Porträt zur Bundestagswahl : Von der Nachrückerin zum Nachwuchsstar der Grünen: Aminata Touré

Avatar_shz von 11. August 2021, 14:09 Uhr

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Neuer Star am Grünen-Himmel: Aminata Touré  ist die erste schwarze Vize-Präsidentin eines Landesparlaments.
Neuer Star am Grünen-Himmel: Aminata Touré ist die erste schwarze Vize-Präsidentin eines Landesparlaments.

Aminata Touré ist die erste schwarze Vizepräsidentin eines Landesparlaments und gilt als eine der profiliertesten Nachwuchshoffnungen bei den Grünen. Innerparteilich besetzt sie ein strategisch wichtiges Feld.

Kiel | Aminata Touré ist sofort da. Wer sich mit der Nachwuchspolitikerin unterhält, hat nicht das Gefühl, mit einer veritablen Parlamentsvizepräsidentin zu sprechen. Zu oft ist etwas bei ihr „krass“ oder sie gibt auch mal zu, dass sie etwas „vercheckt“ hat. Touré hat sich diese Sprache bewahrt, die sie von anderen Politikern abhebt. Doch die 28-Jährige fällt auch anders auf. Das liegt natürlich an ihrem Äußeren, denn die erste schwarze Vizepräsidentin eines Landesparlaments behalten die Menschen schon eher in Erinnerung als den weißen, männlichen Mainstream-Politiker. „Ich stand schon viel in der Öffentlichkeit“, gibt Touré zu, die sich noch schnell Zeit für einen Latte Macchiato nimmt bevor sie in den Zug von Kiel nach Hamburg steigt, um dort ihr Hörbuch einzulesen. Alltagsrassismus, Barrieren, aber auch Chancen Hörbuch? Naja, es ist so etwas wie eine halbe Autobiografie, die die Neumünsteranerin, deren Eltern aus Mali stammen, in diesem Jahr veröffentlicht hat. Darin beschreibt sie, wie sie aus der Flüchtlingsunterkunft, in der sie jahrelang gelebt hat, den Weg zu den Grünen und in die Landespolitik fand. Als „Teufelskreis des Psychoterrors“ hat sie einmal die Aneinanderreihung von Duldungen beschrieben, mit der sie groß geworden ist, bevor sie, ihre Eltern und ihre Geschwister relativ sicher sein konnten, dauerhaft in Deutschland bleiben zu können. Lesen Sie auch: Serpil Midyatli: Frohnatur mit Kämpferherz – und entscheidender Schwäche Sie schildert ihren Weg über das Politik- und Französisch-Studium, den Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Grünen Bundestagsabgeordneten Luise Amtsberg – und ihren eigenen Einstieg in die Politik. Und sie erzählt vom Alltagsrassismus, von Barrieren, aber auch von Chancen, die sie erlebt hat – und von der immer präsenten Frage, ob sie denn auch zu dieser Gesellschaft dazugehören darf. Das alles ist Stoff, den die TV-Talkshows begierig aufsaugen, auch weil die Frau mit den aufwändigen Frisuren und schicken Klamotten ein frisches Gesicht mit einer eigenen Sprache ist. In den Medien kommt Touré zwar unterhaltsam, aber eben auch oft ernst rüber, denn sie ist ein durch und durch politischer Mensch. Es fällt ihr schwer, mal nicht über Politik zu sprechen, Menschenrechtsfragen etwa sind Herzensangelegenheiten für sie – und die sind ihr auch nach Feierabend und vor dem Aufstehen wichtig. Ihr Engagement für Geflüchtete und deren Integration könnte nicht authentischer sein – genauso wie ihr Kampf gegen Rassismus, gerade in der Black Lives Matter Bewegung, die sie in Deutschland noch bekannter gemacht hat. Im Video: Vier Fragen an Aminata Touré (Bündnis 90/Die Grünen) Storytelling: 50 Tage, 50 Köpfe - Aminata Touré (Bündnis 90/Die Grünen) Sie besetzt in der Partei ein wichtiges Politikfeld Innerparteilich nützt das Touré, denn sie besetzt strategisch ein Feld in der Umweltpartei, das nicht viele beackern. In Migrations- und Menschenrechtsfragen waren in der Vergangenheit Politiker wie Volker Beck, Claudia Roth oder Marieluise Beck aktiv – allesamt auf dem Sprung oder schon längst im politischen Altenteil. Aber eine weltoffene Bürgerrechtspartei braucht prominente Politiker, die in diesen Fragen Klartext reden, weil sie Stammwähler binden – und dafür reicht eben ein Cem Özdemir nicht. „Ich will aber nicht nur auf ein Politikfeld reduziert werden“, sagt Touré, die durchaus Karriere-Ambitionen hat. Gerade hat die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Kieler Landtag, Eka von Kalben, nach zehn Jahren ihren Rückzug aus der Führung angekündigt – gut möglich, dass Touré im Mai des nächsten Jahres ihre Nachfolgerin wird. Im Landtag, in den sie erst vor vier Jahren nachrückte, könnte sie zu der Figur werden, die die neue und vermutlich größere und heterogene Fraktion auf eine erneute grüne Regierungsbeteiligung einschwören muss. Das wäre ein neuer Job, denn bislang konnte sich Touré vor allem selbst profilieren. Dass sie allerdings auch Entscheidungen mittragen kann, die ihr persönlich widerstreben, hat sie in der Jamaika-Koalition mit CDU und FDP gelernt – etwa als sie im Landtag die Schaffung eines Abschiebegefängnisses verteidigen musste. Political animal mit Sinn für das Machbare Vielleicht auch um ihre Machtposition im Land auszubauen, will Touré im Bundestagswahlkampf meist in Schleswig-Holstein aktiv sein. Die meisten anderen Anfragen werde sie absagen, sagt sie, und nimmt noch einen Schluck von ihrem Latte Macchiato mit Hafermilch. Und dann sagt sie, dass es für sie immer noch Momente gibt, in denen sie nicht glauben kann, dass die Grünen beim Kampf ums Kanzleramt mitspielen. „Als ich 2012 eingetreten bin, wäre ich schon froh gewesen, wenn wir hätten mitregieren können“, sagt Touré, die die Bundestagswahl dann gleich zur Richtungswahl über den Klimaschutz erklärt. Und was ist ihre Rolle dabei? Bundespolitische Ambitionen habe sie nicht, sagt die junge Frau. Und man ist versucht, ein „noch nicht“ anzufügen. Manch prominenter Parteifreund traut ihr jedenfalls mehr zu. Und das wäre dann wohl auch für Aminata Touré doch noch mehr als „krass“. ...

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