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Filmstar im Interview : „Quotenpest“: Iris Berben bemängelt fehlenden Mut

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Deutsche Fernsehmacher sind Iris Berben nicht mutig genug. Der Film über die Familie Wagner, in dem sie jetzt mitspielt, ist für sie allerdings eine Ausnahme - und nicht nur, weil ihr Sohn ihn produziert hat.

shz.de von
erstellt am 19.Feb.2014 | 14:20 Uhr

München | Iris Berben (63) spielte in der Literaturverfilmung „Die Buddenbrocks“, war in dem ZDF-Mehrteiler „Krupp - Eine deutsche Familie“ zu sehen - und jetzt widmet sie sich wieder einem deutschen Mythos: In dem ZDF-Film „Der Clan“ (Sonntag, 23. Februar, 20.15 Uhr) spielt sie Cosima Wagner, die Witwe des Komponisten und erste Herrin des Grünen Hügels in Bayreuth. Ohne Cosima wäre der Wagner-Kult von heute undenkbar, sagt Berben im Interview der Nachrichtenagentur dpa in München.

Was für eine Figur ist Cosima Wagner? 

Sie handelt ganz strategisch. Es geht ihr einzig und allein um das Erbe und die Überhöhung der Figur Richard Wagner. Sie geht dafür sogar soweit, ihre eigenen Kinder zu verraten und zu verlieren. Was die Frau an Strategie hatte, um diese Marke Wagner fortzusetzen, das finde ich schon bitterhart.

In ganz wenigen Momenten scheint im Film aber auch eine andere Cosima Wagner durch - eine, die glaubt, sie sei für den Tod ihres Mannes verantwortlich, eine, die ihre verstoßene Tochter vermisst...

Ja, ein Mensch ist ja nie nur per se schlecht. Das wäre zu eindimensional, aber ihre Haltung während ihres gesamten Lebens war nicht darin begründet, dass sie sich schuldig gefühlt hat. Das war vielleicht eher eine Altersschwäche zum Schluss.

Wie haben Sie sich der Figur genähert? Und welche Rolle spielte Wageners Musik dabei? 

Erstmal über die Biografie, muss ich sagen. Natürlich kannte ich Wagners Musik, seine Opern waren mir nicht fremd und auch die bis in die heutige Zeit nicht sehr einfachen Familienverhältnisse waren mir ein Begriff. Aber dank der Biografie von Jonathan Carr habe ich erst gemerkt, welche Verstrickungen es da genau gab. Die Geschichte dieses Clans lässt sich, glaube ich, am besten über die Verhältnisse der Menschen zueinander erfassen als über die Musik. Die ist ja nur das Produkt, das erhalten und vermarktet werden muss.

Was hat Sie bei der Beschäftigung mit Cosima Wagner am meisten überrascht? 

Diese ungeheuere Strategie, die sie für die Verwaltung des Wagner-Erbes hatte. Mir war gar nicht so bewusst, dass es seit dem Tod Wagners die Frauen waren, die auf dem Grünen Hügel führen.

Die Musik machen die Männer, aber es ist in der Hand der Frauen und damit ist Cosima auf eine gewisse Weise eine sehr früh emanzipierte Frau gewesen und hat sich in einer Zeit in eine Machtposition gebracht, die damals mehr als ungewöhnlich war für eine Frau.

Was halten Sie von der zeitlichen Begrenzung des Films? 

Er beginnt mit Wagners Tod und endet mit Hitlers „Machtergreifung“. Das finde ich gut, denn da ist das Wirken Cosimas am stärksten. Da zieht sie die Fäden für ein Konstrukt, das bis heute funktioniert - oder eben nicht funktioniert. Natürlich könnte man hunderte Filme über die Familie Wagner drehen, über andere Zeitabschnitte, über einzelne Figuren - der Stoff gibt unglaublich viel her.

Welche Reaktionen erwarten Sie auf den Film? 

