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159 Tote bei Unglück : Brandinspekteur packt aus: Crew legte Feuer auf „Scandinavian Star“

vom
Aus der Onlineredaktion

26 Jahre nach dem Feuer auf der „Scandinavian Star“ erhebt ein Zeuge schwerwiegende Anschuldigungen. Der Whistleblower beschuldigt zwei Mitglieder der Crew, das Feuer absichtlich gelegt zu haben.

shz.de von
erstellt am 22.Feb.2016 | 16:46 Uhr

Kopenhagen/Oslo | 7. April 1990: Auf der Fähre „Scandinavian Star“ bricht ein Brand aus in dessen Folge 159 Menschen ums Leben kommen. Wer das Feuer legte, ist bis heute ungeklärt. Nun, 26 Jahre später, behauptet Flemming Thue Jensen, zwei Mitglieder des Bordpersonals hätten die Feuerkatastrophe herbeigeführt – mit einem bewussten Sabotageakt. Der inzwischen pensonierte Brandinspektor redet vom „größten politischen Skandal“ überhaupt. Jensen ist beileibe niemand, der nicht wüsste, wovon er spricht. Er war seinerzeit als Chefermittler der dänischen Schifffahrtsbehörde „Søfartsstyrelesen“ als erster Sachverständiger an Bord, um die Brandursache zu klären.

In der Unglücksnacht entstanden auf dem Schiff mehrere Brände. Aufgeklärt wurden die Sachverhalte nie. Als Motiv für die Brandstiftung war immer wieder Versicherungsbetrug vermutet worden.

„Es gibt zwei Verdächtige, von denen einer der Hauptverdächtige ist“, sagte der Pensionär am Sonntag bei einer Pressekonferenz der „Stiftung Ermittlungen nach dem Feuer auf der Scandinavian Star“ in Oslo. Zuvor hatte die Zeitung „Politiken“ seine pikanten Aussagen veröffentlicht. Die Beschuldigten sollen Brandschutztüren versperrt und eine Hydraulikleitung sabotiert haben. Er kenne die Identität der Täter, doch die Namen wolle er nicht nennen, sagte Jensen.

Die norwegischen Behörden, die die Brandkatastrophe offiziell untersucht hatten, seien offenbar gar nicht an einer Aufklärung interessiert gewesen: „Hätte die norwegische Polizei mit uns gesprochen und die Sache genauer untersucht, wäre sie 1990 aufgeklärt worden“, sagte der Whistleblower dem norwegischen Fernsehsender TV2. Die Verdächtigten hätten sogar Matratzen aufgestellt, damit sich das Feuer ausbreiten konnte.

Hintergrund: Das Unglück der Scandinavian Star 1990

Die 142 Meter lange, ursprünglich auf den Namen Massalia getaufte Fähre war 1971 von der französischen Werft Dubigeon-Normandie in Nantes erbaut worden. Ab 1990 bediente sie für „DA-NO Linjen“ den Linienverkehr Oslo (Norwegen) − Frederikshavn (Dänemark) retour. In der Nacht zum 7. April 1990 war die Fähre von Oslo kommend mit 383 Passagieren und 99 Besatzungsmitgliedern im Skagerrak nach Frederikshavn unterwegs.

Gegen zwei Uhr nachts gab es plötzlich Feueralarm. Die aus verschiedenen Nationalitäten bestehende Besatzung der unter Bahamas-Flagge fahrenden Fähre war in der Brandabwehr ungeübt und überfordert. Kaum einer von der Besatzung beherrschte eine skandinavische Sprache, viele des Weiteren auch nur begrenzt Englisch. Dazu kam eine zu geringe Personalstärke der Besatzung und daher eine sehr hohe Überstundenbelastung.

