Bundestagswahl 2017 : Facebook-Gruppen gekapert: So trollt die Partei den Online-Wahlkampf

Mit einer Undercover-Aktion benennt die Satirepartei dutzende AfD-nahe Facebook-Gruppen um. Die Aktion klappt sehr gut.

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04. September 2017, 15:00 Uhr

Es gibt Parteien, die versuchen, neue Wähler mit Klapptischen, Luftballons und Kugelschreibern in Fußgängerzonen zu gewinnen. Und es gibt Parteien, die ihre Wähler in dutzenden ähnlich gestrickten Facebook-Gruppen erreichen wollen. Und dann gibt es die Partei. Die Satire-Politiker trollen die Parteienlandschaft bereits seit 2004 und setzen besonders vor der Bundestagswahl am 24. September auf schräge Aktionen. Nicht nur veröffentlicht die Partei ihren Wahlwerbespot mit dem Titel „Titten, Ärsche, Sex“ gleich auch auf Youporn - drei Wochen vor der Wahl setzen die Polit-Trolle zum Rundumschlag an: Der Cyber-Putsch bei diversen Facebook-Gruppen, die der AfD nahe stehen.

„Mein Team und ich haben die Gruppen vor elf Monaten infiltriert. Nun übernehmen wir die Macht!“ Der Satiriker Shahak Shapira sitzt in der Pose eines Nachrichtensprechers am Tisch und verliest die Video-Botschaft an Zigtausende Facebooknutzer. „Das ist eine gute Botschaft für Sie, denn von nun an werden Sie von echten Menschen verarscht.“

Die Satirepartei „Die Partei“ hat nach eigenen Angaben 31 AfD-nahe Facebookgruppen mit Fake-Profilen infiltriert, sich zum Admin machen lassen und sie am Sonntag in einem Schlag umbenannt. „Heimat-Liebe“ heißt jetzt „Hummus-Liebe“ aus „Antifa - die Wahrheit“ machten die Undercover-Admins „I <3 Antifa“, aus „Täglich mehr Salafisten“ wurde „Täglich mehr fisten“ und eine Björn-Höcke-Fanseite widmet sich jetzt dem Idol Bernd Höcke. Im Interview mit dem Hamburger Abendblatt sagt Shapira: „Nachdem uns die Admin-Rechte übertragen wurden, haben wir alles sehr vorsichtig geplant und letzte Nacht die Machtübernahme vollzogen. Dann haben wir heute Mittag unser Territorium markiert.“

Eine der neuen Regeln: Hetze gegen Muslime ist ab sofort gen Mekka auszurichten und die Kritik am „Genderwahnsinn“ erfolgt nur noch in geschlechtsneutraler Sprache.

Einige der Alt-Mitglieder reagieren allerdings nicht besonders amüsiert. In der Gruppe „Täglich mehr fisten“ schreibt eine Nutzerin gleich zweimal: „Und nun Kinners?? Na klar Wählen wir erst Recht die AFD!!!!“ „Was das für ne Scheisse. Erst Stolze Patrioten hier und jetzt Hummus Fangruppe warum gibt Admin die Gruppe nicht ein AFD Wähler ab“, beschwert sich ein Facebook-Nutzer, der sich durch die Aktion nunmehr in der Gruppe „Hummus-Liebe“ für Kichererbsenkost statt für Heimat begeistern soll.

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Der Satiriker Shapira weist allerdings im Interview darauf hin, dass hinter der Spaß-Aktion ein ernster Hintergrund stehe: „Uns ging es eigentlich um die Leute, die in diesen Gruppen sind und sich verarschen lassen.“ Denn ein Teil der Gruppen ist nach Ansicht der Cyber-Maulwürfe von mutmaßlichen Bots oder Fake-Profilen erstellt worden und wird im großen Stil mit gleichen Inhalten gespeist.

Tatsächlich ist nach Ansicht von Experten die Reichweite von AfD-Inhalten im Schnitt höher als die anderer Parteien. Eine Datenanalyse der Süddeutschen Zeitung ergab unlängst, dass ein AfD-Beitrag im Schnitt auf mehr als 1300 Likes kommt. CDU-Beiträge kommen hingegen auf durchschnittlich 165 Likes - was sie nach den Spielregeln Sozialer Netzwerke als weniger relevant identifiziert.

Über fehlende Relevanz darf sich zumindest die Gruppe Hummus-Liebe nicht beklagen. Seit der Admin-Übernahme wird die Gruppe mit Hummus-Bildern und Diskussionen („Make Hummus not war!“) überflutet.

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