Christin Godt berichtet : Ein Kind der Generation Merkel: „Mutti hat auf uns aufgepasst“

Avatar_shz von 18. August 2021, 11:16 Uhr

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Raute fürs Foto: Die typische Geste der Kanzlerin ist auch Rettungssanitäterin Christin Godt vertraut, die fast auf den Tag 48 Jahre jünger als die Kanzlerin ist.
Raute fürs Foto: Die typische Geste der Kanzlerin ist auch Rettungssanitäterin Christin Godt vertraut, die fast auf den Tag 48 Jahre jünger als die Kanzlerin ist.

Christin Godt ist 19 Jahre alt – und hat bewusst nie einen anderen Regierungschef erlebt als die einzige Kanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik.

Bokel | Die kommt. Das ist Christin Godt klar als die damals 15-Jährige an jenem Septemberabend 2017 mit ihrer Familie in Bokel (Kreis Rendsburg-Eckernförde) vor dem Fernseher die ARD-Wahlarena vor der Bundestagswahl verfolgt. „Meine Tante hat einen Milchviehbetrieb und hat in der Sendung Angela Merkel auf ihren Hof eingeladen“, erzählt Christin Godt fast vier Jahre später. „Und wenn Merkel etwas verspricht, hält sie das auch.“ Auch interessant: "Grande Dame" Ulla Schmidt: So stünde die SPD heute besser da Der Störfaktor in der CDU – Wie tickt Hans-Georg Maaßen? Igor Levit: "Jüdische Identität haben mir die Deutschen gezeigt" Es ist das, was die Noch-Bundeskanzlerin in den Augen von Christin Godt besonders auszeichnet: die Verlässlichkeit. Christin Godt gehört zur Generation Merkel. Die 19-Jährige ist 2002 geboren, hat nie eine andere Kanzlerin als Merkel bewusst erlebt. „Die war irgendwie immer schon da“, sagt die junge Frau mit einem breiten Lächeln. Ein anderer Blickwinkel Und sie beschreibt Merkel aus einem anderen Blickwinkel, als ihn vielleicht Menschen einnehmen, die älter als die junge Rettungssanitäterin sind. Die kennt Merkel nicht als „Kohls Mädchen“ als die oft zurückhaltende stellvertretende Pressesprecherin, als die Umweltministerin mit der komischen Frisur. Sie weiß nur aus Büchern von ihrem Bruch mit Helmut Kohl, von den Kämpfen mit mächtigen CDU-Ministerpräsidenten, vom Verzicht auf die Kanzlerkandidatur 2002. Im Video: Vier private Fragen an Christin Godt Storytelling: 50 Tage, 50 Köpfe - Christin Godt Sie kennt nur aus Wiederholungen im Fernsehen Merkels machohaft auftretenden Vorgänger Gerhard Schröder nach der Bundestagswahl 2005 – und das harte Ringen in ihren ersten Regierungsjahren und ihren nach dem Gau von Fukushima für viel überraschend im Alleingang verkündeten Atomausstieg. Ihr Blick auf die Kanzlerin Merkel ist für Christin Godt vor allem eine Kanzlerin, „die nicht viel falsch gemacht hat.“ Sie habe ruhig und souverän das Land geführt. Das zeige auch die Raute, die Merkel oft mit den Händen forme – eine kleine unaufgeregte Geste. Wenn andere süffisant über Merkel als „Mutti“ sprechen, ist das für Godt eher positiv: „Mutti hat auf uns aufgepasst.“ Es ist das, was frühere Generationen auch mit den anderen Langzeit-CDU-Kanzlern verbunden haben: „Keine Experimente“ bei Konrad Adenauer oder „Sicher in die Zukunft“ mit Helmut Kohl. Und das zieht kann eben auch bei Erstwählern ziehen: „Bei Angela Merkel hatte ich immer das Gefühl, dass das kalkulierbar ist, was sie tut.