Leitartikel : Der nächste Kanzler wird okay sein

Screenshot des TV-Duellls zwischen der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und dem SPD-Kanzlerkandidaten und SPD-Vorsitzenden Martin Schulz in Berlin.
Screenshot des TV-Duellls zwischen der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und dem SPD-Kanzlerkandidaten und SPD-Vorsitzenden Martin Schulz in Berlin.

Das erstaunliche TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz - ganz ohne Polarisierung.

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03. September 2017, 22:04 Uhr

Egal, was die Tribünensteher und Trockenschwimmer vom Uferrand sagen werden: Das Duell zwischen der amtierenden Kanzlerin und ihres Herausforderers hatte Stil. Denn beide widerstanden einer Versuchung, die in Wahlkämpfen mehr als nur verlockend ist. Beide widerstanden der Polarisierung. Hier geht es zum Liveticker zum Nachlesen.

Nehmen wir als Beispiel die Flüchtlingspolitik. Natürlich gibt es keine militärische, polizeiliche oder technische Möglichkeit, die europäischen Außengrenzen absolut wirksam zu schützen. Aber es gibt auch nicht die einfache Antwort, dass abgelehnte Asylbewerber oder illegal Eingereiste abgeschoben werden. Es kommt eben auf den Einzelfall an, und da waren sich die Kanzlerin und der Herausforderer einig. Was darauf schließen lässt, dass die Bandagen in der Innenpolitik gegenüber Flüchtlingen angezogen werden.

Verkehrte Welt in der Türkeifrage: Die SPD will nun den Abbruch der Beitrittsverhandlungen, die Kanzlerin warnt, die auf Europa hoffenden Türken nicht vor den Kopf zu stoßen. Gegen den EU-Beitritt sei sie ja sowieso immer gewesen.

Vielleicht zwei Bilanzen: Die Fragen der Außenbeziehungen sind im Moment bestimmender als die innenpolitischen. Und da sind Merkel und Schulz nah beieinander, auch wenn die Schulzsche Wortwahl den Diplomaten den Schweiß auf die Stirn treibt. Aber beide zeigten sich trittsicher.

 

Was keiner der beiden aufzeigen konnte, ist ein Modell für die Gesellschaft der Zukunft. Es sind eher Modelle des Weitertastens. Das ist unbefriedigend, wenn die Wählerinnen und Wähler jetzt endlich mal wieder entscheiden dürfen und wollen. Aber es ist auch beruhigend, dass der nächste Kanzler Deutschland nicht in außenpolitische Abenteuer stürzt. Da ist der einzige verbliebene Altkanzler viel problematischer – übrigens für beide Kandidaten. Es gibt derzeit unglücklichere Länder als Deutschland.

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