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Der Frosch ist tot - Was vom Klingelton-Hype übrig blieb

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Berlin/Frankfurt/Main (dpa/tmn) - Ein bekloppter Frosch, debile Techno-Schlümpfe, hochgepitchte Hasenstimmen oder pubertäre Soundeffekte in Hörsturzlautstärke. Jeder kennt Klingeltöne, die zum Schämen sind. Die gute Nachricht: Das Schlimmste ist vorüber.

Berlin/Frankfurt/Main (dpa/tmn) - Ein bekloppter Frosch, debile Techno-Schlümpfe, hochgepitchte Hasenstimmen oder pubertäre Soundeffekte in Hörsturzlautstärke. Jeder kennt Klingeltöne, die zum Schämen sind. Die gute Nachricht: Das Schlimmste ist vorüber.

Wenn es nur Kinder und Jugendliche gewesen wären. Doch im letzten Jahrzehnt spielten sich selbst Erwachsene gegenseitig Handy-Klingeltöne vor und wechselten diese teils leidenschaftlich. Auf die Frage nach dem Warum kennt Corinna Kelber, Medien- und Kulturexpertin beim Zukunftsinstitut in Frankfurt, eine Antwort: «Damals sahen die Handys alle gleich aus, also brauchten die Nutzer etwas, um sich von der Masse abzuheben, originell und individuell zu wirken.» Das war «die ökologische Nische» für den Handy-Klingelton, sagt die Trendforscherin. Heute trage man eher sein schickes Touchscreen-Smartphone zur Schau.

Bis zum neuen Understatement war der Weg weit und laut. Erst piepte und fiepte es einstimmig, dann ab 2002 auch polyphon. 2004 kamen die ersten Handys, die auch MP3s abspielen und damit so richtig nervig quaken und krakeelen konnten. Plötzlich sprossen sogar eigene Labels für Klingeltöne aus dem Boden. So ging das Geschäft bis 2006 stetig bergauf. Zuletzt wurden jährlich 30 Millionen Klingeltöne verkauft, wie der IT-Branchenverband Bitkom erhoben hat.

Die Umsätze mit klassischen Klingeltönen gingen 2007 erstmals und schlagartig zurück. Den Grund kennt der Verband genau: Weil Handys und Netze leistungsfähiger wurden, luden die Nutzer immer öfter gleich ganze Songs herunter. Der Realtone löste den Ringtone ab. Songs als Klingeltöne etablierten sich neben Alben und Singles als neue Verbreitungsform von Musik und neues Unterhaltungsformat.

Auch die «massive Kommerzialisierung» des Klingeltons brachte ihn schließlich an seine Grenzen und in Verruf, weiß Trendforscherin Kelber. Vertriebspraktiken wie fragwürdige Klingelton-Abos gerieten ins Visier von Jugend- und Verbraucherschützern. Die Auswüchse waren unübersehbar: Gegen Ende des letzten Jahrzehnts bestand die Musiksender-Werbung fast nur noch aus penetranten Klingelton-Clips.

Geld wird nach wie vor mit den Tönen verdient. Abgerechnet wird meist über die Mobilfunkrechnung, etwa per Premium-SMS, Wap-Billing oder Anruf bei einer 0900-Nummer. Alle diese Abrechnungswege für Dienstleistungen Dritter kann man beim Provider sperren lassen.

Dennoch immer gibt es Anbieter, die versuchen, teure Wochen-Abos mit einem zeitgemäßeren Mix aus Klingeltönen, Songs und Videos unters Volk zu bringen. Und manche Musikdownload-Seite vermarktet ein und denselben Song gleich auf zwei Wegen, warnt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: Als Handy-Klingelton deklariert kostet er 3 Euro, während sonst als normaler Download am Rechner nur zwischen 0,70 und 1,50 Euro fällig werden.

«Der Nutzer ist inzwischen auf diese kommerziellen Klingelton-Downloads auch gar nicht mehr angewiesen», sagt Cornelia Kelber. Wer einen bestimmten Signalton will, kann heute jede beliebige Musikdatei kostenlos aufs Smartphone bringen. «Und wer nicht weiß, wie das geht, liest im Online-Tutorial nach.» Beim Klingelton-Basteln helfen zudem zahlreiche Apps. Songs und Sounds lassen sich aber auch mit Schnittsoftware am Rechner bearbeiten. Und wer etwa bei YouTube auf Klänge trifft, die Klingelton werden sollen, kann die Tonspur per Freeware extrahieren.

Der Frosch ist tot, die Schlümpfe sind verstummt. Mit den «Klingelton-Orgien» der Nullerjahre ist es vorbei, sagt Kelber. Etwas subtiler dürfe es heute schon sein. Angesagt seien eher unauffälligere Signale und Melodien oder auch einfach nur der Vibrationsalarm. Die reine Funktion sei wieder wichtiger geworden, so die Trendforscherin. «Erwachsene, die sich heute noch mit einem möglichst lauten, schrillen, originellen Klingelton profilieren wollen, merken ziemlich schnell, dass sie sich damit eher blamieren.»

Für Werbetreibende sind und bleiben Klingeltöne aber eine akustische Pforte ins Unterbewusstsein. Kaum eine Schokoladenfabrik, Kettensägenschmiede oder Brauerei ohne Klingelton-Angebot. Selbst das Glockengeläut von Kirchen oder einen Bundeswehr-Klingelton gibt es gratis aufs Handy. So «wird mit einer neuen Technologie ein uraltes Bedürfnis befriedigt», schreiben die Psychologen Christian Scheier und Dirk Held in ihrem Buch «Was Marken erfolgreich macht». Niemand brauche einen Klingelton. «Was aber immer gebraucht wird, ist die Individualisierung, Abgrenzung und Zugehörigkeit.»

Peinlich nur, wenn es zur unfreiwilligen Abgrenzung kommt, weil man die Knigge-Regel des Stummschaltens verletzt hat. Weltweit Schlagzeilen machte etwa ein Klingelton-Unfall bei den New Yorker Philharmonikern: Marimba-Klänge, der iPhone-Standardklingelton, mitten in Mahlers neunte Symphonie. Der Dirigent unterbrach das Konzert, das Publikum empörte sich lautstark. Eine doppelte Blamage für den Zuhörer mit dem Smartphone. Denn etwas individueller als voreingestellt darf der Klingelton dann doch sein.

Literatur:

Christian Scheier und Dirk Held: Was Marken erfolgreich macht: Neuropsychologie in der Markenführung. Haufe Verlag, 2012, 29,95 Euro, ISBN-13: 978-3-648-02954-1

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erstellt am 16.Aug.2013 | 11:33 Uhr

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