Serie „50 Tage, 50 Köpfe“ : Bundestagskandidat Georg Günther aus MV: So tickt der Merkel-Nachfolger

Georg Günther Bundestagskandidat für den Wahlkreis Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I
Georg Günther Bundestagskandidat für den Wahlkreis Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I

30 Jahre lang war der Wahlkreis 15 in Vorpommern-Rügen fest in der Hand von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Jetzt steht ihr Nachfolger in den Startlöchern: Georg Günther, 33, von der Jungen Union. Ein Treffen in Mecklenburg-Vorpommern.

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02. August 2021, 09:32 Uhr

Grimmen | Es ist eine auf den ersten Blick unscheinbare Straße, die vom Bahnhof der Stadt Grimmen in Richtung Zentrum führt. Eine typische "Bahnhofsstraße", wie es sie in zahlreichen Kleinstädten gibt. Doch nach wenigen Schritten taucht auf der linken Seite ein Schild auf, das es so nicht überall zu sehen gibt. Darauf steht: "Dr. Angela Merkel. Mitglied des Deutschen Bundestages." Es ist das CDU-Büro des Kreisverbandes Vorpommern-Rügen.

Und Angela Merkel gewann in diesem Wahlkreis, den Wahlkreis 15 Vorpommern-Rügen/Vorpommern-Greifswald I, bei den letzten acht Wahlen das Direktmandat. 30 Jahre lang war das hier ihr Kreis. Nun tritt sie nicht mehr an. Ihr Nachfolger: Georg Günther aus der Jungen Union. Ende Februar war er zu ihrem Nachfolger gewählt worden. Der 33-Jährige soll bei der Bundestagswahl im September Rügen, Stralsund und Greifswald für die CDU verteidigen.

Die CDU-Kreisgeschäftsstelle in Grimmen
Nora Burgard-Arp
Die CDU-Kreisgeschäftsstelle in Grimmen

Günther ist mit Angela Merkel aufgewachsen. Denn er war gerade einmal zwei Jahre alt, als Frau Merkel zum ersten Mal das Direktmandat in dem mecklenburg-vorpommerschen Wahlkreis gewann. Das habe selbstverständlich Spuren hinterlassen, erzählt er an einem warmen Sommertag, im Juni 2021, in Grimmen. "Ich bin mit der Region und dadurch mit Angela Merkel politisch verwachsen", sagt er.

Die Wirtschaftspolitik brachte Georg Günther zur CDU

Zum ersten Mal gesehen hat er die Kanzlerin während eines Schulausfluges in Berlin. Im Jahr 2005, als Angela Merkel erstmalig zur Bundeskanzlerin gewählt wurde. Der Schüler aus Mecklenburg-Vorpommern und seine Klassenkameraden brachten 'ihrer' Angela Merkel Mitbringsel mit, typische Touristen-Souvenirs aus der Region. Sanddorn zum Beispiel. Georg Günther schmunzelt bei der Erinnerung daran und sagt: "Dieses erste Treffen war sehr kurz, aber es hat mich wirklich beeindruckt."

Im Video: Vier Fragen an Georg Günther

Er ist sich bewusst, wie spektakulär und spannend die Tatsache ist, dass er als junger Politiker, kaum älter als 30, jetzt den Wahlkreis der berühmten Vorgängerin übernehmen will. Aber die vielen Medienanfragen überraschen ihn dann doch. Mit einem derartigen Interesse habe er nicht gerechnet. "Ich versuche, wirklich allen gerecht zu werden und allen Pressevertretern zuzusagen, aber es wird immer schwieriger und irgendwann muss ich ja auch noch meinen Job machen", sagt er lachend und fügt hinzu: "Aber es macht mir auch viel Spaß, mit Journalisten zu reden."

