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„Kanzler der Einheit“ : Zum 85. Geburtstag von Helmut Kohl

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Vor fünf Jahren wünschte er sich zum 80. Geburtstag noch viele schöne Jahre. Am Freitag wird der Altkanzler 85 Jahre alt.

shz.de von
erstellt am 02.Apr.2015 | 15:26 Uhr

Bonn | Es ist eine bittere, aber vielleicht die treffendste Beschreibung: Helmut Kohl ist heute ein gefesselter Riese. So hat es Österreichs früherer Bundeskanzler Wolfgang Schüssel im Dezember in Dresden bei einem Festakt mit Kohl zum 25. Jahrestag des Mauerfalls formuliert. 2008 erlitt Kohl bei einem Sturz ein Schädel-Hirn-Trauma, seither sitzt er im Rollstuhl und kann nur schwer sprechen. Am 3. April wird er 85 Jahre alt. Kohl-Freund Schüssel sagt, man habe immer gewusst: „Im Zweifel können wir uns auf diesen Riesen, der heute hier gefesselt vor uns sitzt, (...) verlassen.“ Kohl ist der Rekord-Kanzler, der „Kanzler der Einheit“, der einstige CDU-Übervater, dem Partei und Bürger über viele Jahre folgten - und an dem sich viele Menschen bis heute reiben. Sein Verhältnis zu weiten Teilen der CDU gilt seit der Spendenaffäre als getrübt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte die Verdienste des Altbundeskanzlers in Deutschland und Europa zum 85. Geburtstag. In einem Gastbeitrag für die „Bild“-Zeitung erklärte Merkel, die europäische Einigung und die deutsche Einheit seien auch Kohls Werk. Ihm sei es gelungen, „das politische Kunststück einer Wiedervereinigung im Einklang mit all unseren Nachbarn und den ehemaligen Alliierten zu vollbringen. Gelungen ist ihm das, weil er wie kein Zweiter über Jahre hinweg Vertrauen aufgebaut hatte, von Washington über Paris, London und Brüssel bis nach Moskau. Dieser Kanzler des Vertrauens war für uns Deutsche ein Segen.“

Ex-US-Außenminister Henry Kissinger erklärte in einem Beitrag für die Zeitung, Kohls Vision von einem „friedlich vereinten und demokratischen Deutschland in einem vereinten Europa“ habe sich 1990 mit der Wiedervereinigung gegen alle Kritiker durchgesetzt. Kissinger: „Mit wenigen kühnen Zügen schuf er damals eine unbestreitbare Wirklichkeit und machte wahr, was lange Zeit als ferner Wunschtraum galt.“

10. Mai 1991: Eierwurf

Als Helmut Kohl Halle in Sachsen-Anhalt besucht, schlägt ihm, ein halbes Jahr nach der Einheit, nicht nur Begeisterung, sondern auch Misstrauen entgegen. Zehn Monate zuvor hat der damalige Bundeskanzler das Versprechen abgegeben, die neuen Bundesländer in einer gemeinsamen Anstrengung in „blühende Landschaften“ verwandeln zu wollen, eine Ankündigung, die anfangs euphorisch aufgenommen wurde. Der Eierwurf bei seinem Auftritt ist legendär. Kohl stürmt auf die Demonstranten zu und will sich den Eierwerfer packen.

2015: Geburtstag ohne CDU

Die Partei veranstaltet keine Feier zu Kohls Geburtstag am Karfreitag. Stattdessen soll es im Sommer ein Symposium zu seinen Ehren geben. „Den Geburtstag selbst verbringt Dr. Helmut Kohl im privaten Kreis“, teilt die Konrad-Adenauer-Stiftung mit. Vermutlich will es Kohl selbst so. Eine Anfrage beantwortet er nicht.

2014: Streit um Zitate

Der einstige Regierungschef tritt nur noch selten öffentlich auf, und wenn er spricht, ist er kaum zu verstehen. Im vorigen November stellte er in Frankfurt am Main ein Buch vor, das er mit Hilfe seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter geschrieben hat: „Aus Sorge um Europa“. Bei der Präsentation vor laufenden Kameras - das öffentliche Interesse ist ungebrochen - saß seine Frau neben ihm, rückte Zettel zurecht, flüsterte ihm etwas zu und war mit einem Taschentuch zur Stelle.