“ Dabei ist Christin Godt gar keine CDU-Anhängerin. Die 19-Jährige ist in der kleinen Gemeinde Bokel zwischen Rendsburg und Neumünster groß geworden, die irgendwie besonders ist. Neben den Einheimischen sind in den vergangenen Jahren immer mehr Künstler hinzugekommen, eine Siedlung von Bauwagen, die vermietet werden, ist mittlerweile schon zu einer kleinen Berühmtheit geworden. Vom Leben in Bokel „Hier läuft viel über ehrenamtliches Engagement“, sagt Christin Godt. So konnten die Bokeler etwa ihre Freibad erhalten – zu dem auch Christin Godts Eltern ihren Beitrag leisten. „Ich bin so groß geworden, dass man etwas erreichen kann, wenn man es will“, sagt die junge Frau. Als sie sieben Jahre alt ist, will sie unbedingt eine Eislaufbahn im Dorf. „Ich habe Unterschriften gesammelt und sie dem Bürgermeister gegeben.“ Immer mehr Menschen begeistern sich für die Idee. Ein paar Wochen später werden ein paar Holzstämme und eine Plane neben dem Feuerwehrerätehaus abgeladen – und die Kinder-Idee wird Wirklichkeit. „Da habe ich gesehen, dass es etwas bringen kann, sich einzubringen“, sagt Christin Godt, die sich selbst als politischen Menschen beschreibt. Scheu vor dauerhaftem Engagement in Parteien Auch andere junge Leute seien schon für Projekte zu begeistern, meint sie. Sie scheuten nur ein dauerhaftes Engagement in Parteien. Und de Klimawandel treibe die Jugendlichen um. „Wir müssen dafür sorgen, dass dieser Planet bewohnbar bleibt.“ Dass Merkel auch international zu wenig fürs Klima gemacht habe, will Godt so nicht stehen lassen – „obwohl da jetzt natürlich nicht mehr passieren muss.“ Christin Godt engagiert sich ehrenamtlich und kommunal. Sie war im Landesschülerrat aktiv, ist Mitglied in der Feuerwehr und bei der DLRG. Nach dem Abitur will sie Sanitäterin werden, aber dafür muss sie volljährig sein. Die Zeit bis zu ihrem 18. Geburtstag überbrückt sie mit einem Bundesfreiwilligendienst beim Landesbeauftragten für politische Bildung. „Ich habe mich schon immer für Politik interessiert, aber da habe ich nochmal bessere Einblick bekommen, was Parteien eigentlich wollen.“ Und die ganze Zeit begleitet sie Angela Merkel. „In den Wahlen hatte ich immer das Gefühl, dass sie gewinnen wird“, sagt Christin Godt. Die Kanzlerin habe über die Jahre eine Art „Präsidentenstatus“ bekommen. Ära ist kein Stillstand Die Merkel-Ära empfindet Godt nicht als Stillstand, eher als eine „Regieren mit ruhiger Hand“. Merkels Gegenkandidaten hätten ihr wenig anhaben können, weil die langjährige CDU-Vorsitzende zwar kühl und klar regiert, in entscheidenden Momenten aber eben auch Empathie gezeigt habe. „Ich fand es richtig, dass sie 2015 die Grenzen geöffnet hat“, sagt Christin Godt, die selbst gerade mehrere Flüchtlinge betreut. „Vielleicht bin ich auch deswegen ein Merkel-Fan.“ Sie glaubt, dass auch nach dem Abtritt der Kanzlerin etwas von ihre bleiben wird. „Sie war halt die erste Frau als Kanzlerin, und sie hat den europäischen Zusammenhalt gestärkt“, meint Godt. Opinary Iframe Große Fußstapfen Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin finde ziemlich große Fußstapfen vor. So richtig kann sich die junge Frau noch gar nicht vorstellen, dass die „ewige Kanzlerin“ in ein paar Wochen abtritt. „Das ist noch undenkbar.“ Godt glaubt aber, dass Merkel sich aus dem politischen Geschäft völlig heraushalten wird – anders als andere Ex-Kanzler vor ihr. Und gern würde sie Merkel einmal persönlich treffen. Als die Kanzlerin nach der Einladung ihrer Tante im Sommer vor drei Jahren den Hof besucht, kann Christin Godt wegen der vielen Sicherheitsvorkehrungen und der begrenzten Besucherzahl nicht dabei sein. Sie hätte die Kanzlerin aber vor allem eins gern gefragt: „Mich würde schon interessieren, wie sie die ganze Zeit als Kanzlerin wahrgenommen hat.“ Und eins hat sie ja schon erlebt: Wenn die Kanzlerin eingeladen wird, dann kommt sie auch. Verlässlich. Merkel: Entwicklung in Afghanistan ist bitter ...

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