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Eröffnung der Gamescom : Daddel-Erinnungen: Wir wollten doch nur spielen

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Interaktiv, detailreich und nahezu lebensecht. Bei Videospielen gibt es heute kaum noch Grenzen. Doch wer erinnert sich noch an die Anfänge? Die Redakteure von shz.de beschreiben ihre ersten Videospiel-Erfahrungen.

Auf der weltgrößten Messe für Video- und Computerspiele, der gamescom in Köln, präsentieren wieder zahlreiche Hersteller ihre Neuheiten. Ob Steuerung per Sprache und Bewegung, immer bessere Grafiken oder eine zunehmende Interaktivität - die Möglichkeiten sind mittlerweile enorm. Doch wer erinnert sich eigentlich noch an die Anfänge der Videospiel-Kultur in den 1990er-Jahren? Grund genug für die Redaktion von shz.de einmal zurückzublicken auf die ersten, ganz persönlichen und teilweise skurrilen Videospielerfahrungen.

 

Teachers Busters: Mit Panzern auf Pauker schießen

Anno 1992 war es bestimmt auf dem Index und gewiss war es für einen Zwölfjährigen kein pädagogisch sinnvolles Freizeitvergnügen. Doch da mir vom Elternsprechtag ein vernichtendes Feedback entgegengeschallt war, kam mir der Ruf des Nachbarsjungen wie eine Erlösung vor: „Ich hab Teacher Busters". Nachdem er seine frisch kopierte Floppydisk in seinen Commodore 64 geschoben und dem Rechner eigenartige Befehle mit auf den Weg gegeben hatte, kurvte er mit einem Panzer durch eckiges Gestrüpp, drängte schließlich den pixeligen Pauker in eine Ecke und schickte ihn mit einer Granate in die digitale Hölle (das ist der Sinn des Spiels). „Auftrag erledigt, Lehrer gesprengt“, vermeldete der Bildschirm. Die Triumphtonleiter werde ich nie vergessen. Für die Abschussprämie ließ er dann die Ketten seines Panzers reinigen – schließlich war der Schulleiter noch zu erledigen.

 

Irgendwann war ich an der Reihe: Erst das Datum eingeben, dann 1000 Mark Vorschuss einheimsen, im Kiosk keimfreies Flammöl kaufen und schon tuckerte ich per Joystick mit meinem grünen Panzer meist im 45-Grad-Winkel durch besagtes eckige Gestrüpp. Auf dem Radar konnte ich die „Bösewichte“ bereits orten. Irgendwann wischte ein schwarzes Kreuz durchs Bild. Es war Frau Petersen (Name geändert) Doch irgendwie ging dann alles wahnsinnig schnell. Das Flammöl war im Nu verbraten, das Gestrüpp geröstet und Frau P. entkam. Noch heute fühle ich mich gut dabei, wenn ich behaupte, dass das reine Absicht war. Götz Bonsen

 

Giana Sisters: Der Klassiker unter den Jump-and-Run-Spielen

Es war Anfang der 90er, als wir mit „Giana Sisters“ gegen Backsteindecken hopsten, um an Punkte zu kommen. Wir sprangen über tiefe Abgründe, erhaschten Diamanten im Flug und schossen auf todbringende, wenn auch aus heutiger Sicht erschreckend zweidimensionale Eulen, Löwen und Skorpione. Irgendwo war auch eine hartnäckige Riesenspinne, die das Tor zum nächsten Level bewachte. Zu quietschigem Gedudel daddelten wir manchmal einen halben Nachmittag lang - an einem Amiga 500, der heute alt und vergilbt im Keller steht, oder dem C64 der Schulkameradin, der sicher mittlerweile das Zeitliche gesegnet hat. Wir liebten das Spiel - vielleicht auch, weil unsere Eltern es völlig sinnbefreit fanden.

Auch in der Schule unterhielten wir uns immer wieder über dieses brennende Thema, zum Beispiel kannte irgendjemand einen sogenannten Shortcut, um bestimmte Level zu überspringen. Diese Information machte noch schneller die Runde, als die sorgfältig bemalten und beklebten Spiele-Disketten. Das Jump-and-Run-Spiel mit den zwei Schwestern Giana und Maria war eine recht unverhohlene Kopie von Nintendos Super Mario und wirkt heute platt und pixelig. Oder retro - wie man es nimmt. In den 90ern aber fanden wir so etwas bunt und technisch ausgefeilt , kannten wir doch alle noch das zweifarbige, klobige Pixel-Tennis. Die Daddel-Spiele lernten gerade das Laufen und wir lernten mit ihnen – Jahre vor dem ersten Informatikunterricht -  ein wenig die Welt der Computer kennen. Dieses damalige Neuland. Mira Nagar

