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ZDF-Sendung „Wie geht's Deutschland“ : Der Kampf der AfD um Platz drei und Alice Weidel auf der Flucht

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Die Rollen im Wahlkampf: Alice Weidel umgarnt Liberal-Konservative, Alexander Gauland bedient die Rechtsnationalen.

shz.de von
erstellt am 06.Sep.2017 | 07:38 Uhr

Berlin | Wer die AfD schon abgeschrieben hatte, reibt sich jetzt erstaunt die Augen. Die Umfragewerte für die Populisten sind zwar lange nicht so gut wie Ende 2016. Doch die Kurve zeigt wieder nach oben. Woran das liegt? Eine Antwort auf diese Frage heißt: Alice Weidel. Mit ruhiger Stimme, dunklen Sneakers und Perlenkette tourt die ehemalige Unternehmensberaterin durch die Talkshows.

Sie fordert „kostenlose Kita-Plätze“ und hat auf jede Moderatoren-Frage eine Antwort parat, manchmal auch Zahlen. Ihre anfängliche Scheu im Umgang mit der medialen Öffentlichkeit hat Weidel überwunden. Gekonnt pariert sie inzwischen selbst unbequeme Fragen. Etwa warum sie als homosexuelle Frau, die in einer Partnerschaft mit Kindern lebt, ausgerechnet bei der erzkonservativen AfD angedockt habe.

Und sie versteht, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Nach einem verbalen Schlagabtausch mit Justizminister Heiko Maas (SPD) und CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer verlässt Weidel am Dienstagabend verärgert die laufende ZDF-Wahlsendung „Wie geht's, Deutschland?“. Unmittelbar davor hatte Scheuer sie aufgefordert, sich vom Co-Spitzenkandidaten Alexander Gauland und dem Thüringer AfD-Landesvorsitzenden und Rechtsausleger Björn Höcke zu distanzieren. Gauland habe Höcke als Seele der AfD bezeichnet, sagte Scheuer. „Für mich ist er einfach ein Rechtsradikaler.“ Weidel ging daraufhin wortlos.

Ein anschließend auf Facebook veröffentlichtes Statement sorgte dann für Verwunderung. Darin attackiert sie nicht Scheuer oder Maas, sondern Moderatorin Marietta Slomka, der sie eine parteiliche Moderation vorwirft.

 

Das ZDF weist die Weidel-Kritik am Mittwoch zurück. „Marietta Slomka hat die Runde mit sieben Politiken und sechs Bürgern fair und gelassen moderiert“, teilte ZDF-Chefredakteur Peter Frey mit. „Ich hoffe, dass bei künftigen Wahlformaten nicht Inszenierungen, sondern der politische Streit im Mittelpunkt steht.“ Frey sieht keinen Anlass für solche Vorwürfe: „Wer austeilt, muss auch einstecken können. Das gehört zur Diskussionskultur in Talksendungen. Eine Livesendung zu verlassen, bringt zwar Aufmerksamkeit, verhindert aber eine politische Auseinandersetzung in der Sache. Die Kritik von Frau Weidel an der Moderatorin weise ich mit Nachdruck zurück.“

Ins Schwimmen gekommen war Weidel schon am Vorabend in der ARD, als die Spitzenkandidatin der Linken, Sahra Wagenknecht, sie fragt, ob es ihr nichts ausmache, dass neben Konservativen auch „handfeste Halbnazis“ auf den AfD-Kandidatenlisten für die Bundestagswahl gelandet seien. Weidel weicht aus, verweist auf die hohe Akademikerquote unter den Kandidaten.

Dabei wird die Frage, ob sich einige der unbekannteren Kandidaten womöglich nach der Wahl als Belastung entpuppen könnten, in der Partei intern durchaus diskutiert. Jüngsten Anlass über solche „Tretminen“ zu sprechen, bot der Fall von Holger Arppe. Der Landtagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern hat vergangene Woche Fraktion und Partei verlassen, nachdem NDR und „taz“ über Chatprotokolle mit Gewaltäußerungen und kinderpornografischen Sexualfantasien berichtet hatten.