Maike Kohl-Richter wird von verschiedenen Seiten verantwortlich gemacht für Kohls Entfernung von seinen Söhnen Walter und Peter und alten Wegbegleitern wie seinem Fahrer „Ecki“ Seeber. Kohls früherer Ghostwriter Heribert Schwan erklärt Maike Kohl-Richter offen zu seinem „Feindbild“. Sie habe seine Arbeit mit Kohl beendet und strebe die „Deutungshoheit“ über seine Kanzlerschaft an, sagt Schwan.

Er saß 2001 und 2002 mehr als 600 Stunden mit Kohl zusammen und nahm dessen Erzählungen für die Memoiren des Altkankers auf Band auf. 2014 veröffentlichte Schwan aber sein eigenes Buch „Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle“ - mit saftigen, von Kohl nicht freigegebenen Zitaten über Angela Merkel („Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen“), Heiner Geißler, Rita Süssmuth und anderen. Kohl klagte mit Erfolg auf Herausgabe der Bänder und gegen die Verwendung von 115 Zitaten. Am 5. Mai entscheidet das Oberlandesgericht Köln womöglich, dass alle Zitate gestrichen werden müssen.

1976: Start im Bundestag

Mehr als 40 Jahre war Kohl Parlamentarier, zuerst im Mainzer Landtag und von 1976 an im Bundestag. Sieben Jahre war er Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Als erster deutscher Kanzler kam er durch ein konstruktives Misstrauensvotum am 1. Oktober 1982 an die Macht und stürzte Helmut Schmidt (SPD). Politisch hat er Rekorde errungen, die Nachfolger nur schwer brechen können: 16 Jahre Bundeskanzler (1982 bis 1998), 25 Jahre CDU-Vorsitzender. Und er hat seinen Platz in der Geschichte als der Kanzler, der die Chance zur deutschen Einheit schnell und entschlossen nutzte. So ist er auch der „Kanzler der Einheit“. 1998 wählten die Bürger ihn ab, Rot-Grün gewann.

Dabei wollte Kohl 1996/97 eigentlich schon als Kanzler zurücktreten: „Ich glaubte, 14 Jahre waren genug. Ich hatte auch genug geschafft“, sagte er in einem NDR-Interview, das 2003 geführt und in ganzer Länge erst jetzt, zwölf Jahre später ausgestrahlt wurde. Er wollte den Weg freimachen für Wolfgang Schäuble - doch dann rückte die Euro-Einführung näher und er sah sich als einziger Garant, die damalige knappe schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag zu sichern. „Ich musste es durchsetzen. Es gab damals ja Gerede, eine Währung, in der Italiener und Griechen dabei sind, kann niemals eine ordentliche Währung werden“, sagte Kohl 2003 im Rückblick. Bei der Vorführung des Interviews Mitte März in einem Berliner Kino müssen die Zuschauer an dieser Stelle lachen. Griechenland steht vor der Staatspleite und belastet die Gemeinschaftswährung. Der Film ist eine Reise in die Vergangenheit, wo ein großer schwerer Mann mit Charme, Humor und Härte über die Höhen und Tiefen der Politik erzählt. Dabei weiß man, dass eben dieser Mensch seit langem so nicht mehr auftreten kann.

1999: Spendenaffäre und die Ära Merkel

Mit der CDU-Spendenaffäre, die die Partei und die ganze Republik 1999 erschütterte, verlor Kohl schließlich für viele Menschen seine Vorbildfunktion.

Die Spendenaffäre im Überblick

Am 4. November 1999 wurde bekannt, dass das Amtsgericht Augsburg einen Haftbefehl gegen den damaligen CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep wegen des Verdachts der Steuerhinerziehung erließ. Es gibt um eine Million D-Mark, die er 1991 von dem Waffenhändler Karlheinz Schreiber als Spende für die CDU erhalten hatte. Es war eine Provisionszahlung von Thyssen, die auf einem Parkplatz in der Schweiz in bar übergeben worden war. Das Geld wurde nicht versteuert und wurde offenbar nicht an die CDU weitergegeben. Das Geld wurde privat aufgeteilt.