 

Die Sims: Einmal Gott spielen

Einen Winter lang hatte ich eine fragwürdige Leidenschaft: virtuellen Massenmord. Obwohl im Hause Erichsen die Technik zu Beginn des 21. Jahrhunderts stets auf dem vorletzten Stand zu sein pflegte, kam mein Vater eines Tages mit einem Computerspiel nach Hause – eins für Mädchen, wie er fand. Das fand ich auch und spielte es bald obsessiv: „Die Sims“.

 

Schnell schlug mein Spielverhalten vom fröhlichen Häuschen-Bauen ins Morbide um. „Snoufefuaney!“ begrüßten mich meine Kreationen auf dem Bildschirm, wenn sie begeistert ihr neues Reich erkundeten. „Hah? Uh Lalessnana!“, schimpften sie, wenn ich ihnen den Weg verbaute. Gott spielen gefiel meinem 13-jährigen Ich. Und so wurden aus verbauten Wegen irgendwann Räume ohne Türen und Fenster, in denen ich mit meinen kleinen Menschlein soziale Experimente nachspielte. Schließlich der Klassiker: Bei einer finalen Pool-Party rottete ich den gesamten Sim-Bestand aus – indem ich die Leiter löschte. Sarah Erichsen

 

Worms: Schwer bewaffnete Würmer im unerbittlichen Kampf

Häme, Ärger und Siegesfreude - die schönsten Spiele-Momente entstehen immer zusammen mit anderen Mitspielern. Der erste Titel, bei dem das Zockerfieber vom eigenen PC über die Maus auf mich übersprang, war wohl die Worms-Reihe. Zugegeben, das Prinzip des Klassikers von 1995 klingt absurd: Bis auf die Zähne bewaffnete Würmer treten auf zufällig erstellten 2D-Welten im Comicstil gegeneinander an. Jeder Spieler führt bis zu acht Würmer in den Kampf. Ziel war es, die gegnerischen Teams auszuschalten.

Am besten spielt man Worms nicht über das Internet, sondern zusammen vor einem Rechner. Denn Schadenfreude haben die Entwickler in den Quellcode von Worms programmiert. Sie kommt durch die witzigen Fistelstimmen-Kommentare der wirbellosen Kriech-Soldaten über die Lautsprecher heraus. Besondere Kreativität haben die Entwickler bei der Auswahl der Waffen bewiesen. Die heilige Granate, explodierende Super-Schafe, Bananen-Bomben und sogar quasselnde Omas sind mir in bester Erinnerung. Zeit, das Spiel einmal wieder herauszukramen. Zum Glück wurden diverse Versionen für Smartphones und Tablets neu aufgelegt. Tobias Fligge

 

Autobahn Raser: Mit Tempo 150 durchs Brandenburger Tor

Welcher pubertierende Jugendliche träumt nicht davon: Einmal mit Vollgas über deutsche Autobahnen, Bundesstraßen und sogar durch Innenstädte rasen. Und das ohne auf seine Mitmenschen Rücksicht nehmen zu müssen. Die Möglichkeit dazu bot das PC-Spiel „Autobahn Raser“, das 1997 auf den Markt kam. Und ich gebe zu, ich hatte es. Aber heute weiß ich nicht mehr, wie ich dazu gekommen bin – ehrlich! Ist ja auch egal, denn damals machte es einfach Spaß virtuell durchs Land zu rasen. Ziel des Spiels war es, durch Erfolge bei illegalen Rennen Geld zu verdienen, welches dann wiederum in Tuning oder neue Fahrzeuge investiert werden konnte. Zwei „böse“ Gegenspieler gab es dabei: Starenkästen und die Polizei. Während bei den Blitzern nur eines half - nämlich kurzzeitig das Tempo zu verringern, denn ansonsten hieß es „zahlen“ - konnte man den Polizeifahrzeugen davon fahren. Dafür waren in der Regel halsbrecherische Manöver unter Missachtung jeglicher Verkehrsregeln notwendig.

