Heimsuchung im Urlaub : «The Strangers: Opfernacht»: Grusel mit Christina Hendricks

Kinsey (Bailee Madison) entdeckt beängstigende Schriftzüge auf dem Fenster. /SquareOne
Kinsey (Bailee Madison) entdeckt beängstigende Schriftzüge auf dem Fenster. /SquareOne

Eine Familie wird endlich mal Urlaub machen, doch wird sie von Killern heimgesucht. Es beginnt eine gruselige Jagd. In einer der Hauptrollen: Christina Hendricks, bekannt aus «Mad Men».

shz.de von
16. Juni 2018, 13:43 Uhr

Horrorfilme spielen gern am vermeintlich sichersten Ort von allen: in den eigenen vier Wänden. Eine beliebte Variante ist dabei die Heimsuchung im Urlaubsdomizil.

Mit einem solchen Rezept fand Bryan Bertinos «The Strangers» über ein von drei Maskierten terrorisiertes Paar 2008 zahlreiche Fans. Zehn Jahre später präsentieren Bertino (Buch) und Johannes Roberts (Regie) «The Strangers: Opfernacht», einen atmosphärisch dichten Nachfolger.

Das rebellische Teenagermädchen Kinsey wird von ihren Eltern ins Internat abgeschoben. Kurz vor Schuljahresbeginn zwingen Mama (Christina Hendricks) und Papa (Martin Henderson) sie und ihren Vorzeigebruder zu einem Kurzurlaub in einem unheimlichen, von Wald umgebenen Wohnwagen-Park.

Bald schon wird die zerrüttete amerikanische Durchschnittsfamilie gejagt - von einer dreiköpfigen Killerfamilie und einem Ford-Pick-up, der ausschließlich Powerballaden aus den 1980er Jahren spielt. Die Mörder tragen Masken. Wer sie sind und was sie antreibt, erfahren wir nicht. Aber sie sind, was jede gute amerikanische Familie gern wäre: eingespielt. Anders als bei den Urlaubern prägt ein wortloses Verständnis ihr gnadenloses systematisches Vorgehen. In einer Art Ausrottungsspiel der Familien wetzen die sieben Figuren durchs nächtliche Wohnwagen-Resort.

Körnige Außenaufnahmen im Nebel und willkürlich erscheinende Zooms in die Landschaft lassen die Zuschauer nah ins Geschehen rücken. Das Szenario ist realistisch und zugleich surreal. Visuell und auditiv im Gedächtnis bleibt insbesondere ein Kampf: Blut breitet sich aus im Swimming Pool, unter Neonlicht erklingt aus der Beschallungsanlage Bonnie Tylers «Total Eclipse of the Heart». Ebenfalls verstörend ist der Endkampf. Es drängt sich die Frage auf: Hat die entkommende Figur ihr verletztes Familienmitglied bewusst zurückgelassen oder einfach vergessen? Das ist so unheroisch, es wirkt fast wie wirklich passiert.

Die Blicklenkung von Kameramann Ryan Samul funktioniert bestens. Auch die schauspielerische Leistung ist solide; die Figuren haben sogar ein bisschen Drama und Persönlichkeit - zum Beispiel Mutter Cindy, gespielt von Christina Hendricks («Mad Men»). Ihre Buttons, ihre blutrot gefärbten Haare, ihr entschlossener Schluck aus der Weinpulle - immer wieder scheint durch, dass sie selbst einmal jung und wild war. Vielleicht wilder als die Kids.

Die gelungenen Aspekte des Films trösten allerdings kaum über seine Unzulänglichkeiten hinweg. Klar sind Horrorfilme immer ein Flirt mit dem Unvermeidlichen - aber es grenzt schon an vermeidbare Blödheit, mit welcher Zuverlässigkeit die Gejagten hier Revolver, Schrotflinte und andere Überlebens-Mittel nach kurzer Benutzung am Wegesrand liegen lassen.

Horrorfilme spielen mit existenziellen Motiven wie Angst, Lust, Verdrängung und können im besten Fall sogar philosophisch sein. «The Strangers» setzt in einer verunsicherten Zeit den Hebel bewusst am Urlaubsort, einem der letzten sicher geglaubten Ort an. Doch was bedeuten der Hass der Mörder und die Angst vor «den Fremden»? Und was sagt uns die insistente 1980er Musik, die direkt aus Ronald Reagans Amerika des Raubtierkapitalismus zu kommen scheint?

Die Antwort - oder Nicht-Antwort - fällt in einer der wohlgesetzten Kampfpausen. Kinsey fragt das Mädchen aus der Killerfamilie: Warum das alles? Das Mädchen antwortet: Warum nicht? Ein Schuss beendet den Kampf der beiden und den der Zuschauer um Sinnstiftung. Hier bleiben die Mörder völlig unlesbar. Mit Methode. Denn Regisseur Johannes Roberts ist ein großer Fan des Horrorfilm-Experten John Carpenter. Sinnlose und unmotivierte Gewalt schrecke das Publikum besonders, meint dieser und hält es darum für einen genialen Schachzug, dass die Killerfamilie wahllos tötet.

Das ist es aber nicht. «The Strangers: Opfernacht» ist zwar ein schlüssiger Zeitkommentar: Es liegen ein Maximum an Gewaltbereitschaft und menschenverachtendem Hass in der Luft. Doch das lassen die Filmemacher unkommentiert so stehen. Sobald man sich von den Gewaltszenen erholt hat, denkt man daher nicht weiter über den Film nach.

The Strangers: Opfernacht, USA 2018, 85 Min., FSK ab 16, von Johannes Roberts, mit Christina Hendricks, Martin Henderson, Bailee Madison, Lewis Pullman

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