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„Grid Computing“ : Mit vielen kleinen Smartphones zum Super-Computer

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Ein Super-Computer, der aus vielen kleinen Einheiten besteht. Sie sind auf der ganzen Welt verstreut. Nach diesem Prinzip funktioniert „Grid Computing“: Wissenschaftler nutzen Rechenleistungen privater Computer und Smartphones. Während Hersteller auf den Zug aufspringen, warnen Kritiker vor Gefahren.

Barcelona/Kiel | Moderne Smartphones haben inzwischen sogar bessere Rechenleistung als mancher heimischer Computer. Auf der Mobilfunkmesse Mobile World Congress (MWC) in Barcelona sind Geräte mit acht Prozessorkernen zu sehen. Doch voll ausgeschöpft wird diese Leistung nur selten – vor allem dann nicht, wenn die Geräte nachts aufgeladen werden. Das soll sich ändern, dachte sich unter anderem der Smartphone-Hersteller HTC und präsentierte in Barcelona das Projekt „Power to give“. Die Idee: Während das Mobiltelefon auflädt und sich im WLAN befindet, führt es Berechnungen für die Wissenschaft durch.

Neu ist die Überlegung nicht. Schon im Juli 2013 zum Beispiel hat IBM sein bislang nur auf PCs und Laptops betriebenes Netzwerk „World Community Grid“ auf Android-Smartphones erweitert. Grundlage ist – wie bei der HTC-App – die Software BOINC (Berkeley Open Infrastructure for Network Computing) der University of California in Berkeley. Darin kann der Nutzer auswählen, für welches Projekt er seine Rechenleistung zur Verfügung stellen möchte. Bei SETI@Home wird nach außerirdischem Leben gesucht, Einstein@Home sucht Pulsare, also schnell rotierende Neutronensterne, im All. Die medizinische Forschung nutzt die verknüpfte Rechenleistung mit Programmen wie FightAIDS@Home oder für die Suche nach Mitteln gegen Alzheimer – wie bei der Android-App „Power Sleep“ von Samsung, die von der Universität Wien genutzt wird. Auch die Versorgung mit sauberem Trinkwasser weltweit wird durch das so genannte Grid Computing unterstützt. Dabei bietet die freiwillige Masse den entscheidenden Vorteil: Seit der Gründung 2004 haben die Teilnehmer des IBM-Programms der Wissenschaft bereits Leistungen im Wert von 900.000 Jahren eines einzelnen Computers spendiert.

Dass HTC auf den Zug aufspringt, hat einen simplen Hintergrund: Mehr Menschen sollen von dem Prinzip „verteiltes Rechnen“ erfahren und sich beteiligen. HTC-Vorstandsvorsitzende Cher Wang ist euphorisch: „Analysten schätzen, dass allein 2013 über 780 Millionen Android-Handys ausgeliefert wurden. Man stelle sich nur vor, was wir für die Zukunft unserer Kinder tun könnten, wenn nur ein Bruchteil dieser Android-Benutzer einen Teil ihrer ungenutzten Prozessorleistung dazu beisteuern würde, Antworten auf die Fragen zu finden, die uns alle betreffen.“

Aber was passiert bei der Teilnahme am „Grid Computing“ mit den persönlichen Daten auf den Geräten? Sie sollten eigentlich nicht angetastet und für die Anwendungen nicht sichtbar sein. „Power Sleep greift nicht auf persönliche Daten zu. Die App verwendet lediglich die Prozessorleistung deines Smartphones oder Tablets zum Vergleich von Proteinsequenzen“, schreibt Samsung auf seiner Website zu „Power Sleep“. Und doch fordert die App die Berechtigung, USB-Speicherinhalte zu ändern oder zu löschen, Systemeinstellungen zu ändern und sogar den Zugriff auf geschützten Speicher zu testen. Warum das so ist, hat Samsung bislang auf E-Mail-Anfrage nicht beantwortet.

Marit Hansen, Schleswig-Holsteins stellvertretende Datenschutzbauftragte, gibt generell zu bedenken, dass die Sicherheit auf Smartphones noch nicht so hoch sei wie auf Computern. „Virenschutz ist auf einem PC Standard, eine Firewall kommt meistens schon mit dem Betriebssystem“, erläutert Hansen. Das sei bei Smartphones nicht so. Darüber hinaus enthalten Mobiltelefone meist viel mehr persönliche Infos – nicht zuletzt die Kontaktdaten von Freunden und Bekannten. Deshalb habe der Nutzer schon moralisch die Pflicht, sich um Sicherheit zu kümmern, sagt Hansen.

Der Knackpunkt beim „Grid Computing“ ist aus Sicht der Datenschützerin, dass der Nutzer nicht nachvollziehen könne, welche Daten tatsächlich mit dem Gerät verarbeitet werden. „Ich kann nicht erkennen, ob nicht etwa das Militär eine Drohne darüber steuert.“ Die Teilnahme basiere also rein auf Vertrauen. Hansens Rat: Ein ausrangiertes Smartphone ohne persönliche Daten nutzen, genau prüfen, wer tatsächlich der Urheber der Anwendung ist und welche Berechtigungen die App fordert (Vergleich BOINC, HTC und Samsung siehe Fotos oben), welche Reaktionen es von Nutzern und in der Presse gibt und wie man die Teilnahme wieder beenden kann. „Auf keinen Fall sollten solche Anwendungen auf Dienstgeräten laufen“, mahnt Hansen.

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erstellt am 26.Feb.2014 | 13:57 Uhr

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