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Georg Günther, der sich selber zwischen liberal und konservativ einordnet, wurde in Greifswald geboren, ist in der Gemeinde Süderholz aufgewachsen und hat in Güstrow studiert. Es fällt also nicht schwer, ihm zu glauben, wie eng er mit dem Wahlkreis verwurzelt und emotional verbunden ist. Gerade die Zeit nach der Wende habe ihn stark beeinflusst – und schlussendlich auch dazu gebracht, in die Politik zu gehen und die CDU als seine Heimatpartei auszuerwählen.

Ich habe in meinem engsten Familien- und Bekanntenkreis miterlebt, wie sich Biografien verändert haben, wie unzählige Jobs verloren gingen, und auch wie sich die Region hier verändert hat. Das hat mich stark geprägt. Georg Günther

Die CDU habe damals mit ihrer Wirtschaftspolitik eine tatsächlich Veränderung erreicht, so Günther, und das sei auch der Grund gewesen, warum er bereits als Schüler der Jungen Union beitrat und ihr bis heute treu blieb.

"Berlin ist für viele Menschen einfach wahnsinnig weit weg"

"Ich habe mich kommunalpolitisch für ganz einfache Sachen eingesetzt, vom Jugendclub bis zur Sanierung der Straße", sagt Günther und betont, ihm gehe es auch heute noch vor allem darum, nah an den Menschen dran zu sein, die er vertritt. Ihnen wirklich zuzuhören und ihnen das Gefühl zu geben, dass auch ihre Sorgen und Probleme ernst genommen werden. "Berlin ist für viele Menschen hier einfach wahnsinnig weit weg", sagt er, "und ich spüre, dass die Leute nicht nur von Kommunalpolitik sondern auch von der Bundespolitik mitgenommen werden wollen. Ich spüre durchaus ab und zu eine Politikverdrossenheit bei den Leuten." Das will Georg Günther ändern, in dem er plant, so viel es geht, wirklich vor Ort zu sein.

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Nähe zu den Menschen, Zuhören, Da sein – was zunächst wie politische Floskeln wirkt, wird von Georg Günther offenkundig tatsächlich gelebt. Er kann auf Anhieb mehrere Beispiele dafür nennen, was die Menschen in seinem Kreis bewegt, berührt oder ärgert. Mit einer Einzelhändlerin habe er zuletzt gemeinsam ein Formblatt für die Corona-Hilfen ausgefüllt. Mit dem Geschäftsführer des ortsansässigen S.O.S Kinderdorf e.V. habe er über das Bundesteilhabegesetz gesprochen. Ein weiterer Mann habe ihm schlicht und ergreifend gesagt: "Ich würde mich besser fühlen, wenn wir keine Kriege mehr führen müssen."

Und auch den unangenehmen Fragen würde er sich stellen, sagt er. Gerade zuletzt seien die Gespräche wirklich schnell zu den "unschönen Dingen" der CDU gekommen, wie er es nennt. Damit meint er zum Beispiel die Maskenaffäre, aber auch generell die Corona-Politik der Bundesregierung. Was er auf Kritik an dem Umgang mit der Pandemie antwortet? "Einfach mal weniger erzählen, sondern pragmatisch sagen, was möglich und was nicht möglich ist, um den Menschen mehr Planungssicherheit zu geben."

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Ähnlichkeiten zu Angela Merkel: Ruhe und Pragmatismus

Pragmatismus. Dieses Wort fällt auch in der Antwort auf die Frage, welche Ähnlichkeiten Georg Günther zwischen sich selber und Angela Merkel sieht. "Wir gehen auf alle Fälle beide etwas ruhiger und pragmatischer an Dinge heran. Ich halte wie sie nicht viel von einer Hau-Drauf-Mentalität, sondern davon, in Ruhe auszuloten, was möglich ist. Und nichts zu versprechen, was nicht möglich ist."

Georg Günther mit seiner berühmten Vorgängerin in der Kreisgeschäftsstelle der CDU.
Nora Burgard-Arp
Georg Günther mit seiner berühmten Vorgängerin in der Kreisgeschäftsstelle der CDU.