Am 26. November 1999 räumte Heiner Geißler, früherer CDU-Generalsekretär, ein, dass in der Ära Kohl „schwarze Konten“ geführt wurden. Kohl bestätigte am 16. Dezember 1999, dass es diese Konten gegeben habe. Insgesamt 2,1 Million D-Mark verdeckter und damit illegaler Parteispenden gab Kohl zu, angenommen zu haben. Den Namen der Spender nannte Kohl nie, er habe sein Ehrenwort gegeben. Kohl trat daraufhin auf Druck der CDU-Spitze als Ehrenvorsitzender zurück.

Ein Untersuchungsausschuss wurde eingerichtet, der von Dezember 1999 bis Juni 2002 tagte. Am Ende stand das Gesetz über die politischen Parteien, das im Hinblick auf mehr Transparenz verschärft wurde.

Während der Untersuchungen wurde bekannt, dass die CDU offenbar zahlreiche Schattenkonten unter anderem in der Schweiz besaß. Da diese Konten illegal sind, und somit ein Verstoß gegen das Parteispendengesetz darstellen, sperrte der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die Auszahlung von insgesamt 21 Millionen Euro als Wahlkampfkostenerstattung an die CDU.

In die Spendenaffäre waren viele Politiker und Institutionen verwickelt. Berühmte Köpfe sind Wolfgang Schäuble, Roland Koch, Manfred Kanther, Max Strauß sowie die Firmen Thyssen und Ferrero.

 

Es war Merkel, die als Generalsekretärin die CDU von ihrem Übervater emanzipierte. Für viele markiert das den Beginn ihrer fortan wachsenden Stärke bis zur eigenen Kanzlerschaft 2005. Versöhnt haben sie sich bis heute nicht. Kohl stellt sich bis heute über geltendes Recht, indem er die Namen jener Spender verschweigt, von denen er Geld am Gesetz vorbei für die Parteiarbeit angenommen hatte. Er habe den Geldgebern sein Ehrenwort gegeben, begründet Kohl das.

Er konnte Menschen schon immer mit Wärme, Witz und Protektion für sich einnehmen. Zu Kanzler-Zeiten beförderte er Karrieren und vernichtete sie. Für Unterstützung erwartete er Dankbarkeit. Als der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte, Dankbarkeit sei in der Politik keine Kategorie, verstand Kohl das nicht.

Der Kanzler und „sein Mädchen“: Helmut Kohl mit der damaligen Bundesfrauenministerin Angela Merkel 1991 in Dresden.
Der Kanzler und „sein Mädchen“: Helmut Kohl mit der damaligen Bundesfrauenministerin Angela Merkel 1991 in Dresden. Foto: dpa
 

2001: Tod von Hannelore und Privatleben als Altkanzler

Privat hat er seine engste Familie verloren. Seine erste Frau Hannelore, die er 1960 heiratete, litt an einer unheilbaren Lichtallergie und nahm sich 2001 daheim in Oggersheim das Leben. 2008 heiratete Kohl die mehr als 30 Jahre jüngere Regierungsdirektorin Maike Richter. Zu seiner Hochzeit waren seine Söhne nicht eingeladen. Walter Kohl berichtete später von Enttäuschung, Kummer und Distanz in seinem Leben als Kanzlersohn. Vor zwei Jahren sprach er aber von „einseitiger Versöhnung“ mit seinem Vater. Dieser sagte im November 2014 dem „Stern“, er habe kein gutes Verhältnis zu seinen Söhnen. Und trotzdem: „Ich bin glücklich.“

Vielleicht wird ihm die Geste der Jungen Union (JU) ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Die will dem Jubilar zum Geburtstag das „größte Ständchen Deutschlands“ bringen - in Form eines aus vielen Teilen bestehenden Videos. Seit 19. März waren Mitglieder der CDU-Nachwuchsorganisation aufgerufen, eine Version des Klassikers „Zum Geburtstag viel Glück“ einzusenden. Etwa 700 JU-Mitglieder hätten sich beteiligt, wobei auf manchen Videos auch mehrere von ihnen zu sehen seien, sagte JU-Bundesgeschäftsführer Conrad Clemens. „Wir schneiden das zu einem großen Gesamtvideo zusammen.“ In dem etwa dreiminütigen Streifen kommen auch prominentere Parteivertreter wie Klöckner, der JU-Bundesvorsitzende Paul Ziemiak und Bundesvorstandsmitglied Jens Spahn zu Wort. Das Video soll Kohl vor seinem Geburtstag zugestellt werden.

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