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Keine Spur von Kirchenflucht im Kreis

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Mitgliederzahlen der Kirchengemeinden schrumpfen zwar, aber lediglich wegen des demographische Wandels in der Gesellschaft

shz.de von
erstellt am 22.Jan.2010 | 04:10 Uhr

kreis steinburg | Die Kirche, Opfer der Finanzkrise? Ja und Nein: Zwar erhält die Kirche weniger Steuereinnahmen, da diese ans Erwerbseinkommen gebunden sind, die Kirchen also auch die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit zu spüren bekommen, aber viele Steinburger sparen in finanziell schwierigen Zeiten nicht beim Kirchenbeitrag. Hiobsbotschaften von Mitgliederflucht wie sie derzeit vielfach laut werden, sind im Kreis Steinburg nicht zu hören. Die Austrittszahlen sind nicht dramatisch, wie Pastoren gegenüber unserer Zeitung erklärten. "Es gibt immer Austritte, es waren im letzten Jahr aber nicht mehr als sonst auch", betont Propst Dr. Thomas Bergemann.
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Im vergangenen Jahr verzeichnete der Kirchenkreis Rantzau Münsterdorf 111433 Mitglieder, 2008 waren es noch 112830 und im Jahr 2007 114917 Gläubige. "Gleichbleibend schlechte Zahlen", so Bergemann. Damit sich das ändert, müsse sich die Kirche stärker gesellschaftspolitisch engagieren. Bergemann: "Man muss sich stärker fragen: Was heißt es Christ zu sein? Was heißt es, sich wirklich für Schwache einzusetzen?" Es gebe es viele Arme in der Region "Alle sollten das Recht haben, sich ihren Unterhalt zu verdienen, anstatt als Bittsteller auftreten zu müssen." Außerdem liege Bergemann am Herzen, den Dialog mit Menschen mit Migrationshintergrund zu verstärken.
Die Kirche schrumpft mit der Gesellschaft
Durchschnittlich ein Prozent der Mitglieder gehen jährlich verloren. Der Rückgang der Gemeindeglieder habe aber nicht primär mit Austritten, sondern mit dem demographischen Wandel zu tun, unterstreicht auch Pressesprecherin Natalie Lux. "Ein Großteil des Rückgangs kommt dadurch zustande, dass die Menschen sterben und nicht, dass sie austreten." Die Kirche schrumpft mit der Gesellschaft: Weniger Kinder, weniger Taufen, weniger Mitglieder. Hinzu kommen Verstorbene. Und die üblichen jährlichen Aussteiger.

20 waren es in der Kirchengemeinde Schenefeld im Jahr 2009, "damit liegen wir unter unserem Durchschnitt", erklärt Pastor Manfred Kaiser. Auch hier lassen eher der demografische Wandel als Aussteiger die Gemeinde schrumpfen: "Wir hatten im vergangenen Jahr mehr Beerdigungen als üblich, dafür weniger Taufen durch den Geburtenrückgang. Der macht sich auch schon bei den Konfirmanden bemerkbar, ich habe weniger als sonst", so Pastor Kaiser. Eine Rolle spiele auch die Anzahl der Wohnbevölkerung. "150 Bürger zogen allein 2009 weg." Trotzdem sei der Gottesdienstbesuch überdurchschnittlich gut. "Hier auf dem Land existieren noch weitgehend volkskirchliche Strukturen."
Rückbesinnung auf die Kirche gerade in schlechten Zeiten
Weshalb die Kirchengemeinden im Kreis ihre Schäfchen zusammenhalten können, können die Pastoren nur vermuten: "Vielleicht hat es was mit der dörflichen Struktur zu tun. Hier gibt es einen starken Zusammenhalt, wir machen viele Aktionen mit anderen zusammen wie zum Beispiel Laternelaufen", so Pastor Dr Hartmut Schmidt aus Brokstedt. Der Dorfzusammenhalt könne dabei eine wesentliche Rolle spielen. Das hält auch Pastor Schröder aus Glückstadt für wahrscheinlich: Die Gemeinde sei überschaubarer, eine mittelgroße Stadt, in der man sich kennt. "Der Enkel ist bei mir im Konfirmandenunterricht, die Kinder habe ich getraut und die Senioren zum Geburtstag besucht", erklärt er exemplarisch. "Es ist eine Bindung da, und die spielt für eine Kirchenmitgliedschaft eine große Rolle."

"Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Leute sich gerade in schlechten Zeiten auf kirchliche Dinge besinnen", erklärt der Hohenlockstedter Pastor Peter Clausen. Rückbesinnung auf alte Werte, aber modern: "Wir versuchen Kirche für jeden verständlich zu machen." Rockmusik im Gottesdienst zähle ebenso dazu wie Gottesdienste nur für Männer, Frauen oder auch Kinder - jede Zielgruppe soll angesprochen werden. "Wir möchten den Menschen vermitteln, dass der christliche Glaube Relevanz hat, trägt und das mit modernen Mitteln nahebringen." Das Konzept scheint aufzugehen: In Hohenlockstedt traten vergangenes Jahr nur 16 Mitglieder aus, in den Jahren davor waren es noch 29 in 2008 und 25 in 2007.
"Weniger Quantität führt zu mehr Qualität"
Austritte seien nicht in jeder Hinsicht schlecht: "Weniger Quantität führt zu mehr Qualität", findet Pastor Willfrid Knees aus der Innenstadtgemeinde Itzehoe. "Kirchenaustritte sind keine Katastrophe, es führt dazu, dass Menschen sich besser und stärker identifizieren, weil sie sich bewusster scheiden." Wohingegen die Entscheidung auszutreten "oft aus dem Moment heraus" entschieden werden würde. Pastor Knees hält es deshalb für sinnvoll, den Austritt zu verkomplizieren: "Wer umzieht und nur ein Kreuzchen beim Einwohnermeldeamt aus Versehen nicht macht, ist raus." Wer aber wieder eintreten möchte, muss in aller Regel erst ein pastorales Gespräch führen. "Die Menschen sollten die Möglichkeit bekommen, bewusster nachzudenken, bevor sie eine Entscheidung treffen." Oft sei der finanzielle Aspekt ein Beweggrund auszutreten. "Auf den ersten Blick kann gespart werden, aber es wird oft vergessen, dass die Kirche viele Dinge unterhält, die allen zugute kommen wie zum Beispiel Kindertagesstätten, die wir auch zum Teil mitfinanzieren. " Die Kirche übernehme viele soziale Aufgaben, die sonst die Kommunen übernehmen müssten, dazu gehöre auch die Unterhaltung von Friedhöfen. Sollte die Mitgliederflucht auch im Kreis Steinburg dramatische Ausmaße annehmen, könne über die Einführung eines freiwilligen Kirchengeldes nachgedacht werden. Pastor Knees: "Damit fahren viele Kirchengemeinden im Osten gut."

In der Gemeinde Horst gab es mit 26 Austritten 2009 weniger Austritte als die Jahre davor (2008: 35; 2007:31) - von Kirchenflucht auch hier keine Spur. Pastor Günter Thomas: "Man könnte der Entwicklung des Mitgliederrückgangs mit wildem Aktionismus begegnen, aber wenn die Kirche glaubhaft vermittelt, dass sie eine Institution ist, die Menschen hilft vor Gott ihr Leben zu finden, dann habe ich keine Angst um die Kirche."
Wiedereintrittsstelle: Anlaufpunkt für Rückkehrer
Der Austritt ist schnell erledigt: Ein Gang zum Standesamt, eine entsprechende Änderung beim Einwohnermeldeamt und das war es. Der Wiedereintritt dagegen ist komplizierter und oft fürchten Bürger unangenehme Fragen wie „Sind Sie aus finanziellen Gründen ausgetreten?“, „Mochten Sie den Pastor nicht?“ Denn vor dem Wiedereintritt wird in aller Regel ein Gespräch mit dem Pastor geführt. Dieser Schritt ist deshalb oft mit Hemmungen verbunden. Bei der Wiedereintrittsstelle können sich Bürger anmelden, ohne mit einem Pastoren zu sprechen. „Es gibt die Idee, so etwas im Mehrgenerationenhaus in Sude West in Itzehoe einzurichten“, berichtet Propst Dr. Thomas Bergemann. Wann das Konzept umgesetzt werden soll, steht noch nicht fest. „Aber ich bin sicher, dass es noch in diesem Jahr über die Bühne geht“. Auf der Kirchenkreis-Homepage www.kkrm.de wird in Kürze ein Formular zum Download und Ausdrucken bereit stehen und alle Fragen rumd um das Thema beantwortet. Auch in anderen Kirchengemeinden hat man sich Strategien überlegt, den Bürgern niedrigschwellig zu begegnen. Auf der Internetseite der Münsterdorfer Kirchengemeinde St. Anschar steht ein Wiedereintrittsformular bereit. „Wer wieder eintreten möchte, kann sich über die Internetseite der Kirchengemeinde ein Formular ausdrucken“, berichtet Pastor Ralf Greßmann. Drei Bürger nutzten das Angebot allein vergangene Woche. kri

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