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Kein Vorentscheid zum ESC 2016 : Xavier Naidoo – so geht das nicht, liebe ARD

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Aus der Onlineredaktion

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Finalteilnehmer vorausgewählt wird. Bislang blieb der große Erfolg aber aus, wie ein Blick in die Geschichte zeigt.

shz.de von
erstellt am 19.Nov.2015 | 15:49 Uhr

Berlin | Der ESC-Vorentscheid war in den letzten Jahren ein spannendes und musikalisch-interessantes Ereignis. Bekannte und unbekannte Künstler konnten sich zur Wahl stellen, um von den Fernsehzuschauern ins Finale des Eurovision Song Contests gewählt zu werden. Auch über den Song konnten die Zuschauer in den letzten Jahren mitbestimmen. Interessant war die Wild Card, über die sich bis dato kaum bekannte Bands in die Herzen der Zuschauer und in den finalen Vorentscheid singen konnten. Das alles wird es beim ESC 2016 nicht geben, Deutschland ist für das kommende Jahr ein Teilnehmer diktiert worden: Xavier Naidoo.

Die Entscheidung ruft im Netz bereits scharfe Reaktionen hervor, gilt der Sänger mit indischen und afrikanischen Wurzeln nicht gerade als Paradekandidat für einen Auftritt im toleranten und weltoffenen Schweden.

Immer wieder sorgte Xavier Naidoo in der Vergangenheit für Verwirrungen mit seinen Aussagen über die besetzte Bundesrepublik und die Reichsbürgerbewegung. Wegen eines Songtextes wurde ihm Intoleranz vorgeworfen.

Vielleicht trauen sich die öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen nicht mehr, einen Vorentscheid wie in den vergangenen Jahren aufzuziehen. Ideengeber des erfolgreichen Formats seit 2010 war kein anderer als Stefan Raab, der zum Ende dieses Jahres von der Fernsehbühne tritt. Vielleicht ist die Entscheidung aber auch mit dem katastrophalen Abschneiden der diesjährigen Teilnehmerin Ann-Sophie verbunden, die mit null Punkten Letzte wurde. Sie sprang für Sänger Andreas Kümmert ein, der den Vorentscheid zwar gewann, aber nicht antreten wollte.

Ein Szenario, das mit Naidoo nicht eintreten wird. Der betonte bereits gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, „das Ding nach Hause holen zu wollen“. Deutschland kann er dabei eigentlich nicht meinen, denn die Existenz der souveränen BRD hat er ja mehrfach angezweifelt. 2011 sagt er im ARD-Morgenmagazin „Wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land“. Am Tag der Deutschen Einheit sprach er in diesem Jahr vor Mitgliedern der Reichsbürgerbewegung, prangerte die von den USA besetzte Bundesrepublik an und rief zum Widerstand auf.

Auch will er zeigen, dass er für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander stehe – eine Kehrtwende? 2012 geriet Naidoo wegen eines Liedtextes in Verruf. Die Anklage wegen eines „Hidden Track“ auf dem gemeinsamen Album „Gespaltene Persönlichkeit“ mit Kool Savas wird später fallen gelassen. Bestritten hat er die Homophobie-Vorwürfe gegen seine Person immer vehement.

Weitere Vorwürfe, er sei ein christlicher Fundamentalist, der Verbreiter von Verschwörungstheorien oder Antisemit, prallen an der harten Schale des Soulsängers ab – teilweise mit der Hilfe deutscher Gerichte. Trotzdem wurde er im November 2014 in der Kategorie „Rechte Verschwörungs-Paranoia“ mit dem „Goldenen Brett“ geehrt, einem satirischen Negativpreis. Für die ARD steht Naidoo hingegen für Toleranz. Auch Xavier Naidoo wehrt sich gegen Anfeindungen und sagt: Ich stehe für ein weltoffenes Deutschland.