In der Unglücksnacht entstanden auf dem Schiff mehrere Brände. Zunächst (gegen 1.55 Uhr) wurden einige brennende Decken entdeckt, die von einem Passagier gelöscht werden konnten. Danach (gegen 2.00 Uhr) entstand ein zweiter Brand, der sich schnell ausbreitete. In beiden Fällen war zunächst brennbares Material vom Täter am Brandort gesammelt worden.

Der darauf von der Brücke ausgelöste Feueralarm wurde nicht überall auf dem Schiff wahrgenommen. Um 2:26 Uhr sendete das Schiff Mayday über Funk. Die Evakuierung in die Rettungsboote wurde eingeleitet. Fälschlicherweise bestätigte der Kapitän dann die vollständige Evakuierung von Passagieren und Besatzung. Gegen 5.30 Uhr wurde mit den Löscharbeiten im Schiff durch die schwedische Feuerwehr begonnen, die auch noch Überlebende an Bord antraf und rettete.

Das Schiff wurde für die Löscharbeiten in den schwedischen Hafen Lysekil geschleppt. Bei dem Unglück kamen 159 Personen ums Leben. Die meisten Todesopfer starben nicht im Feuer, sondern an den extrem giftigen Rauchgasen.

Kapitän Hugo Larsen und die beiden Besitzer Ole Busch Hansen und Henrik Nygaard Johansen wurden 1992 zu jeweils sechs Monaten Haft verurteilt, weil sie die Sicherheitsregeln nicht beachtet hatten.

Im Jahr 2004 wurde das Schiff an eine indische Abwrackwerft in Alang verkauft und verschrottet.

Foto: rtn
 
Die Fakten und Jensens neue Angaben
  • Insgesamt entstanden laut jetzigen Angaben sechs Feuer auf der Fähre. Der zweite Brand, der in einem Kabinengang entstand, war für die 159 Toten verantwortlich.
  • Laut Jensens Untersuchung wurden die Brandschutz-Schiebetüren von besonderen Klötzen offengehalten, die nur die Besatzung kennt. Dazu sei Fachwissen nötig gewesen.
  • Auch ein Hydraulik-Rohr sei sabotiert worden. Dies sei erst nach dem Ablegen passiert – sonst hätten die Autos nicht auf ein Hebedeck fahren können. Aus dem Rohr sei Öl, vermutlich Dieselöl, anstelle von Hydrauliköl gelaufen und habe den Brand beschleunigt. Es könne nur so gewesen sein, dass der, der den ersten Brand gelegt hat, auch für den Hydraulikrohr-Brand verantwortlich sei.
  • Der damalige schwedische Feuerwehr-Einsatzleiter Ingvar Brynfors behauptete 2013 im schwedischen Fernsehen, der deutsch-amerikanische Maschinenmeister, der Chefelektriker und ein drittes Besatzungsmitglied hätten sich sehr merkwürdig verhalten, als sie zu den Löscharbeiten an Bord zurückkehrten.
  • Die meisten Todesopfer starben nicht im Feuer, sondern an den extrem giftigen Rauchgasen.
 

Bisher war ein dänischer Lastwagenfahrer, Erik Mørk Andersen, verdächtigt worden, den tödlichen Brand gelegt zu haben. Doch als der Ausbrach, war der dieser bereits tot. Der bereits mehrfach wegen Brandstiftung vorbestrafte Mann soll alkoholisiert gewesen sein, als er in den Flammen starb. Eine Anklage gegen ihn wurde 2004 fallen gelassen. Laut Jensen war der Mann völlig unschuldig.

