Analyse zum TV-Duell : GroKo-Talk statt echter Hilfe zur Wahlentscheidung

Am Ende steht es für die Kontrahenten Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) 1:1.

Am Ende steht es für die Kontrahenten Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) 1:1.

Nachdem Schlagabtausch zwischen Merkel und Schulz bleibt der Wunsch nach lebensrelevanteren Themen.

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04. September 2017, 07:29 Uhr

Berlin | Es steht in einer Fußball-Analogie 0:4 für Titelverteidiger Angela Merkel (CDU) nach dem Hinspiel. SPD-Kandidat Martin Schulz muss steil angreifen, darf aber kein Gegentor kassieren, sonst ist nicht nur das Weiterkommen nach wenigen Minuten endgültig futsch, sondern auch die Ehre des Parteivorsitzes und die Chance seiner Partei auf weitere vier Jahre als Junior-Partner der Union.

Schulz' Partei, die SPD, hat mitregiert in acht von zwölf Merkel-Jahren – und ist damit inkorporiert in die Ära der Kanzlerin. Mit welcher Angriffstaktik schickt der SPD-Spindoctor den Korsett-Kandidaten Schulz ins Rennen, ist die Frage des Abends beim Kanzlerduell um 20.15 Uhr, das auf diversen Sendern läuft. Wie will der Angreifer die Zuschauer überzeugen, dass er der bessere Kandidat ist?

Mit dem wirkungslosen SPD-Wahlkampf-Wort „Gerechtigkeit“ wird es Martin Schulz in den 97 Minuten der Sendung nur einmal versuchen. Es ist drei Wochen vor der Bundestagswahl bei desillusionierenden Umfragewerten nicht mehr die Zeit der regenbogenfarbigen Seifenblasen, die ohne Anreicherung binnen Sekunden ihre Oberflächenspannung verlieren und inhaltsleer zu Luft werden. Schulz hat es verstanden: Nur mit klarer Kante ist der politischen Raffinesse von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) jetzt noch beizukommen. Doch den richtigen Einschlagwinkel muss der Gegenkandidat bei diesem Balanceakt der mehrspurigen Involviertheit erstmal finden. Mindestens vier Mal wird er eifrig nicken, wenn die Kanzlerin spricht, noch öfter wird er im eigenen Satz innehalten. Es geht viel um Details, selten um das große Ganze.

GroKo-Talk

Merkels Sakko ist blau, die Schulzsche Krawatte ist blau. Ein GroKo-Talk bahnt sich zu Beginn an, in den einigen Sequenzen scheint es wie ein Bewerbungsgespräch. Demokratie geschehe nicht Schlafwagen, sagt der Sozialdemokrat zu der Frage, weshalb er vor einigen Wochen Merkels Politik plump als „Anschlag auf die Demokratie“ bezeichnet hatte. Der Bewerber zieht also gleich mal zurück. Da wird dem einen oder der anderen Zuschauer gleich der Abschaltknopf ins Auge gefallen sein. Immerhin bleibt sein Vorwurf, die Kanzlerin habe „kontroverse Debatten“ ausgeschlagen und damit rechte Ansichten gestärkt.

„Um einen kleinen Unterschied herauszuarbeiten“, entlarvt die Kanzlerin leicht hämisch den Schulzschen Versuch, bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise in einer Detailfrage einen Angriffspunkt zu finden. Es sei ein schwerer Fehler gewesen, die europäischen Nachbarn nicht einzubeziehen, sagt Schulz, der die Integration als „Generationenaufgabe“ sieht. Merkel spricht bei der Flüchtlingskrise 2015 von „dramatischen Situationen“, der man als Profiteur der Globalisierung und dem walten der Prinzipien nicht anders beikommen konnte. Es sei ja bis heute nicht gelungen, Europa auf einen Kurs zu bringen, das müsse er ja nun wissen, erwidert sie. Bei der Flüchtlings-Debatte sowie beim Islam sind sich die Kandidaten merklich einig: Gute Bildung ist das Gebot und es darf keinen Einfluss auf den Islam aus dem Ausland geben.

Die Veranstaltung wird zur Vergangenheitsbewältigung

Die EU wird den Abend lang kein Thema bei den vier Journalisten Sandra Maischberger (ARD), Claus Strunz (ProSieben/SAT.1), Maybrit Illner (ZDF) und Peter Kloeppel (RTL) sein. Nicht der Euro, nicht der Klimawandel, nicht die Energiewende, nicht die Wohnungsnot, nicht der Straßenbau, nicht die Zukunftsgestaltung, nicht Rechtsradikalismus, nicht die Gesundheit, nicht die Bildung. Die Veranstaltung läuft von Grund auf Gefahr, eine Vergangenheitsbewältigung zweier Teile des Establishments zu werden.