Weidels Rolle im AfD-Wahlkampf ist es wohl, liberal-konservative Wähler zurück zu gewinnen, die Äußerungen wie „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ (Thüringens AfD-Fraktionschef Björn Höcke) oder „Wucherungen am deutschen Volkskörper“ (Sachsen-Anhalts AfD-Fraktionschef André Poggenburg) verschreckt haben.

Jung, weiblich, eloquent, soll Weidel nach dem Willen der Parteistrategen auf einem Feld spielen, für das bislang Parteichefin Frauke Petry zuständig war. Wobei Petry noch lange nicht abtreten will. Zwar ist die Parteichefin seit ihrem Verzicht auf die Spitzenkandidatur im Fernsehen nicht mehr so präsent. Mit ihrem Säugling auf dem Arm eilt Petry in diesen Wochen aber trotzdem von einem Wahlkampf-Termin zum nächsten.

Den Grünen hält man in diesem Wahlkampf vor, ihre beiden Spitzenkandidaten seien einander zu ähnlich. Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt, zwei Realos um die 50, die beide grundsolide und manchmal etwas bieder wirken. Ganz anders bei der AfD. Alice Weidel und der zweite AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland könnten unterschiedlicher nicht sein. Nicht nur weil Gauland mit seinen 76 Jahren doppelt so alt ist wie Weidel. Der ehemalige CDU-Staatssekretär und die Ökonomin kommen zwar gut miteinander aus, pflegen aber durchaus ein unterschiedliches Profil.

Gauland gibt den harten Knochen, der die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, in Anatolien „entsorgen“ will. Er klagt: „Man will uns dieses Deutschland wegnehmen.“ „Deutschland“, das ist für ihn eine Heimat, die er möglichst frei von fremden kulturellen Einflüssen halten will. Rechtsaußen Höcke ist für Gauland ein „Nationalromantiker“ und „Teil der Seele der AfD“.

Weidel ist zwar auch gegen offene Grenzen. Angst um die deutsche Identität treibt sie dabei aber weniger. Weidel war beruflich viel in China unterwegs. Sie mag Kontrolle. Dazu gehört für die 38-Jährige, dass ein Staat selbst entscheidet, wer kommen darf und wer nicht. Weidel hat für Höckes Ausschluss aus der Partei gestimmt. Wenn Gauland bei gemeinsamen Pressekonferenzen Höcke lobt, verzieht sie entnervt das Gesicht. Im Wahlkampf ist die Spitzenkandidatin Höcke aus dem Weg gegangen.

„Platz drei“, ist das Ziel, das die AfD für diese Bundestagswahl ausgegeben hat. Momentan scheint es zum Greifen nahe. Die jüngsten Wählerumfragen von Infratest dimap und Insa sehen die rechte Partei aktuell zwischen zehn und elf Prozent und damit auf Platz drei hinter Union und SPD. Bei der Forschungsgruppe Wahlen lag zuletzt die FDP auf dem dritten Platz.

Matthias Jung ist Vorstandsmitglied des Meinungsforschungsinstituts aus Mannheim. Er meint, Gaulands Verbalattacke auf die SPD-Politikerin Özoguz habe in den vergangenen Tagen mehr Aufsehen erregt als die betont seriösen Auftritte von Weidel. Jung glaubt, mit seinen Sprüchen könne Gauland zwar „den harten Kern der AfD bei Laune halten, für den Zugewinn neuer Wählerschichten ist das eher ungeeignet“. Aber nun hat ja auch Weidel für einen kleinen Eklat gesorgt.

Sebastian Fischer, Politikchef bei „Spiegel Online“ hält ihren Abgang für inszeniert.

 

Und auch Stern-Herausgeber Andreas Petzold sieht die Reaktion Weidels keinesfalls als Spontanreaktion.

Niema Movassat, Mitglied der Linken im Bundestag, twitterte, dass es Weidel wohl um Aufmerksamkeit gegangen sei.

Doch es gibt auch Twitterer, die den Abgang Weidels nachvollziehen können. Sie werfen den Medien mangelnde Neutralität.

 
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