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Feminist mit zwei Frauen : William Marston: Film über Wonder-Woman-Schöpfer

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«Professor Marston & The Wonder Women» erzählt die Geschichte von William Marston, dem Erfinder von Wonder Woman. Doch der Film widmet sich eher Marstons Liebesleben als der Entstehung der Comic-Heldin. Und laut seiner Familie gibt es keinerlei Bezug zur Realität.

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2017 | 11:58 Uhr

Lesbische Liebe, eine Ménage à trois und Fesselspiele: Was in den USA der 30er Jahre als «Perversion» galt, war auch die Inspiration für eine der beliebtesten Comic-Figuren aller Zeiten.

Davon handelt das pseudo-biografische Drama «Professor Marston & The Wonder Women». Der Film von Regisseurin Angela Robinson («Herbie Fully Loaded») mit Luke Evans («Der Hobbit») und Rebecca Hall («Vicky Cristina Barcelona») dreht sich um den Wonder-Woman-Erfinder William Moulton Marston, der gegen die gesellschaftliche Norm eine polyamante Beziehung mit zwei Frauen führt.

Der Harvard-Absolvent doziert als Psychologie-Professor an der Uni. Seine emanzipierte Ehefrau Elizabeth Holloway arbeitet als seine Assistentin, denn eine eigene Professur bleibt ihr verwehrt. «Weil ich eine Vagina habe», sagt sie verärgert. Mit ihrem Mann entwickelt Elizabeth den ersten Lügendetektor. Testperson ist die Studentin Olive Byrne (Bella Heathcote, «Dark Shadows»), die schon bald mehr als nur eine Aushilfe ist. Zwischen Olive und dem Ehepaar Marston entwickelt sich eine Dreiecksbeziehung, die alle Beteiligten ihren Job kostet, aus der aber schließlich auch Kinder hervorgehen.

Professor Marston soll auch im wahren Leben ein erklärter Feminist gewesen sein. Er hofft auf eine Welt, in der Frauen Präsidentin der USA werden können. Allerdings wird er dafür sogar vom weiblichen Geschlecht belächelt. Luke Evans spielt den Professor, der 1947 im Alter von nur 53 Jahren an Krebs starb, als liebevollen Denker, der im konservativen Amerika für eine tolerantere und gleichberechtigte Gesellschaft kämpft und in seinen Comics einen Erziehungsauftrag sieht. «Jungs müssen lernen, starke Frauen zu respektieren», sagt er.

Elizabeth und Olive sind seine «Wonder Women». Die beiden Frauen, die auch nach Marstons Tod weiter in einer lesbischen Beziehung zusammenlebten, sollen maßgeblichen Einfluss auf die Schöpfung von Wonder Woman gehabt haben. Elizabeth ist die starke, selbstbewusste Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft und arbeitet schließlich - wie Wonder Woman - als Schreibkraft. Olive wirkt zunächst eher naiv und unsicher - Marston nennt es «rein» -, bevor sie die gesellschaftlichen Zwänge über Bord wirft und sich der unkonventionellen Liebe mit dem Ehepaar hingibt.

Auf dem Plakat zum Film ist Bella Heathcote im Wonder-Woman-Kostüm zu sehen. Die Veröffentlichung von «Professor Marston & The Wonder Women» ist gut getimt. Denn der Hollywood-Blockbuster «Wonder Woman» mit Schauspielerin Gal Gadot in der Hauptrolle zählte zu den Kinohits des Sommers. Den Erfolg wollten die Macher des Marston-Film natürlich nutzen und haben in ihrer Werbekampagne die Optik beinahe identisch übernommen. Wonder-Woman-Fans werden allerdings enttäuscht. Bis auf die regelmäßige Einblendung von Comic-Szenen erfährt man wenig über die tatsächliche Entstehungsgeschichte der Superheldin. So wird etwa Marstons Besuch im Büro des Verlags DC Comics nur kurz abgehandelt.

Vorrangig geht es in Robinsons Film um Sex. Die sexuelle Spannung - vor allem zwischen den Frauen - ist von Anfang an hoch und gipfelt in einer Liebesszene zu dritt, die von Nina Simones «Feeling Good» begleitet wird. Die Vorliebe des Trios für Fesselspiele soll Marston beim Zeichnen inspiriert haben. «Jede Ausgabe von Wonder Woman ist voll von Gewalt, Folter und Sadomasochismus», wirft ihm eine Sittenwächterin bei einer behördlichen Anhörung vor. Rückblenden zeigen dann entsprechende Momente aus der Ménage à Troi.

Das berühmte Wonder-Woman-Kostüm, das Olive auf dem Plakat trägt, probierte sie angeblich zufällig in einem Geschäft für Burlesque-Mode an. Die Comics, so scheint es, sind ein Abbild von Marstons Leben und seiner Vision einer toleranten Gesellschaft. Und vermutlich sind sie bei aller Empörung damals auch gerade wegen der pikanten Bilder von leicht bekleideten und gefesselten Frauen so populär gewesen.

«Basiert auf wahren Ereignissen» heißt es zu Anfang des Films. Wie viel Wahres aber tatsächlich darin steckt, ist umstritten. Christie Marston, die Enkelin des Wonder-Woman-Erfinders, distanzierte sich auf Twitter deutlich. Das sei «keine wahre Geschichte» und habe «keinerlei Bezug» zu ihrer Familie. Die Fotos, die im Abspann gezeigt werden, legen aber zumindest einen gewissen Zusammenhang nahe.

Als Biografie funktioniert «Professor Marston and the Wonder Women» nicht, als optisch ansprechendes Drama über eine unkonventionelle Liebe schon eher. Der Film ist sexy, verschwendet aber zu viel Zeit auf erotische Effekthascherei und bleibt zu oberflächlich. Die klischeehafte Filmmusik mit bedächtigem Klavier und pathosgeladenen Streichern wirkt zudem oft kitschig. Da kann auch die gute Besetzung, allen voran die hervorragende Rebecca Hall, nicht helfen. «Professor Marston and the Wonder Women» ist - ganz im Gegensatz zu seinen Protagonisten - äußerst konventionell.

Professor Marston & The Wonder Women

Tweet von Christie Marston

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