Dass es tatsächlich so kommt, liegt bei der Themenwahl auf der Hand: Zwei sich ähnelnde Kandidaten, die schon ins Detail gehen müssen, um Unterschiede sichtbar zu machen, nicken sich an vielen Stellen zu. Dem Politikverdrossenen sicher ein Graus, dass auch die Fragen erwartbar sind.

Hiebe auf die Außenpolitik

Die Flanke der Außenpolitik – obgleich ein Sozialdemokrat das auswärtige Amt leitet – beackert Schulz dann aber vergleichsweise wie ein wilder Stier – so wie man von einem Herausforderer erwartet. Er wettert wiederholt gegen den twitternden Donald Trump.

Und die Türkei befinde sich mit Erdogan „im Gegenputsch“. Sie habe dabei „alle roten Linien überschritten“, die Beitrittsverhandlungen müssten sofort beendet werden und der Hahn der Vorbeitrittszahlungen zugedreht (Merkel nickt), sagt Schulz beinahe populistisch. Seine Botschaften passen auch in einen Tweet: „Erdogan kennt nur eine Sprache […] klare Kante […] jetzt ist Schluss“. Man brauche nun stärkere Reisewarnungen und müsse „wirtschaftliche Lösungen“ suchen. Auch hier nimmt ihn die Kanzlerin aus der Breitseite. Sie wollte ja anders als er nie den Beitritt. Und außerdem sei Konfrontation nicht ratsam, denn solange Deutsche verhaftet seien, müsse man verhandlungsbereit bleiben. Warum die Türkei das Flüchtlingsabkommen nicht kündigen werde, kann Schulz nicht mehr erklären, denn die Redezeit bleibt an diesem Abend ausgeglichen. Insgesamt taugt auch dieses Feld für die SPD nicht für die Mobilisierung, denn als Kanzler würde der Kandidat solche Sprüche nicht mehr klopfen.

Rechte Überholspur

„Kriminelle fliegen raus“ sagt der Sohn eines Polizeibeamten zur Flüchtlings-Einwanderung und versucht es bei diesem politischen Elefantenrennen einmal mit der rechten Überholspur. Schulz sieht den gangbaren Weg für die Zukunft in einem EU-Einwanderungsgesetz nach angelsächsischem Vorbild, also faktisch einer Quote für alle EU-Staaten. „Geht auch national“, beruhigt ihn Merkel, die weitere Abkommen mit den afrikanischen Staaten will. Schulz nickt wiederholt und sagt am Ende noch: „Wer seine Identität verschleiert, muss hier raus“.

Ganz gegen seine Tradition wettert Schulz dann beinahe unbemerkt auch gegen die EU-Staaten, vor allem die Nehmerstaaten im Osten des Kontinentes, die sich bei der Flüchtingskrise vollverweigerten. Hier pickt kein Fragesteller nach, welche möglichen Konsequenzen der Aspirant hier sieht.

Vernunft gegen Distanz

Die zweite Hälfte wird spannender. Es geht um die drohende Eskalation im Nordkorea-Konflikt und den mutmaßlichen neuen Wasserstoffbombentest von Provokateur Kim Yong Un. Merkel wirbt für einen „Kurs der Vernunft“ und will mit Trump sprechen, auch wenn sie dessen Verhalten bezüglich des Charlotteville-Attentates zischend verurteilt. Schulz will nicht mit Trump sprechen, er geht voll auf Distanz mit dem US-Präsidenten – stärker noch als Gerhard Schröder 2003 mit seinem wahlentscheidenden Nein zum Irak-Krieg. Genauer gesagt traut er sich – hier kann er seine Herausforderer-Rolle endlich nutzen – Trump Amtslegitimität und Kompetenz abzusprechen. US-Außenminister Rex Tillerson sei ein seriöser Mann, merkt Schulz an und Trump mit seinen Tweets „unberechenbar“. Für den SPD-Kandidaten geht es darum, mit den „konstruktiven Leuten“ zu deeskalieren. Neben der zunächst kurios anmutenden Architektur der neu erdachten transatlantischen Zusammenarbeit setzt Schulz auf eine mulitilaterale „diplomatische Brücke“. Diplomatische Beharrlichkeiten soll den Erfolg bringen, wie bei Obamas Iran-Deal.