Während er durch Grimmen läuft, hier und da ein paar Erklärungen zur Stadt abgibt ("Das ist unser Wasserturm" oder "Leider haben wir viel zu wenig Restaurants oder Cafés") und freundlich Eis essende Passanten grüßt, wird deutlich, dass er wenig mit der Aufregung und öffentlicher Erregung einiger seiner Kollegen, zum Beispiel in den Sozialen Netzwerken, anfangen kann.

Zwar würden auch ihn viele Dinge massiv ärgern und dann würde er sich auch öffentlich positionieren, erklärt er, aber er würde nicht den Drang verspüren, auf jeden Aufreger aufzuspringen. Die Gender-Debatte, ausgelöst von seinem CDU-Parteikollegen Christoph Ploß aus Hamburg zum Beispiel. Dazu habe er sich nicht geäußert, sagt er, und ergänzt: "Nicht mein Thema." Natürlich besitze die Diskussion eine gesellschaftliche Bedeutung, sagt er, doch aus seiner Sicht müsse sie nicht zwangsläufig ein Aufreger in den sozialen Netzwerken sein.

"Die AfD hat sich in dieser Region komplett radikalisiert"

Deutlicher und auch vehementer wird er bei anderen Punkten. Zum Beispiel, wenn es um die AfD geht, die auch in Mecklenburg-Vorpommern eine immer größere Rolle spielt. "Deshalb ist es umso wichtiger, dass ich mich ganz klar von dieser Partei abgrenze", sagt Georg Günther, "das fällt mir auch nicht schwer, wenn ich mir den Direktkandidaten hier vor Ort anschaue." Die AfD habe sich in der Region in den vergangenen Jahren komplett radikalisiert, so Günther. "Das muss man sehr ernst nehmen."

Bundestagswahl 2021

50 Tage, 50 Köpfe

Noch zwei Monate und 50 Erscheinungstage bis zur Entscheidung: Unsere Redaktion startet mit dem 30. Juli ein umfassendes Programm mit journalistischen Angeboten zum Bundestagswahlkampf 2021. Interviews mit den Spitzenkandidaten, Reportagen aus dem Wahlkampf, Kommentare, Grafiken und jede Menge Service – das dürfen Sie von uns erwarten und noch viel mehr:
In lockerer Folge stellen wir Prominente und ihre Sicht auf die Bundestagswahl vor. Politiker wie heute zum Start Philipp Amthor, die grüne Nachwuchshoffnung Aminata Touré oder den Linken-Veteran Gregor Gysi, aber auch den Kabarettisten Dieter Nuhr oder den Pianisten und Menschenrechtler Igor Levit. Zentrale Fragen rund um die Wahl behandelt eine Serie von Hintergrundberichten. Mit welcher Partei behalte ich mehr im Portemonnaie? Oder: Wie fällt die Bilanz der Ära Merkel aus?

Jetzt, im Juni 2021, sind es nur noch wenige Wochen, bis der Wahlkampf richtig losgeht. Aufgeregt, sei er, sagt Georg Günther, und selbstverständlich würde er auch Druck verspüren. "Acht Mal in Folge und 30 Jahre lang ging das Mandat jedes Mal direkt an die CDU. Und jetzt komm ich. Natürlich ist da Druck."

Zurzeit arbeitet der Diplom-Finanzwirt halbtags im Finanzamt. Ab Juli werde er dann freigestellt, um Zeit für Wahlkampf-Kampagnen zu haben. Für diese Zeit hat sich Georg Günther viel vorgenommen: 500 Bewerbungen an mittelständische Unternehmen habe er in den letzten Tagen verschickt, sagt er. Er will in so vielen wie möglich als Praktikant tageweise mitarbeiten, um die Firmen in der Region besser kennenzulernen und sich selber bekannter zu machen. "Es ist ein ehrgeiziges Ziel", sagt er, "aber man kann es ja mal versuchen."

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