Sollte Naidoo antreten, ist trotz seiner großen Fangemeinde nicht sicher, ob die ARD-Entscheidung auch von Erfolg gekrönt ist. Denn es ist in der ESC-Geschichte nicht das erste Mal, dass die Rundfunkanstalten auf den Vorentscheid verzichten und einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken. Das hatte nicht immer Erfolg. Eine Übersicht:

1959 Es sind die Kessler-Zwillinge Alice und Ellen, die mit dem schmissigen Titel „Heute abend woll’n wir tanzen geh’n“ im hinteren Teil der Tabelle landen. Sie werden auf Platz acht von 11 Teilnehmern gewählt.
1966 Margot Eskens kann mit „Die Zeiger der Uhr“ kaum einen vom Hocker reißen. Der Titel landet auf Platz 10 von 18 Teilnehmerländern. Das ist immerhin besser als die beiden Nullrunden in den Jahren zuvor.
1967 Inge Brück wird intern ausgewählt, mit dem Song „Anouschka“ beim ESC anzutreten. Das Lied landet nur auf Platz acht. 17 Länder nehmen am Song-Contest teil.
1968 Mehr Erfolg hat Wencke Myhre, die mit „Ein Hoch der Liebe“ immerhin Platz sechs erreicht.
1974 Als Cindy & Bert mit „Die Sommermelodie“ ins Rennen gehen, erhoffen sie sich viel, landen aber auf dem letzten Platz. ABBA gewinnt mit „Waterloo“.
1977 Nur drei Jahre später tritt die Silver Convention mit dem Song „Telegram“ für Deutschland beim ESC an. Ein achter Platz springt heraus.
1993 Die Münchener Freiheit ist es, die 1993 mit dem Song „Viel zu weit“ viel zu weit hinten landet. Am Ende heißt es Platz 18 von 25.
1994 In den Rundfunkanstalten wird gefeiert. „Wir geben ’ne Party“ wird es wohl geheißen haben als das Trio MeKaDo, von Ralph Siegel zusammengestellt, Platz drei in Dublin erreicht.
1995 Ein Jahr später ist der Traum vom nächsten Gewinn des Eurovision Song Contests bereits wieder ausgeträumt. Stone und Stone singen „Verliebt in Dich“ – verliebt in den Song sind wohl die wenigsten, er wird letzter.
1996 Frisör „Leon“ schafft es nicht einmal in die Finalrunde. Der Song „Planet Blue“ scheitert bereits in einer internen Qualifikationsrunde der Europäischen Rundfunkunion.
2009 Bei der bis dato letzten internen Auswahl eines Künstlers, reicht es nur für einen der hinteren Ränge. Mit „Miss Kiss Kiss Bang“ landet Alex Swings Oscar Sings auf einem bescheidenen 20. Platz bei insgesamt 25 Teilnehmern.

Dass es besser geht, zeigte nicht nur Nicole 1982 mit „Ein bisschen Frieden“. Guildo Horn erreichte 1998 mit „Guildo hat euch lieb“ einen guten siebten Platz (von 25). Im Jahr darauf feierte die Band Sürpriz mit „Reise nach Jerusalem“ den dritten Platz (von 23). Im Millenium-Jahr wurde Stefan Raab mit „Wadde hadde dudde da?“ fünfter (von 24) und auch Michelle schaffte es 2001 (von 23) mit „Wer Liebe lebt“ auf den achten Platz.

2004 wurde Max Mutzke, der mit „Can’t Wait Until Tonight“ ebenfalls Achter (von 36). 2010 wählten die Zuschauer Lena ins Finale, die dort mit „Satellite“ auch gewann. Es war Deutschlands zweiter Erfolg beim ESC. Auch im folgenden Contest landete Lena wieder in den Top Ten. Roman Lob wurde 2012 mit „Standing Still“ ebenfalls unter die besten zehn Künstler gevotet.

Sicher gab es für Deutschland viele Nullrunden und Platzierungen im hinteren Teilnehmerfeld, doch immer wieder zeigte sich in der Vergangenheit das gute Gespür des Fernsehpublikums, das zahlreiche gute Platzierungen erst ermöglichte. Nun ist Xavier Naidoo der Auserwählte – ohne Publikumsvoting. Am 18. Februar 2016 heißt es dann spektakulär: „Unser Song für Xavier“. In der Sendung wird Naidoo sechs Titel vortragen, die Zuschauer dürfen dann wählen, welcher ihnen am besten gefällt. Es wird eine One-Man-Show, die vermutlich nur hartgesottene Naidoo- oder ESC-Fans tatsächlich werden vertragen können. Jegliche Spannung oder Vorfreude ist mit der Verkündung bereits raus. Liebe ARD, so führt man kein erfolgreiches Konzept fort.


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