Und dann fällt das Wort Gerechtigkeit doch noch, nach ziemlich genau einer Stunde. Es geht um den Arbeitsmarkt und das Soziale, wo Schulz bei der Kompetenzbeurteilung der Wähler höher liegt. Hier wirbt er insbesondere um Frauenstimmen. Eine muntere Mindestlohnforderung wird dem Sozialdemokraten nicht über die Lippen kommen.

Antrainierter Leberhaken beim Thema Rente

Punkten kann Schulz an dieser Stelle hauptsächlich in der Rolle des Journalisten. Angela Merkel distanziert sich nämlich anders als andere Stimmen ihn ihrer Partei – darunter Wolfgang Schäuble – von einer Rente mit 70. Ein gefundenes Fressen für Schulz, der sich erst bedankt (so wie er sich mehrfach bei den Fragestellern bedankte) es sich nicht nehmen lässt, bei dieser Steilvorlage an Merkels zerbröselten Schwur von vor vier Jahren zu erinnern: „Letztes Mal war es die Maut“. Dieser antrainierte Leberhaken kommt wie aus dem Drehbuch. Im selben Atemzug prescht Schulz für den Zuschauer etwas überraschend mit einem Wahlversprechen vor: Ja, mit der SPD wird die Maut zurückgenommen. Sie sei ohnehin nur aufgrund einer Zusammenarbeit von Union und Linke (Seitenhieb) im Bundesrat zusammengekommen (von der SPD unterstützt, wie Merkel umgekehrt anmerkt).

Beim Diesel-Skandal setzt die „Autokanzlerin“ auf kostenlose Software, die rechtliche Situation sei nun einmal eine andere als in den USA, es gehe um Arbeitsplätze die Umweltprobleme seien nicht so groß wie der Vertrauensverlust, sagt sie. Anstatt sich als Sozialdemokrat an letzterem oder dem Merkelschen Oxymoron „wir brauchen den Diesel für das Klima“ aufzuhängen, kommt Genosse Schulz mit dem Wortungetüm der „Musterfeststellungsklage“. Merkel hatte es bereits ein paar Sekunden vorher ausgeplappert, dass es nahen würde. Sie belauschen uns wohl, meint Schulz. Oder: Man kennt sich. Der SPD-Mann fordert Geld von der Industrie für die Inzahlungnahme alter Diesel sowie Sammelklagen, die Merkel auch grundsätzlich irgendwie gut findet. Jetzt ist die Wahl entschieden, denn auch bei den Steuerentlastungen sind die Unterschiede effektiv nicht zu groß.

Keine Koalitionsaussagen

Die Frage ist, was kommt danach. Der mit 100 Prozent gewählte Parteichef druckst herum und macht keine Koalitionsaussage. Weder zur Linken (das käme der CDU im Schlussspurt ganz recht), noch strikt zur weiteren Zusammenarbeit mit der CDU. Man wolle stärkste Kraft werden und er wolle Vorsitzender bleiben. Die wahrscheinlichere Siegerin Merkel schließt Koalitionen mit AfD und Linke aus, hält den Grünen also die Tür auf. Alles keine Überraschung.

Im Schlusswort spricht Merkel von „großen Aufgaben, der neuen industriellen Revolution. Wiederholt erwähnt sie, dass wir es irgendwie hinbekommen müssen, über Innovationen die nächsten zehn Jahre irgendwie erfolgreich zu bewältigen. So lange, lässt sich vermuten, will sie noch Kanzlerin bleiben. Schulz redet von „Mut zum Aufbruch“ und meint damit wohl dasselbe.

Am Ende steht es 1:1. Dieses Kanzler-Duell war deutlich spannender als die letzten. Ein Verdienst von Martin Schulz, der es hin und wieder schaffte, die Kanzlerin aus der Komfortzone zu bringen. Im Hinblick auf eine Wahlentscheidung bleibt das Format allerdings untauglich. Es sind viele Fragen geblieben, die ein zweites Duell nötig machen würden – soll es denn zielführend sein. Was der Wähler jetzt davon hat? Einen tatortfreien Sonntag und ein paar interessante Bemerkungen. Aber irgendwie auch den Wunsch, es gäbe die Möglichkeit, lebensrelevantere Fragen zu platzieren – und Platz zum Nachhaken.

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