Flemming Thue Jensen will die Wahrheit ans Licht bringen.
Flemming Thue Jensen will die Wahrheit ans Licht bringen. Foto: dpa

Er sei mit seinem Wissen nicht früher an die Öffentlichkeit gegangen, da er davon ausgegangen war, dass die norwegische Polizei die Täter ermitteln und verurteilen würde. Seit einem halben Jahr sei er jedoch Pensionist und könne deshalb jetzt die Wahrheit erzählen, so Jensen. Der 2014 vom norwegischen Parlament neu einberufenen Kommission zur Untersuchung des Unglücks stand Flemming Thue Jensen inzwischen Rede und Antwort: „Es war ein fantastisches Treffen“, sagte er der norwegischen Nachrichtenagentur NTB nach dem Gespräch mit Kommissionsleiter. „Jetzt kann die Wahrheit ans Licht kommen und ich glaube, das wird sie auch. Das ist alles, was mich beschäftigt“, so Jensen. „In den vertraulichen Gesprächen mit der Kommission kann ich viel genauer sein und kann vieles beim Namen nennen, was ich öffentlich nicht sagen kann.“

Der norwegischen Polizei will Jensen aufgrund seines Misstrauens keine Auskünfte geben. Bereits zwei Mal hätte er seine Informationen den Ermittlern zuvor erzählt, jedoch ohne Erfolg.

Thue Jensen war bis vor einem halben Jahr Angestellter der Seefahrtsbehörde. Er habe als Chef in der Behörde nichts sagen können, sagte er am Sonntag der Zeitung „Politiken“. Erst jetzt sei er „ein freier Mann“. Doch Verwaltungsrechtsexperten stellen das in Frage. Sollte in diesem Fall die Schweigepflicht greifen, würde sie auch nach der Pensionierung noch gelten.

Ein Verdachtsmoment für ein Motiv blieb über die Jahre ein möglicher Versicherungsbetrug. Die Eigentumsverhältnisse um die Fähre erwiesen sich als schwierig. Am Ende floss die Versicherungssumme auf das Konto des vorherigen Besitzers „SeaEscape“ auf den Bahamas. Der Deal mit der verantwortlichen Reederei „DA-NO-Linjen“ war noch nicht rechtskräftig gewesen weil der Abnehmer die Kaufsumme noch nicht überwiesen hatte.

Angehörige der Opfer und Überlebende hatten 2014 neue Ermittlungen gefordert. Schon 2013 war eine Expertengruppe im norwegischen Bergen zu dem Schluss gekommen, dass Mitglieder der gemischten skandinavischen, philippinischen und portugiesischen Besatzung die Brände im Auftrag ihrer Chefs gelegt haben, damit die in Miami (USA) lebenden Eigner eine Versicherungsprämie für ihr überversichertes Schiff einstecken konnten. „Der schlimmste Massenmord in Nordeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg“, so die Schlagzeilen damals. 24 Millionen Dollar waren an die Eignergruppe SeaEscape ausgezahlt worden. Zeugen wollen den Experten zufolge gesehen haben, wie Besatzungsmitglieder den Brand beschleunigt hätten und wie der Maschinenmeister einen Umschlag mit 800.000 Kronen in die Hand bekam.

Der Folketingsabgeordnete der ultralinken Einheitsliste, Søren Søndergaard erklärte zu den neuen Erkenntnissen, er sei sehr verwundert darüber, dass diese Informationen erst nach 26 Jahren bekannt wurden. Auch die dänischen Behörden seien offenbar bisher getäuscht worden, so der Abgeordnete, der von Justizminister Søren Pind eine neue unabhängige Untersuchung der Brandkatastrophe fordert, die den „Massenmord“ aufklären muss. Auch im Respekt vor den Angehörigen der Toten, so Søndergaard. Der rechtspolitische Sprecher von der rechten Dansk Folkeparti, Peter Kofod Poulsen, schloss sich dem an. Er sehe eine „dringende Notwendigkeit“ zur Prüfung der neuen Hinweise.

Pind erklärte indes, dass es von Seiten der Regierung keine Bestrebung gebe, den Fall in Dänemark neu aufzurollen. Er verwies auf die neu eingeleiteten Untersuchungen in Norwegen. Der dänische Reichsadvokat habe sämtliches den dänischen Behörden vorliegendes Material den norwegischen Ermittlern zur Verfügung gestellt.

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