare“ zurückzuführen ist, und dieser Bevölkerungsgruppe damit unterstellt, zu betteln, macht den neuen Begriff nicht viel besser als den alten.

Neger, Mohren, Schwarze, Dunkelhäutige, Afrodeutsche

Pippi Langstrumpfs Vater ist nicht mehr Negerkönig sondern Südseekönig, statt Mohrenköpfen essen wir Schokoküsse und der Sarotti Mohr heißt seit zehn Jahren „Sarotti-Magier der Sinne“, hat keine dunkle Haut mehr sondern goldfarbene und trägt kein Tablett (weil es an Sklaven erinnern könnte) sondern lässt Sterne in die Luft steigen. Was zunächst übertrieben klingt, zeigt jedoch deutlich, dass im Alltag angekommen ist, was der Duden schreibt, nämlich dass diese Begriffe veraltet (Mohr) und stark diskriminierend (Neger) sind. Für in Deutschland lebende Menschen dunkler Hautfarbe setze sich mittlerweile die Bezeichnung „Afrodeutsche“ mehr und mehr durch, heißt es dort.

Der KulturSpiegel beschäftigt sich in seiner Aprilausgabe mit der Frage, wie rassistisch der deutsche Kulturbetrieb ist. Dazu äußerte sich die 35-jährige Pumeza Matshikiza. Sie stammt aus Kapstadt, lebt seit 2010 in Deutschland und ist Sopranistin an der Oper Stuttgart. Matshikiza hat eine klare Meinung zu den unterschiedlichen Begrifflichkeiten: „Mir ist es egal, ob mich jemand als schwarz, afrikanisch, farbig oder negro bezeichnet. Es kommt doch nicht auf die Begriffe an, sondern auf die Botschaft, die dahinter steht. Auf Wärme und Respekt.“

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