 

Die öffentliche Kritik an dem Spiel ließ nicht lange auf sich warten. Volker Bulla, damaliger Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, sagte, das Spiel konterkariere sämtliche Bemühungen der Polizei und leiste der zunehmenden Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr Vorschub. Und Dirk Fischer, verkehrspolitischer Sprecher von CDU/CSU, bezeichnete das Spiel als „im Sinne der Straßenverkehrsordnung absolut pervers“. Doch an dem kommerziellen Erfolg des Spiels änderte dies nichts. Das führte dazu, dass es mehrere Fortsetzungen gab. Doch für mich war nach dem ersten Teil Schluss. Irgendwann wird eben jede Verfolgungsjagd langweilig. Philipp Dickersbach

 

Pac-Man: Er frisst und frisst und frisst

Meine große Daddel-Liebelei währte nur kurz: Mitte der Achtziger, als ich eine Grundschülerin mit roter Nickelbrille war, hatte die Atari-Konsole ihre Anziehungskraft auf meine älteren Brüder schon stark eingebüßt. Und so teilte sie das Schicksal der Playmobil-Burg und der Carrera-Bahn: Ich adoptierte sie – und verliebte mich in Pac-Man. Er hatte immer Hunger, Angst vor Geistern und ging dorthin, wo ich ihn per Joystick führte. Und wann hört schon mal jemand auf die Jüngste der Familie?

Atari-Pac-Man blieb übrigens meine einzige Computerspiel-Liebe. Gameboy? War mir als Teenager egal. Abenteuer auf dem ersten PC? Ich wollte nur noch mailen und chatten. Und selbst die Spiele-Apps auf dem Smartphone haben bei mir keine Chance. Bis heute. Barbara Maas

 

Super Mario: Der Klempner aus Italien

Es waren regnerische Tage in den Sommerferien – in welcher Klasse ich war, weiß ich nicht mehr. Nintendos Super Mario war schon lange nicht mehr neu und auch nicht mehr hip genug, um meinen Freunden von meinem ersten Computerspieleversuch zu erzählen. Also schickte ich das eifrige Männchen mehr oder weniger heimlich über Stock und Stein. In Windeseile sammelte er Punkte für mich und warf sich todesmutig seinen Feinden entgegen. Doch ich war kein dankbarer Spieler. Nach ein paar Nachmittagen hängte ich den Joystick an den Nagel.

Ich war eben ein Draußen-Kind. Wenn ich an die Sommerferien zurückdenke, habe ich mehr Erinnerungen an Füße voller Splitter vom Barfußlaufen, blaue Flecken und Schrammen vom Spielen im Wald oder eiskalte Duschen unter dem Gartenschlauch, die dazu dienten, den Schicht für Schicht aufgetragenen Schlamm vor dem Abendessen noch schnell abzuwaschen. Aber kaum Erinnerungen an das einzige je von mir gespielte Computerspiel zu haben ist ja auch eine Erkenntnis. War wohl nicht so meins… Anja Christiansen

 

Tennis auf dem Atari: Wie in Wimbledon

Boris Becker war in den 1980ern mein Held. Seinetwegen begann ich mit dem Tennisspielen. Meine Begeisterung für den weißen Sport hatte auch Auswirkungen auf mein Videospielverhalten. Auf dem Atari 2600, meiner ersten und bis heute letzten Konsole, hatte es mir welches Spiel angetan? Natürlich Tennis. Einzig und allein. Allerdings benötigte ich viel Vorstellungskraft, um die farbigen Balken auf schwarzem Hintergrund als Tennisschläger wahrzunehmen. Das Netz - ebenfalls ein längerer farbiger Balken - war eine Attrappe. Denn es war gar nicht möglich, einen Ball darin zu versenken. Trotzdem: Ich war hin und weg, fühlte mich nach Wimbledon versetzt. Gleiches galt in den 90ern, als ich meinen Tenniswahn auf dem Game Boy ausleben konnte. Stundenlang kämpfte ich mich von Runde zu Runde.

Meine bisher letzte Konsolen-Erfahrung endete fast verheerend. Anfang des Jahrtausends schleppte mein Mitbewohner in meiner Studenten-WG eine Play Station an – inklusive Fifa Soccer. Das Fußballspiel war mitverantwortlich dafür, dass ich mich ein Semester kaum in Vorlesungen habe blicken lassen. Dem digitalen Ball galt meine Konzentration. Bis tief in die Nacht spielten wir in der Gruppe Turniere auf der „Playsi“. Einmal wurde ich sogar Weltmeister. Ein Glück, dass ich mich dann nicht auch noch einem Tennis-Spiel widmete. Sonst hätte mein Beginn des Studiums wohl noch mehr gelitten. Hendrik Mulert

 

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erstellt am 13.Aug.2014 | 17:07 Uhr

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