Das wird sicher kontrovers gesehen werden. Die Wagnerianer haben sicher ihre eigene Vorstellung von der Familie - und die anderen werden entweder überrascht sein oder in ihrer Meinung bestätigt. Das finde ich toll, dass dieser Film erreichen kann, dass die Zuschauer unterschiedliche Positionen dazu einnehmen können.

Ihr Sohn hat bei der Premiere in München gesagt, er halte diesen Film für sehr mutig - und zeitgleich betont, dem deutschen Fernsehen insgesamt fehle es an Mut. Teilen Sie seine Einschätzung? 

Absolut. Ich finde es wichtig, dass wir uns verändern, dass wir dem Zuschauer mehr zumuten, ihm mehr abfordern. Das bedeutet nicht radikale Veränderungen, aber ich finde, ein Fernsehen ist in der heutigen Zeit verpflichtet, andere Positionen einzunehmen, andere Formen auszuprobieren, andere Sehgewohnheiten einzufordern. Dazu gehört aber auch die Bereitschaft der Verantwortlichen, nicht sofort den Schwanz einzuziehen, wenn es beim ersten Mal nicht direkt klappt.

Man muss dem Zuschauer Zeit geben. Er hat gewissen Rituale und Vorlieben und einigen stößt man sicher vor den Kopf, aber das muss man aushalten. Anders wird es sich nicht verändern. Aber solange die Quotenpest, die über alles herrscht, uns den Weg vorgibt, wird das schwierig.

Was ist das, was Sie und Ihr Sohn mit Mut umschreiben? Was genau fehlt dem deutschen Fernsehen denn? 

Na, neue Formate! Dominik Graf hat das toll gemacht mit „Im Angesicht des Verbrechens“ - und das wird dann im Nachtprogramm versteckt. Auch Oliver Berben hat es gemacht mit „Verbrechen“ von Schirach. Da war das ZDF mutig. Wir brauchen andere Kameraführungen, eine andere Bildsprache. Neue Geschichten wird man nicht erfinden, aber man kann sie anders erzählen.

Was ist am „Clan“ mutig? 

Es ist ein historischer Stoff, der sehr modern erzählt wird, mit einer großen Lässigkeit. Der Film erstarrt nicht in seinen Kostümen und Frisuren, nicht in seiner Sprache. Es sind tatsächlich auch andere Bilder, die mit einer heutigen Ästhetik umgehen. Das ist schon sichtbar, denke ich.

Waren Sie schon mal bei den Bayreuther Festspielen? 

Leider nicht. Ich hatte zwei wunderbare Einladungen zu Premieren, die ich aber nicht annehmen konnte, weil ich gedreht habe.

Aber natürlich möchte ich gerne mal hingehen und diesen unglaublichen Sound, den es ja nur dort geben soll, hören. Ich habe Wagner oft gehört, aber es muss auf dem Hügel wirklich einmalig klingen.

Was halten Sie von dem Wagner-Kult, der dort auf dem Hügel noch immer ungebrochen herrscht? 

Das ist eine andere Welt, die in einer ganz anderen Zeit steckengeblieben ist. Das ist das faszinierende und gleichzeitig auch befremdliche und unheimliche. Da ist schon was geschaffen worden - etwas sehr deutsches.

Glauben Sie, dieser Kult wäre ohne Cosima entstanden?

Nein, das glaube ich nicht. Die Musik hätte überlebt - der Kult in dieser Form nicht.

ZUR PERSON: Iris Berben ist eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen. Schon als 18-Jährige spielte sie in Kurzfilmen der Hamburger Kunsthochschule, 1968 drehe sie ihren ersten Kinofilm „Detektive“. 1969 gab sie in „Brandstifter“ ihr Fernsehdebüt. Heute arbeitet sie oft mit ihrem Sohn zusammen, dem Produzenten Oliver Berben.

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